„Warum verstehen Sie nicht, sich zu verstellen? Warum sind Sie – eine solche Einfalt, warum sind Sie nicht so wie alle ... Wie kann man denn einem Menschen, dem man einen Korb gibt, sagen: ‚Beinahe liebe ich Sie‘?“
„Ich habe mich nur nicht auszudrücken verstanden,“ beeilte sie sich zu erklären. „Ich habe das nicht so sagen wollen; das kommt nur daher, weil ich mich in Ihrer Gegenwart immer befangen fühle und dann nicht zu sprechen verstehe; das ist schon von unserer ersten Begegnung an so gewesen. Aber wenn meine Worte auch nicht ganz richtig gewählt waren – daß ich Sie ‚beinahe liebe‘ – so ist es dem Sinne nach doch beinahe so, – nur deswegen habe ich es überhaupt auszudrücken versucht. Ich liebe Sie mit so einer ... eben mit so einer allgemeinen Liebe, mit der man alle liebt, und die einzugestehen man sich niemals schämt ...“
Er hörte sie schweigend an, ohne seinen brennenden Blick auch nur einmal von ihr abzuwenden.
„Ich beleidige Sie natürlich,“ fuhr er außer sich fort. „Es muß in der Tat das sein, was man Leidenschaft nennt ... Ich weiß nur, daß es mit mir aus ist, wenn Sie bei mir sind, und ohne Sie gleichfalls! Aber gleichviel ob ich ohne Sie oder mit Ihnen bin, wo Sie auch sein mögen – Sie sind immer bei mir. Ich weiß, daß ich Sie auch sehr hassen kann, mehr noch als lieben. Übrigens, ich denke schon lange über nichts mehr nach – mir ist alles gleich. Es tut mir nur leid, daß ich eine solche Frau zu lieben angefangen habe wie Sie ...“
Seine Stimme versagte; er fuhr atemlos fort.
„Was haben Sie? Sie finden es wohl ungezogen, daß ich so spreche?“ Er lächelte, doch sein Gesicht war bleich. „Ich glaube, ich könnte, wenn Sie nur dadurch zu erringen wären, dreißig Jahre lang als Säulenheiliger auf einem Fuße stehen! ... Ich sehe, ich tue Ihnen leid, Ihr Gesicht sagt: ‚Ich würde dich ja lieben, wenn ich könnte, aber ich kann nicht‘ ... Ist es nicht so? Tut nichts, ich habe keinen Stolz mehr. Ich bin bereit, wie ein Bettler jedes Almosen von Ihnen anzunehmen – hören Sie: jedes! ... Was kann denn auch ein Bettler für einen Stolz haben?“
Sie erhob sich und trat an ihn heran.
„Mein Freund!“ sagte sie mit unaussprechlichem Gefühl in ihrem Gesicht und berührte mit der Hand seine Schulter. „Ich kann solche Worte nicht hören! Ich werde mein lebelang an Sie denken als an einen mir teuren, einen wertvollen Menschen, als an das größte Menschenherz, das schlägt, als an etwas Heiliges, das ich achten und lieben kann. Andrei Petrowitsch, verstehen Sie mich recht: aus irgendeinem Grunde bin ich doch heute hergekommen, Sie lieber, mir sowohl damals wie auch jetzt lieber Mensch! Ich werde nie vergessen, wie Sie bei unseren ersten Begegnungen meinen Verstand erschüttert und mich aufgerüttelt haben. Lassen Sie uns als Freunde scheiden, und Sie werden für mich mein ganzes Leben lang der ernsteste und teuerste Gedanke sein.“
„‚Scheiden wir, und dann werde ich Sie lieben; ich werde Sie lieben – nur scheiden wir.‘ Hören Sie,“ sagte er, und sein Gesicht war bleich, „schenken Sie mir noch ein Almosen: lieben Sie mich nicht, leben Sie nicht mit mir, wir wollen uns nie sehen, aber wenn Sie mich rufen, werde ich Ihr Sklave sein, und werde sofort verschwinden, wenn Sie mich nicht sehen und hören wollen, nur ... nur heiraten Sie keinen anderen!“
Mein Herz krampfte sich bis zur Pein zusammen, als ich diese Worte hörte. Diese naiv erniedrigende Bitte klang so mitleiderregend, traf so tief ins Innerste, weil sie so nackt und unmöglich war. Ja, in der Tat, er bat um ein Almosen! Konnte er denn wirklich glauben, daß sie darauf eingehen werde? Er erniedrigte sich bis zum Versuch! Er bat versuchsweise! Diese tiefste Stufe der Mutlosigkeit war das Unerträgliche! Jeder Zug ihres Gesichts verzerrte sich plötzlich vor Schmerz; aber noch bevor sie ein Wort sagen konnte, kam er schon zur Besinnung.