Sie setzte sich mutwillig neben Aljoscha auf den Diwan und sah ihn in freudigem Entzücken an. Und sie freute sich tatsächlich, sie log nicht, wenn sie es sagte. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen lachten, aber gutherzig und fröhlich lachten sie. Aljoscha hätte ihr solch eine fröhliche Gutmütigkeit gar nicht zugetraut ... Bis zum gestrigen Tage hatte er sie nur wenig gesehen und sich von ihr die abschreckendste Vorstellung gemacht. Auch gestern war er ganz unter dem Eindruck ihres boshaften und heimtückischen Betragens bei Katerina Iwanowna gewesen, und daher war er jetzt ganz erstaunt, in ihr plötzlich ein vollkommen anderes und für ihn unerwartetes Wesen zu finden. Und wie sehr er auch von seinem eigenen Kummer niedergedrückt war, so blieben seine Augen doch aufmerksam auf sie gerichtet. Auch ihre Manieren hatten sich seit gestern, wie es schien, sehr gebessert: Sie hatte nicht mehr die Süßlichkeit in der Aussprache, diese gezierten und gemachten Bewegungen ... Alles war einfach und herzlich an ihr, ihre Bewegungen rasch, ungezwungen, vertrauenerweckend, nur war sie ersichtlich sehr aufgeregt.

„Herrgott, was heute für Sachen passieren, nein wirklich!“ plapperte sie wieder weiter. „Und warum nur freue ich mich so über dich, Aljoscha, ich weiß es selbst nicht. Wenn du mich fragtest, so würde ich es nicht zu sagen wissen.“

„Was, du solltest es nicht wissen, warum du dich freust!“ Rakitin lächelte. „Warum hast du mich denn unaufhörlich gebeten, ihn herzubringen? Mußt doch einen Grund gehabt haben, denke ich.“

„Früher hatte ich einen Grund, jetzt aber ist das vorüber, jetzt ist ein Anderes – – ... Ich werde euch sofort etwas vorsetzen. Ich bin wieder zu mir gekommen, Rakitka. Setz dich, Rakitka, warum stehst du? Oder sitzest du schon? Ach, Rakituschka versteht schon für sich zu sorgen! Siehst du, Aljoscha, jetzt sitzt er uns dort gegenüber und ist beleidigt, weil ich dich zuerst gebeten habe, Platz zu nehmen. Ach, empfindlich ist mir der Rakitka, unglaublich empfindlich!“ Gruschenka lachte. „Sei nicht böse, Rakitka, heute bin ich gut. Warum sitzest du so traurig da, Aljoschka, fürchtest du mich etwa?“ Mit fröhlichem Lachen sah sie ihm in die Augen.

„Er hat großen Kummer. Es hat keine Rangerhöhung gegeben,“ brummte Rakitin.

„Was für eine Rangerhöhung?“

„Sein Staretz stinkt.“

„Wie, wer stinkt? Was du für einen Unsinn schwatzest! Du willst wohl wieder irgendeine Gemeinheit damit sagen. Schweig, Dummkopf. Aljoscha, laß mich auf deinen Knien sitzen, sieh so!“ Im Augenblick sprang sie auf und setzte sich ihm lachend auf die Knie, und wie ein Kätzchen umfaßte sie mit dem rechten Arm zärtlich seinen Hals. „Ich werde dich wieder froh machen, du mein gottesfürchtiger Knabe! Erlaubst du mir wirklich, auf deinen Knien zu sitzen, bist du nicht böse? Sag nur, und ich werde sofort abspringen.“

Aljoscha schwieg. Er saß und wagte nicht sich zu rühren; er hörte wohl ihre Worte: „Sag nur, und ich werde abspringen,“ aber er antwortete ihr nicht, er war förmlich erstarrt. Doch ging in ihm nicht etwa das vor sich, was man wohl hätte erwarten können, oder was Rakitin, der ihn von seinem Platze aus gierig beobachtete, annahm. Der große Kummer in seiner Seele verschlang alle übrigen Gefühle, die jetzt in seinem Herzen hätten auftauchen können, und wenn er in diesem Augenblick fähig gewesen wäre, sich über seine Gefühle Rechenschaft abzulegen, so hätte er sich gestehen müssen, daß er gegenwärtig gegen jegliche Verführung oder Verlockung gepanzert war. Nichtsdestoweniger wunderte er sich doch unwillkürlich über eine neue und sonderbare Empfindung, die mit einem Male in seinem Herzen auftauchte: Dieses Weib, dieses „schreckliche“ Weib, flößte ihm nicht im geringsten jene Furcht ein, die ihn früher beim Gedanken an eine Frau überfallen hatte – wenn jemals einer in seiner Seele aufgetaucht war –, im Gegenteil, diese Frau, die er am meisten von allen gefürchtet hatte, und die jetzt auf seinen Knien saß und ihn umarmt hielt, erweckte in ihm ein ganz anderes, unerwartetes und besonderes Gefühl, das Gefühl einer ungewöhnlichen, noch nie so empfundenen herzensreinen Anteilnahme, und alles das ohne jegliche Furcht, ohne den geringsten früheren Schrecken. Das war es, was ihn hauptsächlich in Erstaunen setzte.

„Genug jetzt mit dem Unsinnschwatzen,“ rief Rakitin dazwischen, „laß mal lieber Champagner reichen, das ist jetzt deine Pflicht und Schuldigkeit, wie du selbst am besten weißt!“