Elftes Kapitel.

I.

Ich lief zu Lambert. Oh, wie sehr ich auch wünschte, meinen Handlungen an diesem Abend und in dieser Nacht ein logisches Aussehen zu geben und auch nur den geringsten vernünftigen Sinn in ihnen zu entdecken, so bin ich doch selbst heute noch außerstande, obgleich ich jetzt alles überschauen kann, sie in einem klaren und richtigen Zusammenhang zu schildern. Es war da ein Gefühl, oder richtiger, ein ganzes Chaos von Gefühlen, in dem ein Sich-Verirren unvermeidlich blieb. Freilich gab es unter diesen Gefühlen eines, das vorherrschte, eines, das mich unsäglich bedrückte und alle anderen Gefühle gleichsam tyrannisierte, doch ... soll ich es bekennen? Zumal ich noch nicht einmal ganz sicher bin ...

Als ich zu Lambert ins Zimmer stürzte, war ich selbstverständlich außer mir. Ich jagte sogar ihm und Alphonsinka einen Schrecken ein. Es ist mir übrigens immer aufgefallen, daß selbst die liederlichsten und verkommensten Franzosen den Hang haben, in ihrer häuslichen Lebensführung an einer gewissen Art von bourgeoiser Ordnung zäh und kleinlich festzuhalten, – an einer Ordnung, die überaus prosaisch, alltäglich, zeremoniell und ein für allemal anerkannt ist. Aber Lambert begriff doch sehr bald, daß etwas geschehen war, und freute sich riesig, daß er mich endlich bei sich, das heißt, endlich in der Falle hatte. Das war ja sein Traum, sein sehnlichster Wunsch in allen diesen Tagen gewesen, denn ohne mich konnte er ja doch nichts machen! Und siehe da: nachdem er seine ganze Hoffnung fast schon aufgegeben hatte – erschien ich plötzlich bei ihm, ich selbst, und dazu noch in einer Verfassung, in der er mich gerade brauchte.

„Lambert, gib Wein her!“ rief ich: „Trinken wir, laß uns fröhlich sein! Alphonsina, wo ist Ihre Gitarre?“

Die Szene, die hierauf folgte, will ich nicht weiter beschreiben – sie ist nebensächlich. Er hörte mir gespannt zu. Ich machte ihm offen und als Erster den Vorschlag zu einer Verschwörung.

„Vor allen Dingen müssen wir Katerina Nikolajewna durch einen Brief zwingen, zu uns zu kommen ...“

„Das kann man,“ stimmte mir Lambert zu, der auf jedes meiner Worte achtete.

„Zweitens müssen wir ihr zur Sicherheit mit diesem Brief eine Abschrift des ‚Dokuments‘ schicken, damit sie sich selbst davon überzeugen kann, daß man sie nicht betrügen will.“

„Ja, das muß man, das muß man!“ pflichtete Lambert mir sogleich eifrig bei, während er mit Alphonsina ununterbrochen Blicke wechselte.