Er zögerte einige Sekunden, als erwarte er noch immer etwas von mir.

„Na, dann werden Sie Ihre Anordnungen wohl später treffen ... wenn Sie jetzt nicht bei Laune sind,“ murmelte er schließlich, und sein Lächeln wurde noch breiter. „Also, gehen Sie nur, auch ich muß jetzt fort und in meine Kanzlei.“

Er lief die Treppe wieder hinauf. Freilich konnte die Szene einem schon zu denken geben.

Ich übergehe absichtlich nicht den kleinsten Zug von dem ganzen kleinlichen Wirrwarr meiner Geschichte an dieser Stelle und zu dieser Zeit, weil jede Einzelheit sich später als zum Ganzen gehörend erweisen soll. Doch davon wird sich der Leser noch überzeugen! Daß die Menschen mich damals wirklich verwirrten – das ist Tatsache. Wenn ich so erregt und gereizt war, so war ich das nur, weil ich aus ihren Worten wieder jenen Ton der Geheimniskrämerei und Ränkespinnerei vernahm, der mir so verhaßt war, zumal er mich an die früheren Geschichten erinnerte. Doch ich fahre fort.

Werssiloff traf ich nicht zu Hause, er war tatsächlich bei Tagesanbruch fortgegangen. „Natürlich zu Mama,“ sagte ich mir in eigensinniger Überzeugung. Ich wollte die Kinderwärterin, die ein dummes Weib zu sein schien, nicht weiter ausfragen, doch außer ihr und dem Kinde war niemand in der Wohnung. So eilte ich denn zu Mama, und ich muß gestehen: ich fühlte mich so beunruhigt, daß ich auf halbem Wege eine Droschke nahm. Ich kam hin und erfuhr, daß er bei Mama seit gestern abend nicht mehr gewesen war. Nur Tatjana Pawlowna und Lisa saßen bei ihr. Kaum war ich eingetreten, da begann Lisa sich auch schon zum Ausgehen anzukleiden.

Sie saßen alle oben in meinem „Sarge“. In unserem Wohnzimmer unten war Makar Iwanowitsch aufgebahrt; neben ihm las ein alter Mann langsam die Psalmen. Ich habe schon gesagt, daß ich mich von jetzt ab ausschließlich auf die Wiedergabe der Hauptsachen beschränken und Nebensachen tunlichst übergehen will, hier aber möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß der Sarg, den man für ihn hatte anfertigen lassen, und der bereits im Zimmer stand, durchaus nicht anspruchslos war: er war zwar schwarz, doch mit Samt bezogen, und auch die Sargdecke war aus teurem Stoff – ein Luxus, der durchaus nicht zu der Persönlichkeit und den Anschauungen des Alten paßte; aber Mama und Tatjana Pawlowna hatten sich zusammengetan und hartnäckig darauf bestanden.

Selbstverständlich hatte ich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung anzutreffen; aber dieser so sonderbar drückende Kummer, diese Sorge und Unruhe, die ich in ihren Augen las, machten mich betroffen, und ich begriff sofort, daß „wahrscheinlich nicht der Tote allein“ die Ursache war. Ich wiederhole: ich erinnere mich alles dessen noch ganz genau.

Trotz alledem umarmte ich Mama zärtlich und fragte sogleich nach ihm. In Mamas Augen trat blitzschnell eine erregte Neugier. Ich erzählte kurz, daß wir gestern den Abend bis tief in die Nacht zusammen verbracht hätten, daß er aber heute schon ganz früh von Hause gegangen sei, obgleich er mich gestern beim Abschied aufgefordert hatte, heute so früh als möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete mir nichts darauf, und Tatjana Pawlowna benutzte einen unbewachten Augenblick, um mir mit dem Finger zu drohen.

„Auf Wiedersehen, Arkadi,“ sagte Lisa plötzlich und verließ schnell das Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach und erreichte sie noch an der Tür.

„Ich wußte, daß du mir nachkommen würdest,“ flüsterte sie hastig.