„Ich habe sie gesehen. Sie ist sehr schön. Très belle;[102] du hast einen guten Geschmack.“
„Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber mit ihr zu sprechen hast du doch nicht gewagt, und ich will auch nicht, daß du von ihr zu sprechen wagst!“
„Du bist noch ein Jüngling, und sie macht sich über dich lustig – das ist das Ganze! Wir haben in Moskau einen ähnlichen Fall mit einer solchen tugendhaften Dame gehabt: ach, wie stolz die war, und wie hoch sie die Nase trug! Und wie erzitterte sie, als man ihr sagte, wir würden alles erzählen, und wie gehorsam war sie dann – und wir nahmen natürlich das eine wie das andere: Geld und noch – du kannst dir schon denken was. Jetzt ist sie in der Gesellschaft wieder die unnahbare große Dame – Teufel noch eins, wie hoch oben sie wieder ist, und in was für einer Equipage sie wieder fährt, und dabei – wenn du nur gesehen hättest, in was für einer Spelunke das geschah! Du kennst das Leben noch nicht, wenn du wüßtest, vor was für Spelunken diese Damen nicht zurückscheuen ...“
„Das hab’ ich mir gedacht,“ murmelte ich unwillkürlich.
„Verdorben sind sie bis in die Fingerspitzen! Du ahnst es nicht, wozu sie fähig sind! Alphonsina ist einmal in solch einem reichen Hause gewesen, – geekelt hat sie sich einfach davor!“
„Das habe ich mir gedacht,“ entfuhr es mir wieder.
„Du aber läßt dich schlagen und hast dann noch Mitleid mit ihr ...“
„Lambert, du bist ein Schurke, du verfluchter Lump!“ schrie ich, da mir plötzlich alles klar wurde, und ich zitterte vor Wut. „Ich hab’ das alles schon im Traum gesehen, du standest mit Anna Andrejewna ... Oh, du verfluchter Lump! Hast du wirklich geglaubt, daß ich so ein Schurke sein könnte? Mir hat davon bereits geträumt, weil ich wußte, daß du mir Ähnliches sagen würdest! Und schließlich, das kann doch nicht alles so einfach sein, daß du mir so geradeaus und ohne Bedenken davon reden kannst!“
„Sieh mal, wie du aufbraust! Te-te-te!“ spottete Lambert und lachte triumphierend. „Nun, Freund Arkaschka, jetzt weiß ich glücklich alles, was ich wissen wollte. Darum hab’ ich auf dich gewartet. Höre mal: du hast dich also in sie verliebt und möchtest dich an Bjoring rächen – sieh, das war es, was ich wissen mußte. Ich hab’ mir das auch schon gedacht, die ganze Zeit, während ich auf dich wartete. Ceci posé, cela change la question.[103] Um so besser, da sie doch selbst in dich verliebt ist. Darum heirate sie, ohne zu zögern, das wird das Beste sein, was du tun kannst. Und was anderes kannst du auch gar nicht tun, du hast das Richtigste getroffen. Und dann vergiß eines nicht, Arkadi: daß du einen Freund hast, auf dem du meinetwegen reiten kannst – und dieser Freund bin ich. Dieser Freund wird dir helfen und dich mit ihr verheiraten: und sollte er auch alles aus der Hölle für dich herausholen müssen, Arkascha! Du aber gibst deinem alten Freunde dann dreißig Tausender für die Mühe, was? Ich werde dir mächtig helfen, da sei du unbesorgt. In solchen Geschäften kenne ich mich aus: du bekommst ihre ganze Mitgift ausgezahlt, bist dann ein reicher Mann und hast eine glänzende Zukunft vor dir!“
In meinem Kopf ging zwar schon alles durcheinander, aber ich sah Lambert doch noch mit Verwunderung an. Er sprach im Ernst, das heißt, nicht, daß man ihn ernst nehmen konnte, aber jedenfalls schien er doch im Ernst an die Möglichkeit zu glauben, mich mit ihr verheiraten zu können, und offenbar nahm er die Idee mit Begeisterung auf. Selbstverständlich merkte ich sofort, daß er mich fangen wollte, und das noch dazu in einer so plumpen Art, als hätte er es mit einem dummen Jungen zu tun gehabt; sicher habe ich das schon damals bemerkt; aber der Gedanke an eine Ehe mit ihr überwältigte mich dermaßen und nahm mich so schnell gefangen, daß ich – obgleich ich mich über Lambert wunderte, weil er von einem so phantastischen Einfall ernsthaft reden konnte – daß ich doch gleichzeitig selber ganz hingerissen an die Möglichkeit glaubte, ohne aber dabei auch nur für einen Augenblick das Bewußtsein zu verlieren, daß diese sich nie und nimmer verwirklichen konnte. Ich begreife selbst nicht, wie sich das alles in mir miteinander vertrug.