Sie saßen sich gegenüber, an demselben Tisch, an dem wir am Abend vorher auf seine „Auferstehung“ getrunken hatten. Ich konnte ihre Gesichter deutlich sehen. Sie war in einem schlichten schwarzen Kleide, schön und anscheinend so ruhig wie immer. Er sprach, und sie hörte ihm mit größter und zuvorkommender Aufmerksamkeit zu. Vielleicht konnte man ihr doch eine gewisse Ängstlichkeit ansehen. Er aber war ungemein angeregt. Was ich vernahm, war mir zunächst vollkommen unklar, da ich den Anfang des Gesprächs nicht gehört hatte. Auf einmal fragte sie:

„Und ich war die Ursache?“

„Nein, die Ursache war ich,“ erwiderte er, „Sie sind nur – unschuldig schuldig. Sie wissen doch, daß man unschuldig schuldig sein kann? Es ist das die allerunverzeihlichste Schuld und zieht fast immer Strafe nach sich,“ flocht er in sonderbar lachendem Tone ein. „Ich habe mir doch eine Weile lang tatsächlich eingebildet, ich hätte Sie ganz vergessen und lachte nur noch über meine törichte Leidenschaft ... aber das wissen Sie ja. Und was geht mich dieser Mensch an, den Sie da heiraten wollen? Ich habe Ihnen gestern einen Antrag gemacht, verzeihen Sie mir das, es war eine Sinnlosigkeit, und doch wüßte ich sie durch nichts zu ersetzen ... Was hätte ich denn tun können außer dieser Sinnlosigkeit? Ich wüßte nichts ...“

Er lachte ein verlorenes Lachen nach diesen Worten. Auf einmal sah er sie an. Bis dahin hatte er beim Sprechen immer zur Seite gesehen. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre – dieses Lachen hätte mich erschreckt, das fühlte ich. Dann stand er plötzlich auf.

„Sagen Sie, wie haben Sie darauf eingehen können, hierherzukommen?“ fragte er auf einmal, als wäre ihm die Hauptsache plötzlich wieder eingefallen. „Diese Aufforderung meinerseits und mein ganzer Brief – war eine vollkommene Sinnlosigkeit ... Warten Sie, ich kann mir schließlich selbst denken, wie es zu erklären ist, daß Sie einwilligten, zu kommen, aber ... zu welchem Zweck Sie gekommen sind – das ist die Frage! Oder sollten Sie wirklich nur aus Furcht gekommen sein?“

„Ich bin gekommen, um Sie zu sehen,“ sagte sie, während sie ihn mit schüchterner Vorsicht wie wartend ansah.

Beide schwiegen vielleicht eine halbe Minute lang. Werssiloff nahm wieder seinen Platz auf seinem Stuhl ein und begann mit verhaltener, aber ergriffener, fast bebender Stimme:

„Ich habe Sie so unendlich lange nicht gesehen, Katerina Nikolajewna, so lange nicht, daß ich fast schon für unmöglich gehalten habe, jemals wieder bei Ihnen sitzen, Ihr Gesicht sehen, Ihre Stimme hören zu können ... Zwei Jahre haben wir uns nicht gesehen, zwei Jahre nicht gesprochen. Daß ich Sie noch einmal sprechen würde, hätte ich gar nicht mehr gedacht. Nun, gut, was vergangen ist – ist vergangen, und was ist – das wird morgen verschwunden sein, wie Rauch, – nun gut! Ich bin damit einverstanden, denn ich wüßte wieder nicht, wie es sich anders machen ließe, aber gehen Sie jetzt nicht so fort, seien Sie nicht umsonst gekommen,“ stieß er plötzlich fast flehend hervor. „Wenn Sie schon ein Almosen geben, wenn Sie schon gekommen sind – so seien Sie wenigstens nicht umsonst gekommen, antworten Sie mir nur auf eine Frage!“

„Auf welche Frage?“

„Wir werden uns ja nie mehr sehen – und was macht es Ihnen denn aus? Sagen Sie mir die Wahrheit, nur einmal für alle Ewigkeit, antworten Sie auf eine Frage, die kluge Leute niemals stellen: Haben Sie mich wenigstens einmal geliebt, oder habe ich ... mich getäuscht?“