II.
Er folgte mir nicht, freilich nur darum nicht, weil gerade kein zweiter Schlitten zur Stelle war, und so gelang es mir, ihm zu entkommen. Ich fuhr aber nur bis zum Heumarkt; dort stieg ich aus und entließ den Kutscher, denn ich hatte das starke Bedürfnis, zu Fuß zu gehen. Ich empfand weder Müdigkeit noch Trunkenheit, ich war nur ausnehmend munter. Es war ein großer Überschuß von Kräften in mir, ich fühlte mich zu jedem Unternehmen fähig und unzählige angenehme Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Mein Herz klopfte jäh und hart – ich hörte jeden Schlag. Und alles schien mir so schön und alles so leicht. Als ich an der Hauptwache am Heumarkt vorüberging, hatte ich die größte Lust, zum Posten hinzugehen und ihn zu umarmen. Es war Tauwetter; der Schnee auf dem Platz sah schon ganz schwarz aus und stank; aber auch das gefiel mir.
„Jetzt gehe ich den Obuchoffprospekt hinunter,“ dachte ich bei mir, „dann biege ich links ein und mache einen Umweg über die Ssemjonoffkaserne, das ist schön; alles ist schön. Den Pelz trage ich offen ... Warum nimmt ihn mir niemand ab, wo sind denn die Diebe? Auf dem Heumarkt soll es doch Diebe geben; mögen sie nur kommen, ich überlasse ihnen vielleicht meinen Pelz. Wozu brauche ich einen Pelz? Ein Pelz ist Eigentum. La propriété, c’est le vol.[104] Übrigens, was ist das für’n Unsinn, aber wie schön ist doch alles! Wie gut, daß es taut. Wozu Kälte? Kälte ist ganz überflüssig. Wieviel Unsinn man mit sich herumschleppt, aber es ist doch schön. Was habe ich soeben Lambert von Prinzipien gesagt? Ich sagte, es gäbe keine allgemeinen Prinzipien, es gäbe nur noch ‚Einzelfälle‘. Das war von mir geschwindelt, war eine Erzschwindelei! Und mit Absicht, um mich wichtig zu machen. Ein bißchen peinlich, aber das tut nichts, ich werde es schon wieder gutmachen. Schämen Sie sich nicht, Arkadi Makarowitsch, quälen Sie sich doch nicht deswegen! Sie gefallen mir, Arkadi Makarowitsch, Sie gefallen mir sogar außerordentlich, mein junger Freund. Schade nur, daß Sie ein kleiner Schuft sind ... und ... und ... Ach!“
Ich blieb plötzlich stehen, und mein Herz schlug mächtig vor Entzücken.
„Mein Gott! Was hatte er gesagt? Er sagte, daß sie – mich liebt! ... Oh, er ist ein Spitzbube, er hat viel gelogen; er hat das nur gesagt, damit ich bei ihm übernachte. Oder vielleicht auch nicht. Er sagte doch, Anna Andrejewna sei derselben Meinung ... Bah! Und Darja Onissimowna – ob die nicht manches für ihn ausgekundschaftet hat? Die schnüffelte doch überall herum. Warum bin ich eigentlich nicht mit ihm gegangen? Ich hätte dann alles erfahren. Hm! Er hat einen Plan. Ich habe ja alles bis zur letzten Einzelheit vorausgeahnt. Mein Traum! Ihr Plan ist nicht schlecht, Herr Lambert, nur ist das barer Unsinn, denn so wird das nicht sein! Oder vielleicht doch? Vielleicht – doch! Kann er mich denn verheiraten? Vielleicht kann er es wirklich. Er ist naiv und gläubig. Und dazu ist er dumm und frech, wie alle praktischen Leute. Dummheit mit Frechheit gepaart ist eine große Macht. Geben Sie es mir zu, Arkadi Makarowitsch, daß Sie sich vor diesem Lambert doch gefürchtet haben! Wozu braucht er anständige Menschen? Ganz ernsthaft hat er mir gesagt: ‚Hier gibt es keinen einzigen anständigen Menschen!‘ Aber wer bin ich denn selbst? Doch was rede ich! Als ob Spitzbuben nicht auch anständige Menschen nötig hätten? Zu Spitzbübereien sind anständige Menschen noch viel unentbehrlicher als zu sonstwas. Ha, ha! Das haben Sie in Ihrer großen Unschuld bis heute noch nicht gewußt, Arkadi Makarowitsch. Herrgott! Und wenn er mich wirklich mit ihr verheiratet!“
Ich stand plötzlich wieder still. Ich muß hier eine Dummheit eingestehen (sie liegt ja schon so weit hinter mir!) – die Dummheit, daß ich schon lange vorher hatte heiraten wollen – das heißt, eigentlich habe ich es ja nie gewollt, und es wäre ja auch niemals geschehen (und auch in Zukunft wird es nie geschehen, mein Wort darauf!), aber ich habe schon oft und schon lange vorher davon geträumt – und wohl abertausendmal und besonders nachts vor dem Einschlafen im Bett – wie schön es doch sein müßte, zu heiraten. Das hatte schon in meinem sechzehnten Jahre angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen Kameraden, einen Altersgenossen, Lawrowski hieß er; er war ein stiller, hübscher Junge, der sich übrigens durch nichts weiter auszeichnete. Gesprochen hatte ich mit ihm fast noch nie. Eines Abends saßen wir zufällig nebeneinander, und er schien ganz in Gedanken versunken zu sein; plötzlich sagte er zu mir: „Ach, Dolgoruki, was meinen Sie, wenn man doch jetzt heiraten könnte? Nein wirklich, wann soll man denn heiraten, wenn nicht jetzt? Gerade jetzt wäre die beste Zeit dazu, und doch ist es für unsereinen jetzt ganz unmöglich!“ Und so aufrichtig sagte er das. Ich stimmte ihm sofort von ganzem Herzen bei, denn ich hatte schon selbst von Ähnlichem zu träumen angefangen. Nachher kamen wir eine Zeitlang täglich zusammen und sprachen dann heimlich nur von diesem einen, immer nur davon. Dann aber – ich weiß nicht, wie es kam – suchten wir einander nicht mehr auf und sprachen nicht mehr davon. Seitdem träumte ich allein weiter. Das ist freilich alles gar nicht der Erwähnung wert, doch – ich wollte eben bloß feststellen, wie früh manchmal so etwas anfangen kann ...
