„Wer soll hier im Zimmer sein?“ fragte sie.

„Der Verstorbene. Lassen wir das. Sie wissen doch, daß ein Mensch, der an alle diese Wunder nicht vollkommen glaubt, immer am ehesten zu Vorurteilen geneigt ist ... Doch ich werde lieber von den Blumen sprechen – ich verstehe nicht, wie ich den Strauß heil und ganz hergebracht habe. Unterwegs hat mich mindestens dreimal die Lust angewandelt, ihn in den Schnee zu schleudern und mit dem Fuß zu zertreten.“

Mama zuckte zusammen.

„Ich hatte die größte Lust dazu. Hab’ Mitleid mit mir, Ssonjä, und mit meinem armen Kopf. Die Lust dazu hatte ich, weil er so schön war. Gibt es ein schöneres Ding auf der Welt als solche Blumen? Ich trage sie, und ringsum ist Schnee und Kälte. Unsere Kälte und Blumen – was für ein Gegensatz! Übrigens, das war es nicht, was ich sagen wollte: ich hatte einfach Lust, den Strauß zu zerdrücken, zu vernichten, weil er so schön war. Ssonjä, ich werde jetzt wieder verschwinden, aber ich werde sehr bald zurückkehren, denn ich glaube, ich werde – mich zu – fürchten anfangen. Und wenn ich Furcht bekomme – wer wird mich dann von meiner Angst erlösen, wo finde ich dann einen Engel wie Ssonjä? ... Was ist das da für ein Heiligenbild? Ach so, das vom Verstorbenen, ich erinnere mich. Es war sein Erbstück, vom Großvater; er hat sich ja sein Lebtag nicht von ihm getrennt, ich weiß, ich erinnere mich; er hat es mir vermacht, ich erinnere mich noch sehr gut ... ich glaube, es ist ein Bild von den Altgläubigen ... laßt doch mal sehen.“

Er nahm das Heiligenbild in die Hand, hielt es näher zum Licht und prüfte es aufmerksam, doch schon nach wenigen Sekunden legte er es auf den Tisch vor sich hin. Ich wunderte mich, denn alle diese sonderbaren Worte sagte er so unvermittelt, daß ich eigentlich noch nichts begreifen konnte. Ich weiß nur noch, daß ein krankhafter Schreck mein Herz ergriff. Mamas anfänglicher Schrecken dagegen wurde zu einem Nichtverstehenkönnen und dann zu Mitleid; sie sah in ihm vor allem den unglücklichen Menschen – war es doch auch früher schon vorgekommen, daß er fast ebenso sonderbar gesprochen hatte wie jetzt. Lisa wurde auf einmal sehr bleich und nickte mir mit einem seltsamen Blick auf ihn zu. Doch mehr noch als wir alle schien Tatjana Pawlowna erschrocken zu sein.

„Aber was haben Sie denn, bester Andrei Petrowitsch?“ fragte sie vorsichtig.

„Wirklich, ich weiß es selbst nicht, liebe Tatjana Pawlowna, was mit mir ist. Erschrecken Sie nur nicht, ich weiß noch, daß Sie Tatjana Pawlowna sind, und daß Sie lieb und gut sind. Ich bin ja ... einstweilen ... nur für einen Augenblick hergekommen; ich wollte Ssonjä etwas Gutes sagen und suche vergeblich nach so einem Wort, wenn auch mein Herz voll ist von Worten, die ich nicht auszusprechen verstehe; wirklich, es sind lauter so sonderbare Worte. Wissen Sie, mir ist so, als ob ich mich gleichsam spaltete,“ sagte er und sah uns alle mit einem furchtbar ernsten Gesicht und mit aufrichtigem Mitteilsamkeitsbedürfnis an. „Wirklich, ich spalte mich geistig und habe eine schreckliche Angst davor. Es ist, als stünde neben mir mein Doppelgänger; man ist selbst noch klug und vernünftig, jener andere aber neben einem will unbedingt irgendeine Sinnlosigkeit begehen; manchmal sogar etwas sehr Lustiges; und plötzlich wird man gewahr, daß man selbst derjenige ist, der dieses Lustige begehen will. Man will es Gott weiß weshalb, man will es, ohne es zu wollen, man sträubt sich aus allen Kräften dagegen und will es doch mit aller Gewalt. Ich habe einen Arzt gekannt, der bei der Beerdigung seines Vaters in der Kirche plötzlich zu pfeifen anfing. Glaubt mir, ich hatte Angst, heute zur Beerdigung zu kommen, weil sich meiner die Überzeugung bemächtigt hatte, ich weiß nicht, aus welchem Grunde, daß auch ich in der Kirche zu pfeifen oder zu lachen anfangen würde, ganz wie jener unglückliche Arzt, der traurig genug endete ... Ich weiß wirklich nicht, weshalb mir heute immer wieder dieser Arzt einfällt; so oft, daß ich von ihm gar nicht mehr loskommen kann. Weißt du, Ssonjä, da habe ich wieder dieses Heiligenbild genommen“ (er hielt es schon und wendete es in den Händen hin und her), „und weißt du, ich habe jetzt, gerade in diesem Augenblick, in dieser Sekunde die größte Lust, es an den Ofen zu schleudern, an jene Ecke da. Ich bin überzeugt, daß es sich auf einen Hieb in zwei Teile spalten wird, gerade in zwei – nicht mehr und nicht weniger!“

Das sonderbarste war dabei, daß er das ohne eine Spur von Verstellung und ganz ohne Herausforderung sagte; er sprach ganz wie gewöhnlich; aber um so schrecklicher wirkte es; und ich glaube, er hatte in der Tat furchtbare Angst vor irgend etwas; ich bemerkte plötzlich, daß seine Hände ein wenig zitterten.

„Andrei Petrowitsch!“ schrie Mama auf und schlug die Hände zusammen.

„Laß, laß das Bild, Andrei Petrowitsch, laß es, leg es hin!“ rief Tatjana Pawlowna, die schon aufgesprungen war. „Kleide dich aus und leg dich ins Bett. Arkadi, zum Arzt!“