„Lisa, was ist hier geschehen?“
„Das weiß ich selbst nicht, aber wahrscheinlich vieles. Vermutlich ist es die Entscheidung der ‚ewigen Geschichte‘. Er ist nicht gekommen, sie aber müssen irgendeine Nachricht bekommen haben, die ihn betrifft. Dir werden sie davon wahrscheinlich nichts sagen, aber auch du sei still und frage sie nicht, wenn du klug sein willst. Mama ist jedenfalls ganz niedergeschmettert. Ich habe sie auch nichts gefragt. Leb wohl!“
Sie öffnete die Tür.
„Warte, Lisa, sag’ doch, wie steht es denn mit dir selbst?“ rief ich ihr nach und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich niedergeschlagene und geradezu verzweifelte Miene tat mir weh. Sie machte nicht nur ein böses, sondern fast erbittertes Gesicht, lächelte grausam und zuckte mit der Achsel.
„Wenn er nur stürbe – ich würde Gott danken!“ sagte sie wegwerfend von der Treppe aus und ging.
Sie meinte den Fürsten Ssergei Petrowitsch, der damals bewußtlos in hohem Fieber lag. Ich kehrte ebenso bekümmert wie aufgeregt zurück.
„Die ewige Geschichte! Was ist das für eine ‚ewige Geschichte‘?“ fragte ich mich mit einem Gefühl der Herausforderung: und da hatte ich auf einmal die größte Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von seiner nächtlichen Beichte oder womöglich die Beichte selbst mitzuteilen. „Sie denken jetzt sicher irgend etwas Schlechtes von ihm – so mögen sie denn alles erfahren!“ ging es mir durch den Sinn.
Ich weiß noch, daß es mir gelang, meine Erzählung sehr geschickt anzufangen. Auf ihren Gesichtern erschien sofort unendliche Neugier. Tatjana Pawlowna verwandte keinen Blick von mir. Mama dagegen war zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein stilles, verschönerndes, wenn auch seltsam hoffnungsloses Lächeln schimmerte auf ihrem Gesicht und verließ es während meiner ganzen Erzählung nicht einen Augenblick. Ich hielt mich bei der Wiedergabe natürlich nur an das Geistige, obgleich ich wußte, daß sie mich kaum verstehen würden. Zu meinem Erstaunen fiel mir Tatjana Pawlowna gar nicht ins Wort, bestand nicht einmal auf genauer Wiedergabe aller Einzelheiten und hakte auch nicht überall ein, wie sie es sonst immer tat, wenn ich etwas erzählte. Sie preßte nur hin und wieder die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, wie um lebhafter denken zu können und das Gesagte schneller zu erfassen. Zeitweise kam es mir sogar vor, als verstünden sie doch alles – aber das war ja fast unmöglich! Ich erzählte auch von seinen Anschauungen, hauptsächlich aber von seiner gestrigen Begeisterung, von seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu ihr, wie er ihr Bild geküßt hatte ... Als ich das erzählte, tauschten sie schweigend einen schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot, aber sie blieben beide stumm. Und dann ... ja, den wichtigsten Punkt konnte ich in Mamas Gegenwart leider nicht berühren: ich meine seine Begegnung mit ihr und alles weitere, und vor allem nicht ihren gestrigen Brief an ihn und seine sittliche „Auferstehung“ auf diesen Brief hin – das war ja eben die Hauptsache, so daß alle seine Gefühle, wie er sie gestern geäußert, und durch die ich gerade Mama eine Freude hatte machen wollen, für sie unverständlich bleiben mußten, was freilich nicht meine Schuld war, denn alles, was sich erzählen ließ, erzählte ich sehr schön. Ich schloß eigentlich in großer Verwirrung. Sie unterbrachen ihr Schweigen auch jetzt nicht, und mir wurde in ihrer Gesellschaft recht peinlich zumute.
„Wahrscheinlich wird er jetzt wieder zu Hause sein, oder er sitzt vielleicht bei mir und wartet auf mich,“ sagte ich und erhob mich, um zu gehen.
„Geh nur, geh!“ bestärkte mich Tatjana Pawlowna mit der ihr eigenen Nachdrücklichkeit.