„Nein, du bist ein Kleiner.“

„Wieso ein Kleiner?“

„So, eben weil du klein bist; wir sind beide noch Kleine, er aber ist ein Großer.“

„Dummkopf! Nach dem Gesetz kann ich schon seit einem Jahr heiraten.“

„Na, dann heirate! Trotzdem bist du jetzt noch ein Bengel: du wächst ja noch!“

Ich begriff natürlich, daß er sich über mich lustig machen wollte. Diese ganze dumme Geschichte hätte ich ohne Zweifel gar nicht erst zu erzählen brauchen, und es wäre sogar besser, wenn sie unerzählt geblieben wäre; hinzu kommt, daß sie in ihrer Kleinlichkeit und Überflüssigkeit widerlich ist, was jedoch nicht hinderte, daß sie ziemlich ernste Folgen hatte.

Um mich aber noch mehr zu bestrafen, werde ich sie ganz erzählen. Als ich begriffen hatte, daß Jefim sich über mich lustig machte, stieß ich ihn mit der rechten Hand an die Schulter oder richtiger, mit der rechten Faust. Da erfaßte er mich an beiden Schultern, drehte mich um, mit dem Gesicht zur Tür, und – bewies mir durch die Tat, daß er auf dem Gymnasium wirklich der Stärkste von uns allen gewesen war.

II.

Der Leser wird natürlich denken, daß ich Jefim in der schrecklichsten Stimmung verlassen habe, aber er irrt sich. Ich begriff nur zu gut, daß sich hier bloß ein Schuljungenstreich abgespielt hatte, der Ernst der Sache aber deshalb doch unangetastet blieb. Meinen Kaffee trank ich erst auf dem Wassili Ostrow, nachdem ich auf der Petersburger Seite absichtlich an dem Wirtshaus mit der Nachtigall vorübergegangen war: dieses Wirtshaus und die Nachtigall waren mir jetzt doppelt verhaßt. Sonderbar: ich kann sogar Orte und Sachen hassen, als ob es Menschen wären. Aber ich habe in Petersburg auch einige glückliche Orte, ich meine solche, wo ich einmal aus irgendeinem Grunde glücklich gewesen bin; diese Orte meide ich vorläufig: ich will sie erst später, wenn ich schon ganz einsam sein werde, wieder aufsuchen, um dann dort trauern und mich den Erinnerungen hingeben zu können. Während ich meinen Kaffee trank, ließ ich Jefim und seinem gesunden Menschenverstand volle Gerechtigkeit widerfahren. Ja, er war praktischer als ich, aber doch wohl nicht realer. Ein Realismus, der mit der Spitze der eigenen Nase endet, ist gefährlicher als die unvernünftigste Phantasterei, weil er blind ist. Aber wenn ich Jefim auch Gerechtigkeit widerfahren ließ (er wird wahrscheinlich in derselben Zeit gedacht haben, ich ginge auf der Straße und schimpfte über ihn), so gab ich doch deshalb noch keinen Deut von meinen Überzeugungen auf, wie ich auch bis auf den heutigen Tag noch nichts aufgebe. Ich habe genug solcher Leute gesehen, die nach dem ersten Guß kalten Wassers nicht nur ihr Vorhaben aufgeben, sondern sogar ihre Idee, und womöglich noch selbst über das lachen, was sie vor einer Stunde für heilig gehalten haben; oh, mit welch einer Leichtigkeit sie das machen! Mochte Jefim sogar auch im wesentlichen der Sache recht gehabt haben, und mochte ich auch dümmer als dumm gewesen sein und erklügelt gehandelt haben, so lag doch der ganzen Sache in ihrer tiefsten Tiefe ein Punkt zugrunde, auf dem fußend auch ich im Recht war: inwiefern ich aber im Recht war, werden solche Leute nie verstehen können.

Um zwölf Uhr langte ich bei Wassin an, der in der Nähe der Ssemjonoffbrücke an der Fontanka wohnte, traf ihn aber nicht zu Haus. Seine Beschäftigung hatte Wassin auf dem Wassili Ostrow, nach Hause aber kam er immer zu genau festgesetzten Stunden, mittags fast regelmäßig um zwölf. Und da es außerdem noch irgendein Feiertag war, hatte ich mit Bestimmtheit darauf gerechnet, ihn zu Hause zu treffen; so aber blieb mir nun nichts anderes übrig, als auf ihn zu warten, wozu ich mich denn auch entschloß, obgleich ich zum erstenmal in seiner Wohnung war.