Da stürzte Mitjä hinein, warf sich auf Fenjä und packte sie an der Kehle.

„Sage sofort, wo sie ist, mit wem ist sie in Mokroje!“ brüllte er außer sich.

Beide Weiber schrien auf.

„Ach, ich werde alles sagen, ach, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, werde gleich alles sagen, nichts verheimlichen,“ stammelte schnell, doch mit steifer Zunge, die tödlich erschrockene Fenjä, „sie ist nach Mokroje zum Offizier gefahren.“

„Zu was für einem Offizier?“ brüllte Mitjä.

„Zu ihrem früheren Offizier, zu demselben, zu ihrem früheren, den sie vor fünf Jahren gehabt hat, der sie verlassen hat und fortgefahren ist,“ stotterte, immer noch sich überstürzend, Fenjä so schnell, wie sie nur konnte.

Dmitrij Fedorowitschs Hände, mit denen er ihren Hals zusammengepreßt hatte, sanken herab. Er stand schweigend vor ihr, bleich wie ein Toter, doch an seinen Augen sah man, daß er alles mit einem Male begriffen hatte, alles, alles bis aufs Letzte hatte er begriffen und alles Unausgesprochene erraten. Doch war es der armen Fenjä natürlich nicht um diese Beobachtungen zu tun – ob er alles begriffen hatte oder nicht. Wie sie bei seinem Eintritt auf der Truhe gesessen hatte, so blieb sie auch jetzt sitzen; sie zitterte am ganzen Körper – hielt nur die Hände wie zum Schutz vor sich erhoben, und schien in dieser Stellung erstarrt zu sein. Der Blick ihrer angsterweiterten Pupillen war regungslos auf sein Gesicht geheftet. Seine beiden Hände waren rot von Blut, und auf der Stirn und der rechten Wange war sein Gesicht gleichfalls mit Blut besudelt; er hatte sich wahrscheinlich beim Laufen mit den blutigen Händen den Schweiß von der Stirn gewischt. Fenjä war einer Ohnmacht nahe. Die alte Matrjona, die zuerst mit einem Schrei aufgesprungen war, starrte ihn gleichfalls wie eine Irrsinnige an. Dmitrij Fedorowitsch stand ungefähr eine Minute lang, und dann setzte er sich, ohne recht zu wissen, warum, neben Fenjä auf einen Stuhl nieder.

Er saß und sah vor sich hin: er schien nicht zu denken, sondern gleichsam nur erschrocken, durch den Schreck gelähmt zu sein. Es war ihm alles so klar wie der Tag: dieser Offizier – er wußte von ihm, hatte von ihm gehört, wußte ja alles ganz genau, Gruschenka hatte ihm selbst alles erzählt. Er wußte auch, daß dieser Offizier ihr vor einem Monat einen Brief geschrieben hatte. Also einen Monat, einen ganzen Monat hatte sich alles im geheimen hinter seinem Rücken abgespielt, einen ganzen Monat, bis zur Ankunft dieses neuen Menschen – er aber hatte nicht einmal an ihn gedacht! Wie war das nur gekommen, wie war das möglich gewesen, daß er nicht mehr an ihn gedacht hatte? Wie war es doch nur gekommen, daß er damals diesen Offizier so ganz vergessen hatte? – gleich nachdem sie es ihm erzählt hatte? Das war die Frage, die wie ein Ungeheuer vor ihm stand. Und er schaute es an, dieses Ungeheuer, und der Schreck rief in ihm ein Gefühl wie Kälte hervor.

Und plötzlich begann er zu sprechen. Er wandte sich zu Fenjä und sprach leise und sanft: wie ein ruhiger und lieber Knabe sprach er zu ihr, ganz als hätte er völlig vergessen, wie sehr er sie erschreckt, beleidigt und gepeinigt hatte. Er fragte sie mit erstaunlicher, in seiner Verfassung unglaublicher Logik, und Fenjä, die zwar immer noch scheu auf seine blutigen Hände schielte, antwortete mit gleichfalls erstaunlicher Bereitwilligkeit auf jede Frage, die er an sie stellte, als wenn sie sich beeilen wollte, ihm die ganze „wahrhaftige Wahrheit“ zu sagen. Allmählich fing sie geradezu mit einer gewissen Freudigkeit an, ihm auch Ungefragtes zu erzählen, doch tat sie es nicht etwa, um ihn zu quälen, sondern als wollte sie sich beeilen, ihm von Herzen dienstlich zu sein. Sie erzählte ihm alles, was am Tage geschehen war, erzählte ausführlich von Aljoschas und Rakitins Besuch, wie sie, Fenjä, Wache gestanden hatte, wie ihre Herrin abgefahren war, und vorher noch Aljoscha durch das Fenster einen Gruß an ihn, Mitjenka, bestellt hatte, daß er nicht vergessen solle, „daß sie ihn ein Stündchen lang geliebt habe“. Als Mitjä von diesem Gruß hörte, lächelte er, und auf seinen bleichen Wangen erschien eine helle Röte. Da fragte ihn Fenjä, deren ganze Angst wieder vergangen war:

„Aber was haben Sie denn für Hände, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, sie sind ja ganz blutig!“