Noch hatte sie ihren Satz nicht zu Ende gesprochen, als diese „eine“ mit Heulen und Schreien aus der Küche hereinstürzte. Es war Alphonsinka. Ich werde die Szene nicht in allen Einzelheiten wiedergeben; die Szene selbst war ein Betrug und eine Komödie, doch ich muß bemerken, daß Alphonsinka ihre Rolle großartig spielte. Unter Tränen der Reue und mit unmöglichen Gebärden schnatterte sie ihren Vortrag herunter (auf Französisch selbstverständlich), gestand, daß sie selbst den Brief aus der Tasche getrennt hätte, daß ihn Lambert jetzt besäße, und daß Lambert zusammen mit „diesem Räuber,“ cet homme noir, „madame la générale“[130] zu sich gerufen habe, und sie würden madame la générale bestimmt erschießen, jetzt, sogleich, in einer Stunde ... sie, Alphonsinka, hätte das alles von ihnen erfahren und plötzlich furchtbare Angst bekommen, weil sie in ihren Händen einen Revolver gesehen, „un pistolet“,[131] und deshalb wäre sie zu uns gelaufen, damit wir hinkämen, madame retteten, das Unglück verhüteten ... „et cet homme noir ...“
Kurz, alles, was sie sagte, erschien uns durchaus glaubwürdig, und die Dummheit einiger ihrer Erklärungen erhöhte eigentlich noch die Glaubwürdigkeit.
„Was für ein homme noir?“ schrie Tatjana Pawlowna sie an.
„Tiens, j’ai oublié son nom ... Un homme affreux ... Tiens, Versiloff!“[132]
„Werssiloff! – das kann nicht sein!“ schrie ich auf.
„Doch, das kann schon sein!“ kreischte Tatjana Pawlowna. „So erzählen Sie doch, meine Beste, aber springen Sie nicht so und fuchteln Sie doch nicht so mit den Armen! Was haben die beiden vor? Sprechen Sie doch vernünftig, meine Beste: ich kann es doch nicht glauben, daß sie sie erschießen wollen?“
Die „Beste“ erklärte nun folgendes (NB.: es war alles Schwindel, ich bereite nochmals darauf vor): Werssiloff werde hinter der Tür sitzen, und Lambert werde ihr, wenn sie hereinkäme, cette lettre[133] zeigen, und in dem Augenblick werde Werssiloff hervorstürzen, und dann ... „Oh, ils feront leur vengeance!“[134] Sie, Alphonsina, habe Angst bekommen, weil sie daran beteiligt sei, denn „cette dame, la générale“[135] werde bestimmt kommen, „sofort, sofort,“ denn sie hätten ihr eine Abschrift des Briefes geschickt, aus der sie ersehen könne, daß der Brief wirklich in ihren Händen sei; und deshalb werde sie bestimmt kommen. Den Brief habe Lambert geschrieben, und von Werssiloff wisse madame la générale noch nichts; Lambert aber habe sich ihr als ein Herr vorgestellt, der soeben aus Moskau angekommen wäre, im Auftrage einer Moskauer Dame, „une dame de Moscou“[136] (NB.: Marja Iwanowna!).
„Ach, mir wird schlecht, mir wird schlecht!“ rief Tatjana Pawlowna.
„Sauvez-la, sauvez-la!“[137] schrie und beschwor uns Alphonsinka.
Freilich hatte diese wahnwitzige Nachricht schon auf den ersten Blick etwas Unsinniges, aber zum Überlegen blieb uns keine Zeit, und das Ganze schien uns doch durchaus glaubwürdig zu sein. Man hätte wohl voraussetzen können, und zwar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, daß Katerina Nikolajewna nach Empfang von Lamberts Brief zuerst zu uns kommen werde, zu Tatjana Pawlowna, um die Sache aufzuklären. Aber auch das brauchte schließlich nicht unbedingt zu geschehen, und sie konnte ja auch direkt zu ihm fahren, und dann – war sie verloren! Und wenn auch kaum anzunehmen war, daß sie so ohne weiteres auf die erste Aufforderung hin zu dem ihr ganz unbekannten Lambert eilen werde, so war doch die Möglichkeit, daß sie es tat, immerhin nicht ausgeschlossen. Die Abschrift mußte sie jedenfalls überzeugen, daß Lambert wirklich im Besitz ihres Briefes war, und wenn sie daraufhin zu ihm fuhr – konnte das Unglück doch geschehen! Aber vor allen Dingen durften wir ja keinen Augenblick verlieren, und so hatten wir auch keine Zeit, lange zu überlegen.