Sie müssen zuverlässige Nachricht haben, dachte ich bei mir und fragte nicht weiter. Wenn ich auch meine Gefühle nicht beschreiben will, so muß ich doch sagen, daß dieses neue Rätsel, trotz meines ganzen frischen Mutes, sich wie ein Stein auf mein Herz wälzte. Wir setzten uns im Wohnzimmer alle zu Mama um den runden Tisch. Oh, wie wohl es mir damals tat, bei ihr zu sein und sie anzusehen! Sie bat mich plötzlich, etwas aus der Bibel vorzulesen. Ich las ein Kapitel aus dem Evangelium Lucä. Sie weinte nicht und war auch nicht einmal sehr traurig, aber ihr Gesicht war mir noch nie so – hellsichtig und bewußt erschienen. In ihrem stillen Blick leuchtete eine Idee, aber ich konnte es ihr nicht im geringsten ansehen, daß sie mit Bangen etwas erwartete. Das Gespräch spann sich fast von selbst weiter: wir sprachen von dem Verstorbenen, und Tatjana Pawlowna erzählte aus ihrer Erinnerung vieles von ihm, was ich früher nicht gewußt hatte. Und überhaupt, wenn man das aufzeichnen wollte, so fände sich viel Bemerkenswertes! Auch Tatjana Pawlowna schien ihr gewohntes Wesen ganz verändert zu haben: sie war sehr freundlich und vor allen Dingen gleichfalls sehr ruhig, wenn sie auch viel sprach, um Mama zu zerstreuen. Aber eines kleinen Zwischenfalles erinnere ich mich noch gut: Mama saß auf dem Sofa, und auf einem runden Tischchen links vom Sofa lag ein Heiligenbild – es schien mit Absicht dorthin gelegt zu sein. Es war ein altertümliches Bild auf einer Holztafel und ohne metallene Verkleidung, außer den silbernen Heiligenscheinen über den Häuptern der beiden Heiligen, die dargestellt waren. Dieses Heiligenbild hatte Makar Iwanowitsch gehört, das wußte ich; und ich wußte auch, daß der Verstorbene sich nie von diesem Bilde getrennt und es für wundertätig gehalten hatte. Tatjana Pawlowna sah schon wieder zu dem Bilde hinüber.
„Hör mal, Ssofja,“ sagte sie plötzlich, das Gespräch unterbrechend, „sollte man nicht das Heiligenbild, statt es so liegen zu lassen, lieber auf dem Tisch aufstellen – man kann es ja stützen – und ein Lämpchen davor anzünden?“
„Nein, es ist besser so, wie es jetzt ist,“ sagte Mama.
„Übrigens, du hast recht. So würde es sich gar zu feierlich ausnehmen ...“
Ich begriff damals nicht, um was es sich handelte. Erst später erfuhr ich, daß dieses Heiligenbild von Makar Iwanowitsch schon vor langer Zeit Werssiloff mündlich vermacht worden war; und Mama wollte es ihm jetzt übergeben. Es war inzwischen schon fünf Uhr geworden; wir unterhielten uns ruhig weiter, als ich plötzlich in Mamas Gesicht ein schreckhaftes Zucken bemerkte; sie nahm schnell eine geradere Haltung an und begann zu lauschen, während Tatjana Pawlowna, ohne etwas zu bemerken, weitersprach. Ich sah mich unwillkürlich nach der Tür um, und kurz darauf erblickte ich in ihr – Andrei Petrowitsch. Er mußte durch die Hintertür und den Korridor gekommen sein. Von uns allen hatte nur Mama seinen leisen Schritt gehört. Die jetzt folgende wahnsinnige Szene werde ich mit aller Ausführlichkeit wiedergeben, jedes Wort und jede Bewegung will ich festzuhalten versuchen. Es war übrigens nur ein kurzer Auftritt.
Zunächst fiel mir in seinem Gesicht nicht die geringste Veränderung auf. Gekleidet war er wie immer, das heißt, beinahe überelegant. In der Hand hatte er einen nicht großen, aber offenbar recht teuren Strauß frischer Blumen. Er trat näher und überreichte ihn mit einem Lächeln Mama; die sah ihn erschrocken und verständnislos an, nahm aber den Strauß, und plötzlich stieg eine leichte Röte in ihre blassen Wangen, und ihre Augen erstrahlten vor Freude.
„Ich wußte es, daß du es so auffassen würdest, Ssonjä,“ sagte er.
Da wir bei seinem Eintritt alle aufgestanden waren, nahm er sich, als er an den Tisch trat, Lisas Stuhl, die links neben Mama gesessen hatte, und ohne zu bemerken, daß er einen fremden Platz einnahm, setzte er sich dort hin. So kam er neben dem Tischchen zu sitzen, auf dem das Heiligenbild lag.
„Guten Tag allerseits. Ssonjä, ich wollte dir heute unbedingt diesen Blumenstrauß bringen, an deinem Geburtstag, deshalb bin ich auch nicht zur Beerdigung gekommen, weil ich mit diesem Strauß nicht zu einem Toten kommen konnte. Aber du hast mich ja zur Beerdigung auch gar nicht erwartet, ich weiß es. Und der Alte wird sich über diese Blumen nicht ärgern, er hat uns doch selbst noch Freude vermacht, ist es nicht so? Ich denke, er ist hier irgendwo im Zimmer.“
Mama sah ihn befremdet an. Tatjana Pawlownas Gesicht verzerrte sich für einen Augenblick.