„Beide sind sie ganz kindisch geworden, ganz wie die allerkleinsten Kinder,“ fuhr Ssmerdjäkoff fort. „Ich rede von dem alten Herrn und Dmitrij Fedorowitsch. Der alte Herr werden jetzt aufstehen, und von selbigem Augenblick an geht dann das Fragen los: ‚Ist sie noch nicht gekommen? Warum ist sie nicht gekommen?‘ – Und das geht dann so weiter bis Mitternacht und noch weiter. Und wenn Agrafena Alexandrowna[18] nicht gekommen sind, sintemal sie wohl wahrscheinlich überhaupt niemals zu kommen gedenken, so werden der Herr morgen früh wieder anfangen: ‚Warum ist sie nicht gekommen? Weshalb ist sie nicht gekommen? Wann wird sie kommen?‘ – Ganz als ob das meine Schuld ist, sozusagen. Und hinwiederum andererseits kommen, sobald es dunkler wird, oder auch schon früher, Dmitrij Fedorowitsch mit der Flinte in die Nachbarschaft: ‚Paß auf, Kanaille,‘ sagen sie, ‚wenn du sie durchläßt und mich nicht benachrichtigst, falls sie gekommen ist, so bist du der erste, den ich totschieße‘. Und ist die Nacht vergangen, so fangen auch Dmitrij Fedorowitsch, ganz wie der alte Herr, mich qualvoll zu quälen an: ‚Warum ist sie nicht gekommen, wird sie sich bald sehen lassen‘? – Ganz als ob es hinwiederum auch vor ihnen meine Schuld wäre, daß ihre Dame nicht gekommen ist. Und derartig ärgern sie sich alleweil, und mit jeder Stunde, und mit jedem Tage wird ihre Wut immer noch gewaltiger, so daß ich mitunter schon daran denke, mir vor lauter Angst das Leben zu nehmen. Ich, Herr, ich kann mich nicht auf solche Menschen verlassen.“
„Warum hast du dich darauf eingelassen? Warum hast du Dmitrij Fedorowitsch alles hinterbracht?“ fragte Iwan Fedorowitsch gereizt.
„Aber wie sollte ich denn nicht? Und ich hab mich auch gar nicht hineingemischt, wenn ich die volle Wahrheit sagen soll. Ich habe vom ersten Anfang an alleweil geschwiegen, dieweil ich nicht wagte, zu antworten, Dmitrij Fedorowitsch aber haben mich ungefragt gezwungen, ihr Diener zu sein, und jetzt kennen sie für mich nur ein Wort: ‚Schlage dich platt, Kanaille, mausetot, wenn du sie hineinläßt!‘ Ich bin sicher, Herr, daß ich morgen einen langen Anfall haben werde.“
„Was für einen langen Anfall?“
„So einen langen Anfall, einen ungewöhnlich langen. Mehrere Stunden oder einen ganzen Tag und noch einen anderen Tag womöglich. Einmal hatte ich ihn drei Tage lang, dieweil ich damals vom Wäscheboden gefallen war. Es hört auf – fängt aber wieder an. Ich konnte an all diesen drei Tagen nicht zu klarer Besinnung kommen. Fedor Pawlowitsch schickten nach Herzenstube, dem hiesigen Arzt, der legte mir Eis auf die Schläfen und gebrauchte noch ein anderes dummes Mittel ... Ich hätte davon sterben können.“
„Soviel ich weiß, kann man bei dieser Krankheit nicht voraussagen, daß man dann und dann einen Anfall bekommen wird. Wie kannst du also sagen, daß du morgen einen haben wirst?“ erkundigte sich mit ganz besonderer und gereizter Neugier Iwan Fedorowitsch.
„Das stimmt genau, daß man es nicht vorauswissen kann.“
„Und zudem hattest du ihn damals nur darum, weil du vom Boden gefallen warst.“
„Auf den Boden gehe ich jeden Tag, ich kann alsomit auch morgen von der Bodentreppe herabfallen. Oder wenn nicht von dort, dann kann ich ja auch in den Keller hinabfallen, dieweil ich auch in den Keller täglich von wegen der Wirtschaft gehen muß.“
Iwan Fedorowitsch blickte ihn lange scharf an.