„Bist du unten gewesen?“ fragte mich halb flüsternd Mama beim Abschied.
„Natürlich war ich unten, ich habe an seinem Lager gekniet und für ihn gebetet. Was für ein ruhiges verklärtes Gesicht er hat, Mama! Ich danke Ihnen auch, Mama, daß Sie an seinem Sarge nicht gespart haben. Zuerst befremdete es mich wohl, aber dann dachte ich mir gleich, daß ich es selbst ganz ebenso gemacht hätte.“
„Kommst du morgen in die Kirche?“ fragte sie, und ihre Lippen bebten.
„Was für eine Frage, Mama!“ rief ich ganz verwundert. „Selbstverständlich komme ich, auch heute zur Seelenmesse komme ich; und ... außerdem ist ja morgen Ihr Geburtstag, Mama, meine liebe Mama! ... Hätte er doch nur noch drei Tage länger gelebt! Dann hätte er ihn noch mit uns gefeiert!“
Ich ging hinaus, in einem schmerzlichen Staunen: wie konnte sie nur so eine Frage stellen – ob ich in die Kirche käme oder nicht? Ja, wenn sie das schon von mir glaubten, was würden sie dann wohl erst von ihm denken?
Ich wußte im voraus, daß Tatjana Pawlowna mir nachlaufen würde und erwartete sie daher absichtlich an der Haustür; sie aber stieß mich, als sie mich erreichte, mit der Hand zur Treppe hinaus und schloß dann die Tür hinter sich zu.
„Tatjana Pawlowna, was soll das bedeuten, daß Sie Andrei Petrowitsch offenbar weder heute noch morgen erwarten? Ich bin ganz erschrocken ...“
„Halt’ deinen Mund. Große Wichtigkeit, daß du erschrocken bist! Sag’ jetzt: was hast du da alles für dich behalten, als du von seinem gestrigen Gefasel erzähltest?“
Ich hielt es nicht für nötig, ihr das vorhin Verschwiegene zu verheimlichen, und ich erzählte fast gereizt, über Werssiloff gereizt, von Katerina Nikolajewnas gestrigem Brief, von der Wirkung desselben auf ihn und von seiner Auferstehung zu einem neuen Leben.
Mit Verwunderung sah ich, daß meine Mitteilung von dem Brief sie nicht im geringsten in Erstaunen setzte. Da begriff ich, daß sie von diesem Brief schon wußte.