Während ich wartete, dachte ich mir ungefähr folgendes: Die Sache mit dem Brief, der die Erbschaft betrifft, ist eine Gewissenssache, und wenn ich nun Wassin zum Richter wähle, beweise ich ihm damit, wie sehr ich ihn verehre und schätze, was ihm natürlich nur angenehm sein kann. Selbstverständlich machte mir dieser Brief ernstlich Sorge, und ich war wirklich überzeugt, daß die Entscheidung eines unbeteiligten Dritten erforderlich wäre; aber trotzdem glaube ich, daß ich mich auch ohne fremde Hilfe aus der Schwierigkeit hätte herausziehen können. Und was die Hauptsache ist, ich wußte das schon damals, als ich dort saß und wartete; ich brauchte ja nur den Brief an Werssiloff abzugeben, und dann konnte er tun, was er selbst für richtig hielt. Sich selbst aber die Rolle eines höheren Richters in einer solchen Angelegenheit anzumaßen, war sogar nichts weniger als richtig. Wenn ich mich dagegen auf die Weise ausschaltete, daß ich den Brief Werssiloff in die Hand gab, und zwar schweigend, so stellte ich mich eben dadurch auf einen Standpunkt, auf dem ich Werssiloff unbedingt überlegen war; denn indem ich dadurch gleichzeitig auf alle Vorteile dieser Erbschaft verzichtete (mittelbar wäre natürlich auch mir, als dem Sohne Werssiloffs, von diesem Gelde manches zugute gekommen, wenn auch nicht gleich, so doch später) – erhielt ich das Recht, über Werssiloffs künftige Handlungsweise von einem höheren sittlichen Standpunkt aus zu urteilen. Und wenn Werssiloff den Brief vernichtete, konnte man mir doch noch nicht den Vorwurf machen, daß ich die Fürsten ruiniert hätte, da das Dokument rechtlich nicht von entscheidender Bedeutung war. Das alles bedachte ich und machte ich mir klar, während ich in Wassins Zimmer wartete; und da kam mir plötzlich der Verdacht, ich könnte zu Wassin gekommen sein, nicht weil mich so sehr nach seinem Rat verlangt hatte, sondern einzig zu dem Zweck, damit er bei der Gelegenheit sähe, was für ein edler und uneigennütziger Mensch ich sei, und somit, um mich für meine gestrige Selbsterniedrigung gerade dadurch an ihm zu rächen.
Über diese Erkenntnis ärgerte ich mich sehr; nichtsdestoweniger blieb ich sitzen und ging nicht fort, obgleich ich genau wußte, daß mein Ärger mit jeden fünf Minuten nur größer werden würde.
Zunächst begann mir Wassins Zimmer schrecklich zu mißfallen. „Zeige mir dein Zimmer, und ich sage dir, was für einen Charakter du hast,“ – wirklich, man könnte das Sprichwort auch so auslegen. Wassin bewohnte ein möbliertes Zimmer bei augenscheinlich armen Leuten, die außer ihm noch andere Mieter hatten, und wohl nur vom Zimmervermieten lebten. Ich kenne diese schmalen, kaum möblierten Zimmerchen, die den anmaßenden Wunsch haben, komfortabel auszusehen; da steht unfehlbar ein gepolsterter Diwan vom Trödelmarkt, den von der Stelle zu rücken, stets etwas gefährlich ist, ein Waschtisch und ein eisernes Bett hinter einem Schirm. Wassin war offenbar der beste und zuverlässigste Mieter; so einen „besten“ hat unbedingt jede Vermieterin, und für diesen tut sie auch ihrerseits ihr Bestes: sein Zimmer wird bedeutend sorgfältiger aufgeräumt und gesäubert, über dem Diwan wird irgendeine Lithographie an die Wand gehängt, und unter den Tisch ein schwindsüchtiger kleiner Teppich gebreitet. Menschen, die diesen muffigen Komfort und vor allem diese dienstbeflissene Ergebenheit der Wirtin mögen, sind selbst verdächtig. Ich war überzeugt, daß der Ruf, der beste Mieter zu sein, Wassin schmeichelte. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde mich der Anblick dieser beiden mit Büchern beladenen Tische schließlich immer mehr zu ärgern begann. Die Bücher, die Papiere, das Tintenfaß – alles befand sich in der widerwärtigsten Ordnung, deren Ideal mit der Weltanschauung der deutschen Wirtin und ihres Stubenmädchens wohl übereinstimmen mußte. Bücher waren genug da und nicht nur Broschüren und Zeitschriften, sondern richtige Bücher, – und offenbar las er sie sogar und setzte sich dazu sicherlich mit einer sehr wichtigen und gewissenhaften Miene an den Tisch. Ich weiß nicht, mir ist es lieber, wenn die Bücher unordentlich umherliegen, wenigstens wird dann die geistige Arbeit nicht zu einer Art Ritus. Dieser Wassin war sicherlich äußerst höflich gegen seinen Besuch, aber wahrscheinlich sagte dabei jede seiner Bewegungen: „Nun gut, ich sitze mit dir jetzt ein bis anderthalb Stündchen, dann aber, wenn du gegangen bist, dann werde ich mich wieder an die Arbeit machen.“ Sicherlich konnte man mit ihm eine sehr interessante Unterhaltung führen und viel Neues von ihm hören, aber – „nun ja, ich unterhalte mich jetzt mit dir und interessiere dich sehr, aber wenn du gegangen bist, dann mache ich mich an das für mich Interessantere ...“ Und dennoch ging ich nicht fort, sondern blieb sitzen. Davon jedoch, daß ich seines Rates überhaupt nicht mehr bedurfte, hatte ich mich schon endgültig überzeugt.
