„Du faselst, wie ich sehe, und ich verstehe dich wohl nicht recht,“ sagte er halblaut, doch drohend, „willst du dich morgen etwa verstellen und drei Tage lang einen Anfall vorspielen? Wie?“
Ssmerdjäkoff, der zu Boden sah und wieder mit der Stiefelspitze des rechten Fußes spielte, stellte sich nun auf den rechten Fuß und schob statt seiner den linken Fuß vor, erhob den Kopf und sagte lächelnd:
„Selbst wenn ich dieses Stückchen machen könnte, also mich verstellen, dieweil es für einen geübten Menschen gar nicht schwer ist, so bin ich doch vollauf berechtigt, selbiges Mittel zur Rettung meines Lebens vom Tode zu gebrauchen, dieweil wenn ich krank bin und Agrafena Alexandrowna zum alten Herrn kommen, Dmitrij Fedorowitsch dann doch nicht von einem kranken Menschen fragen können: ‚Warum hast du es mir nicht gesagt?‘ Sie werden sich von selbst schämen, dann noch einen kranken Menschen das zu fragen.“
„Äh, Teufel!“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch mit wutentstelltem Gesicht an. „Was zitterst du immer um dein Leben! Du weißt doch, daß diese Drohungen Dmitrij Fedorowitschs nichts zu bedeuten haben, nur leere Worte sind! Dich wird er nicht totschlagen, da sei du unbesorgt! Totschlagen wird er, aber nicht dich!“
„Wie eine Fliege, und zwar mich vor allen anderen. Aber mehr als das fürchte ich noch das Weitere: daß man mich dann sozusagen für ihren Helfershelfer hält, wenn sie was ganz Verrücktes mit ihrem Vater getan haben.“
„Warum soll man denn dich für seinen Helfershelfer halten?“
„Dieweil ich ihnen selbige Zeichen als großes Geheimnis mitgeteilt habe.“
„Was für Zeichen? Wem mitgeteilt? Zum Teufel, so sprich deutlicher!“
„Ich muß wirklich gestehen, daß ich hier ein Geheimnis habe mit dem alten Herrn,“ sagte Ssmerdjäkoff langsam in pedantischer Ruhe. „Wie Ihr selbst zu wissen geruht – wenn Ihr nur geruht, es zu wissen – hat sich der Herr seit einigen Tagen zur Gewohnheit gemacht, zur Nacht oder sogar schon am Abend von innewendig die Türen alleweil zuzuschließen. Ihr geruhtet, Euch in letzter Zeit immer früh nach oben zurückzuziehen, und gestern geruhtet Ihr, überhaupt nicht auszugehen, und alsomit könnt Ihr auch wohlmöglich überhaupt nicht wissen, wie akkurat und besorgt der alte Herr sich jetzt zur Nacht einschließen. Und selbst wenn Grigorij Wassiljewitsch kommt, so machen sie nur höchstens dann noch auf, wenn sie ihn vorher gut an der Stimme erkannt haben. Aber Grigorij Wassiljewitsch kommt nicht, denn ich bediene sie jetzt ganz allein in ihren Zimmern, – so haben sie es selbst bestimmt seit dem Momente, da sie diesen Einfall mit Agrafena Alexandrowna haben, zur Nacht aber entferne auch ich mich aus dem großen Hause, dieweil selbiges ihre eigne Anordnung ist, und dann muß ich bis Mitternacht aufpassen, herumgehn auf dem Hof und warten, ob sie kommen, dieweil der Herr sie schon seit mehreren Tagen wie wahnsinnig erwarten. Denken aber tun sie dabei so: ‚Sie,‘ sagt der Herr, ‚fürchtet ihn‘, – also den Dmitrij Fedorowitsch, den sie immer Mitjka nennen, ‚und darum wird sie etwas später durch die Hinterstraßen zu mir kommen; du aber‘, sagen sie zu mir, ‚mußt sie bis Mitternacht und noch drüber hinaus erwarten. Und wenn sie kommt, so komm schnell zur Gartentür gelaufen und klopf an die Tür oder an das Fenster vom Garten aus, die ersten zwei Male etwas leiser, sieh so: Eins-zwei, und dann gleich darauf dreimal etwas schneller: Tuck-tuck-tuck. Dann‘, sagen sie, ‚werde ich sofort wissen, daß sie gekommen ist, und dir leise die Tür aufmachen.‘ Und dann haben sie mir noch ein anderes Zeichen für den Fall mitgeteilt, wenn etwas Besonderes geschehen sollte, zuerst zweimal schnell: Tuck-tuck, und dann, nach einer kleinen Weile, noch einmal viel stärker: Tuck. Dann, sagen sie, würden sie sofort begreifen, daß etwas Besonderes geschehen ist, und daß ich sie sprechen muß, und werden mir gleichfalls aufmachen. Und ich werde dann eintreten und melden. Das alles für den Fall, daß Agrafena Alexandrowna nicht selbst kommen können und irgendeine Nachricht schicken. Und dann können auch Dmitrij Fedorowitsch kommen, also muß ich auch dann benachrichtigen, daß sie in der Nähe sind. Der alte Herr fürchten sich gewaltig vor Dmitrij Fedorowitsch, so daß ich selbst dann, wenn Agrafena Alexandrowna gekommen sind und sie sich mit ihr eingeschlossen haben, Dmitrij Fedorowitsch aber mittlerweile irgendwo in der Nähe auftauchen, daß ich auch dann sofort melden muß, nach selbigem zweiten Zeichen, also dreimal geklopft. So bedeutet denn das erste Zeichen, fünfmal geklopft: ‚Sie ist gekommen‘, und das zweite Zeichen, dreimal geklopft – ‚dringend nötig‘. So haben sie selber es mir mannigfach vorgemacht und angezeigt und buchstäblich so erklärt. Und da nun in der ganzen Welt nur ich und sie von diesen Zeichen wissen, so werden sie ohne jede Bedenklichkeit und ohne zu fragen oder anzurufen, aufmachen, denn auch laut zu rufen haben sie gewaltige Angst. Und selbige Zeichen sind nun auch dem jungen Herrn Dmitrij Fedorowitsch bekannt geworden.“
„Wieso, wodurch bekannt geworden? Hast du sie ihm mitgeteilt? Wie konntest du es wagen!“