„Es gibt nur einen ernsthaften Einwand,“ spann ich meine Gedanken weiter, während ich meinen Weg fortsetzte, „denn der geringe Altersunterschied kann selbstverständlich kein Hindernis sein; aber wenn man bedenkt: sie ist eine solche Aristokratin, und ich heiße – ‚einfach Dolgoruki‘! Das ist schrecklich! Hm! Aber könnte Werssiloff nicht, wenn er Mama heiratet, ein Gesuch einreichen und von der Regierung die Erlaubnis erwirken, mich zu adoptieren ... sozusagen in Anbetracht seiner Verdienste ... Er war doch im Staatsdienst, er hat sich doch um den Staat verdient gemacht ...“ Und plötzlich durchzuckte es mich: „O Teufel, diese Gemeinheit!“
Fast laut stieß ich es hervor, und ich stand zum drittenmal still – diesmal wie von einem Keulenschlage getroffen. Die ganze Qual der erniedrigenden Erkenntnis, daß ich mir solche Schmach hatte wünschen können, wie die Änderung meines Namens durch Adoption, dieser Verrat an meiner ganzen Kindheit – zerstörte in einem Augenblick meine gehobene Stimmung, und meine ganze Freude war wie Rauch verflogen. „Nein, das werde ich keinem Menschen sagen,“ dachte ich und errötete heiß, „so tief habe ich nur sinken können, weil ich ... verliebt und dumm bin ... Nein, wenn Lambert in einem recht hatte, so war es darin, daß heutzutage, in unserer Zeit, die Hauptsache der Mensch selbst ist, und dann erst kommt sein Geld. Das heißt, nicht sein Geld, sondern sein Vermögen. Wenn ich mich mit solchem Kapital an die Verwirklichung meiner ‚Idee‘ mache, so wird in zehn Jahren ganz Rußland von mir widerhallen, und ich werde mich an allen rächen können. Und mit ihr viel Umstände machen, hat auch gar keinen Zweck, darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst haben und mich einfach nehmen. Sie wird auf die einfachste und erbärmlichste Weise einwilligen und mich nehmen. ‚Du kannst dir nicht vorstellen, nicht vorstellen kannst du dir, in was für einer Spelunke das geschah.‘ Diese Worte Lamberts fielen mir wieder ein. „Und so ist es,“ bekräftigte ich, „Lambert hat recht, hat tausendmal mehr recht als ich und Werssiloff und alle Idealisten! Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakter habe und wird sich sagen: ‚Ah, er hat Charakter!‘ Lambert ist ein Schuft, und ihm kommt es nur darauf an, mir die dreißigtausend Rubel zu entreißen, und doch ist er in Wirklichkeit der einzige, der als Freund zu mir hält. Eine andere Freundschaft gibt es nicht und kann es gar nicht geben, die haben sich bloß unpraktische Leute ausgedacht. Und sie erniedrige ich damit durchaus nicht; wodurch erniedrige ich sie denn? Keineswegs: die Weiber sind alle so! Gibt es denn überhaupt ein Weib, das ganz ohne Gemeinheit wäre? Deshalb muß es auch den Mann über sich haben, deshalb ist es als untergeordnetes Wesen geschaffen. Das Weib ist Laster und Versuchung, der Mann ist Anstand und Großmut. Und so wird es bleiben für die ganze Ewigkeit. Daß ich aber im Begriff stehe, das ‚Dokument‘ auszunutzen, das besagt noch gar nichts. Das hindert mich nicht, anständig und großmütig zu sein. Schillersche Idealmenschen gibt es im wirklichen Leben nicht, die hat man sich nur ausgedacht. Dies bißchen Niedrigkeit aber – kann doch schließlich nebensächlich sein, wenn das Ziel erhaben ist! Das läßt sich später alles wieder abwaschen und gutmachen. Jetzt ist das nur Großzügigkeit, ist ‚das Leben‘, ist die Lebensweisheit, – ja, so nennt man das heutzutage!“
Oh, ich sage noch einmal: möge man mir verzeihen, daß ich diese Träumereien der Trunkenheit so eingehend wiedergebe. Was ich hier schreibe ist natürlich nur ein Auszug und eine Verdeutlichung meiner Träume von damals, aber es ist mir, als hätte ich diese Gedanken sogar mit eben diesen Worten gedacht. Ich mußte es wiedergeben, denn ich habe mich doch zum Schreiben hingesetzt, weil ich über mich selbst ein Urteil fällen wollte. Und was wäre wohl mehr zu verurteilen als diese Haltung? Kann denn im Leben etwas ernster sein? Der Wein entschuldigt mich nicht. In vino veritas.