Ich saß vielleicht schon eine Stunde oder sogar noch länger, und saß auf einem der beiden Rohrstühle, die am Fenster standen. Es ärgerte mich auch, daß ich durch das Warten soviel Zeit verlor, und dabei mußte ich noch vor dem Abend ein Zimmer mieten. Ich wollte schon ein Buch nehmen, um mich nicht zu langweilen, unterließ es aber: der bloße Gedanke, mich zu zerstreuen oder abzulenken, machte alles doppelt widerlich. Über eine Stunde hatte die auffallende Stille im Hause gedauert, da vernahm ich auf einmal ein leises Flüstern irgendwo in der Nähe, dort hinter der Tür, die durch den Diwan verstellt war. Unwillkürlich horchte ich auf und hörte, wie das Geflüster immer eifriger und vernehmbarer wurde. Es sprachen zwei Stimmen, Frauenstimmen, aber die Worte waren nicht zu unterscheiden; und doch begann ich aus Langeweile zuzuhören. Jedenfalls sprachen sie mit Eifer und Leidenschaft, und es handelte sich offenbar nicht um Schnittmuster: sie schienen sich zu beraten oder zu streiten, oder die eine Stimme bat und beschwor, und die andere hörte nicht darauf und widersprach. Die Sprechenden waren wohl zwei von den anderen Zimmermietern. Bald wurde es mir langweilig, und mein Ohr gewöhnte sich daran, so daß ich das Geflüster zwar noch vernahm, aber fast gar nicht mehr daran dachte; – bis mich plötzlich etwas aufschreckte: es war, als wäre jemand vom Stuhl herabgesprungen, auf beide Füße zugleich – oder vielleicht vom Stuhl aufgesprungen – mit den Füßen gestampft hätte, – dann ein Stöhnen und plötzlich ein Schrei, sogar nicht nur ein Schrei, sondern ein tierisches, wutbebendes Aufschreien oder Aufkreischen, dem es ganz gleichgültig war, ob Fremde es hörten oder nicht. Ich stürzte zur Tür und machte sie auf. Im selben Augenblick ging noch eine andere Tür auf, am Ende des Korridors – die Tür der Wirtin, wie ich später erfuhr – und zwei neugierige Köpfe schauten heraus. Der Schrei war übrigens sofort verstummt, doch plötzlich wurde die Tür neben mir aufgestoßen, die Tür der Nachbarinnen, und ein, wie mir schien, junges Frauenzimmer riß sich los und lief schnell die Treppe hinunter. Eine andere, eine ältere Frau, wollte sie zurückhalten, vermochte es aber nicht und rief nur angstvoll hinter ihr her:
„Olä, Olä, wohin? Ach Gott!“
Da gewahrte sie aber unsere offenen Türen und zog schnell ihre Tür wieder zu, und nur durch einen kleinen Spalt horchte sie noch hinaus, bis Oläs schnelle Schritte auf der Treppe nicht mehr zu hören waren. Ich kehrte zu meinem Fenster zurück. Alles wurde still. Für mich war es ein bedeutungsloser, vielleicht sogar komischer Zwischenfall, und ich dachte bald nicht mehr an ihn.
