So vor mich hingrübelnd und ganz versunken in meine Träume, hatte ich den Weg nach Hause zurückgelegt und war vor Mamas Wohnung angelangt, ohne es zu gewahren. Ja, ich gewahrte es auch dann noch nicht, als ich schon eintrat; erst in unserem kleinen Vorzimmer kam ich gleichsam zu mir, und da fühlte ich plötzlich, daß bei uns etwas Außergewöhnliches vor sich ging. Ich hörte in den Zimmern laut sprechen und aufschreien, und Mama weinte. In der Tür hätte mich Lukerja, die aus dem Zimmer Makar Iwanowitschs kam und in die Küche stürzte, beinahe umgerannt. Ich warf meinen Pelz ab und begab mich schnell zu Makar Iwanowitsch, da alle dort beisammen waren.

Im Zimmer standen Werssiloff und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er hielt sie fest an sein Herz gedrückt. Makar Iwanowitsch saß wie gewöhnlich auf seiner Bank, aber so sonderbar haltlos, daß Lisa ihn mit ihrer ganzen Kraft an beiden Schultern festhalten mußte, damit er nicht umfiele, und doch neigte er sich immer mehr nach vorn und drohte ganz zu fallen. Ich stürzte näher, erschrak und begriff: der Alte war tot. Er war soeben gestorben, vielleicht eine Minute vor meinem Eintreten. Vor zehn Minuten hatte er sich noch so wie immer gefühlt. Nur Lisa war bei ihm gewesen: sie hatte dagesessen und ihm ihren Kummer erzählt, und er hatte ihr, genau wie gestern, den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er zu zittern begonnen (so erzählte Lisa später), hatte aufstehen, hatte schreien wollen, und war dann lautlos nach links gesunken. „Herzschlag!“ meinte Werssiloff. Lisa hatte aufgeschrien, daß es durchs ganze Haus hallte, und da erst waren die anderen herbeigelaufen – und das alles eine Minute vor meinem Erscheinen.

„Arkadi!“ rief mir Werssiloff zu, „laufe sofort zu Tatjana Pawlowna. Sie muß unbedingt zu Hause sein. Bitte sie, sofort herzukommen! Nimm eine Droschke. Schnell, ich beschwöre dich!“

Seine Augen blitzten – ich erinnere mich dessen noch deutlich. Auf seinem Gesicht bemerkte ich nichts von Mitgefühl oder Tränen, nur Mama, Lisa und Lukerja weinten. Im Gegenteil – und ich erinnere mich dessen nur zu gut –, sein Gesicht hatte den Ausdruck einer außerordentlichen Angeregtheit, ja, fast möchte ich sagen, Begeisterung. Ich lief zu Tatjana Pawlowna.

Der Weg war nicht sehr weit. Ich nahm auch keine Droschke, sondern lief den ganzen Weg zu Fuß, ohne anzuhalten. In meinem Kopfe war ein wirres Durcheinander, und auch ich fühlte eine Art Begeisterung. Ich begriff, daß etwas Entscheidendes geschehen war. Als ich bei Tatjana Pawlowna klingelte, war meine Betrunkenheit spurlos verschwunden und mit ihr alle unedlen Gedanken.

Die Finnländerin öffnete: „Nicht zu Haus!“ sagte sie kurz und wollte die Tür sofort wieder schließen.

„Was heißt das, nicht zu Haus!“ Ich drängte mich mit aller Gewalt ins Vorzimmer. „Das ist nicht möglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben!“

„Wa–as!“ hörte ich sofort Tatjana Pawlownas Stimme hinter der geschlossenen Zimmertür rufen.

„Ja, gestorben! Makar Iwanowitsch ist gestorben! Andrei Petrowitsch bittet Sie, sofort hinzukommen!“

„Hör, du lügst ...“