Ungefähr eine Viertelstunde später erscholl auf dem Korridor, unmittelbar vor Wassins Tür, eine laute und muntere Männerstimme. Jemand drückte auf die Klinke und öffnete die Tür so weit, daß ich auf dem Korridor einen hochgewachsenen Herrn erkennen konnte, der augenscheinlich auch mich bereits erblickt hatte und mich sogar schon betrachtete, jedoch noch nicht eintrat und fortfuhr, die Klinke in der Hand, sich über den ganzen Korridor hin mit der Wirtin zu unterhalten. Die Wirtin antwortete ihm mit dünnem, lustigem Stimmchen, und schon aus diesem freundlichen Ton konnte man erraten, daß der Herr ihr längst bekannt war und von ihr geachtet und geschätzt wurde, sowohl als solider Gast wie als lustiger Herr. Der lustige Herr sprach fast schreiend und machte seine Witzchen ganz laut, die sich übrigens nur darauf bezogen, daß er Wassin wieder nicht zu Hause traf, ihn auch sonst niemals finden konnte, das sei ihm wohl schon als besonderes Pech in die Wiege gelegt, und nun wolle er wieder einmal warten – und das alles schien die Wirtin für ungeheuer witzig und geistreich zu halten. Endlich trat der Herr ins Zimmer, wobei er die Tür schwungvoll so weit aufriß, wie sein Arm es zuließ. Es war ein gut gekleideter Herr, der augenscheinlich bei einem besseren Schneider arbeiten ließ und wie man sagt, „herrschaftlich“ angezogen war, indessen hatte er aber nichts weniger als etwas „Herrschaftliches“ an sich, und das sogar trotz des anscheinend großen Wunsches, es zu haben. Er war nicht gerade das, was man harmlos „ungezwungen“ nennt, sondern war gewissermaßen von einer natürlichen Frechheit, also immerhin weniger verletzend frech, als es einer ist, der sich vor dem Spiegel darin geübt hat. Seine dunkelblonden, nur ein wenig ergrauten Haare, seine dunklen Augenbrauen, sein großer Bart und seine großen Augen verliehen ihm nicht nur nichts Charakteristisches, sondern gaben ihm gleichsam ein noch mehr allgemeines Aussehen, etwas allen anderen Ähnelndes. Solch ein Mensch kann lachen und ist gern bereit zu lachen, aber aus irgendeinem Grunde wird man nie lustig in seiner Gesellschaft. Sein Gesichtsausdruck wechselt beständig, geht blitzschnell vom lachenden in einen wichtigen über und vom wichtigen in einen lustig scherzhaften oder verschlagen zuzwinkernden, aber alle diese Veränderungen sind immer irgendwie grundlos und sprunghaft ... Übrigens, es hat keinen Sinn, ihn im voraus zu charakterisieren. Ich habe ihn später viel besser und näher kennen gelernt, und deshalb zeichne ich seinen Charakter jetzt unwillkürlich viel genauer, als ich ihn damals nach seinem Eintritt ins Zimmer beurteilen konnte. Aber selbst jetzt würde es mir schwer fallen, etwas Bestimmtes über ihn auszusagen; denn bei diesen Menschen ist das Hauptmerkmal eben diese ihre Unabgeschlossenheit, Sprunghaftigkeit und Unbestimmtheit.
Er hatte sich noch nicht hingesetzt, als mir plötzlich der Gedanke kam, das könnte Wassins Stiefvater sein, ein gewisser Herr Stebelkoff, von dem ich irgend etwas gehört hatte, aber nur so flüchtig, daß ich mich nicht mehr erinnern konnte, was es eigentlich gewesen war: nur dessen entsann ich mich noch, daß man jedenfalls nichts Gutes gesagt hatte, sogar im Gegenteil. Wassin war, das wußte ich, früh verwaist und hatte lange unter seiner Vormundschaft gestanden, sich jedoch schon längst von seinem Einfluß befreit, und sowohl ihre Ziele wie ihre Interessen waren jetzt ganz verschieden, und überhaupt lebten sie in jeder Beziehung getrennt. Ferner hatte ich von dem damals Gehörten noch behalten, daß dieser Stebelkoff ein gewisses Kapital besaß und so eine Art von Spekulant war und überhaupt ein unruhiger, leichtsinniger Mensch, – mit einem Wort, ich hatte schon manches Nähere über ihn gehört, doch das Gehörte wieder vergessen. Er maß mich mit einem Blick, übrigens ohne mich zu grüßen, stellte seinen Zylinderhut auf den Tisch vor dem Diwan, schob den Tisch mit dem Fuß herrisch zur Seite und setzte sich nicht etwa, sondern warf sich geradezu auf den Diwan, auf den ich mich nicht zu setzen gewagt hatte, so daß das Möbel förmlich ächzte und knackte, spreizte die Beine und begann wohlgefällig die Spitze seines rechten Lackstiefels zu betrachten, indem er sie hob und senkte. Selbstverständlich wandte er sich sogleich wieder mir zu und musterte mich mit seinen großen, etwas unbeweglichen Augen.
„Treffe ihn nicht!“ nickte er mir flüchtig zu.
Ich schwieg.