„Ja,“ sagte Mitjä mechanisch, blickte zerstreut auf seine Hände und vergaß sie sofort wieder, und mit ihnen auch Fenjäs Frage. Er versank wieder in Schweigen. Er war nun schon seit etwa zwanzig Minuten in der Küche. Sein erster Schreck war vergangen, doch wurde er ersichtlich von einem verzweifelten Entschluß beherrscht. Er erhob sich vom Stuhl und lächelte nachdenklich.

„Herr, was ist denn mit Ihnen geschehen?“ fragte Fenjä, die wieder auf seine Hände wies, – sie sagte es so mitleidig, als wäre sie jetzt im Leid der einzige ihm nahestehende Mensch.

Mitjä warf nochmals einen Blick auf seine Hände.

„Das ist Blut, Fenjä,“ sagte er und blickte sie mit einem sonderbaren Ausdruck an, „das ist Menschenblut. Gott, warum ist es nur vergossen worden! Aber ... Fenjä ... hier gibt es einen Zaun“ (er blickte sie an, als wollte er ihr ein Rätsel aufgeben), „ein hoher Zaun, der dem Ansehen nach schrecklich aussieht, aber ... morgen, wenn der Tag erwacht, ‚wenn die Sonne sich goldrot erhebt‘, dann ... dann wird Mitjä Karamasoff über diesen hohen Zaun springen ... Du weißt nicht, Fenjä, welchen Zaun ich meine, nun, tut nichts ... einerlei, wirst es morgen erfahren und dann alles begreifen ... jetzt aber leb wohl! Ich will nicht stören, werde mich fortschaffen, werde verstehen, mich rechtzeitig fortzuschaffen ... Ach, lebe, lebe, du meine Freude! Hast mich ein Stündchen geliebt, so vergiß denn auch fernerhin nicht Dmitrij Karamasoff, Mitjenka ... Sie nannte mich doch immer Mitjenka, weißt du noch, Fenjä?“

Mit diesen Worten verließ er plötzlich die Küche. Doch dieses Fortgehen erschreckte Fenjä noch mehr, als es sein unerwartetes Wiedererscheinen getan hatte, trotz der zusammengepreßten Kehle. –

Genau zehn Minuten danach trat Dmitrij Fedorowitsch bei jenem jungen Beamten, Pjotr Iljitsch Perchotin, bei dem er seine Pistolen versetzt hatte, ein. Es war schon halb neun Uhr und Pjotr Iljitsch, der zu Hause seinen Tee getrunken hatte, war gerade im Begriff, nach sorgfältiger Toilette in das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu gehen, um dort Billard zu spielen. Mitjä war noch zur rechten Zeit gekommen, um ihn anzutreffen. Als der ihn aber erblickte und die Blutflecken auf dem Gesicht bemerkte, fragte er ihn erschrocken:

„Nanu, was ist denn mit Ihnen passiert?“

„Ich bin wegen meiner Pistolen gekommen und habe Ihnen das Geld gebracht. Ich danke Ihnen. Nur bitte schnell, Pjotr Iljitsch, ich habe es sehr eilig.“

Pjotr Iljitsch jedoch kam aus dem Erstaunen nicht heraus, er wunderte sich immer mehr; in Mitjäs rechter Hand bemerkte er einen Packen Geldscheine, und das Auffallende dabei war, daß er dieses Geld so in der Hand hielt und so damit eintrat, wie sonst niemand Geld zu halten und einzutreten pflegt. Er hatte alle Scheine in der rechten Hand und hielt die Hand gerade vor sich, als wenn er sie jedem zeigen wollte. Der Knabe, den Perchotin als Bedienten bei sich hatte, sagte später aus, daß Mitjä auch ins Vorzimmer so mit dem Gelde eingetreten sei, wahrscheinlich also auch auf der Straße die Hand ebenso gehalten hatte. Es waren alles Hundertrubelscheine, lauter regenbogenfarbene, und er hielt sie mit blutbeschmutzten Fingern. Späterhin, bei dem Verhör, das man anstellte, antwortete Perchotin auf die Frage, wieviel Scheine es gewesen wären, daß er dies nicht genau sagen könne: vielleicht zweitausend Rubel, vielleicht aber auch dreitausend, denn das Paket sei recht groß gewesen, „ziemlich fest“, doch wolle er nicht darauf bestehen, da ein Irrtum in solchen Dingen sehr leicht möglich sei, besonders wenn man nicht häufig so viel Geldscheine, so als Paket in der Hand gehalten, gesehen hat. Was ihm aber an Dmitrij Fedorowitschs Verfassung aufgefallen war, das drückte er später folgendermaßen aus: „Er war damals, wie mir schien, nicht recht bei Sinnen, doch nicht etwa betrunken, sondern – wie soll ich sagen? – er war gleichsam in Ekstase, war sehr zerstreut, zu gleicher Zeit aber sehr – ich möchte sagen: konzentriert, wie wenn er beständig an ein und dasselbe gedacht hätte, wie wenn er etwas vergeblich zu erfassen gesucht hätte und es ihm dabei doch unmöglich gewesen wäre, sich zu etwas zu entschließen. Er beeilte sich sehr, antwortete schroff und sonderbar; in manchen Augenblicken jedoch schien er keineswegs traurig oder bedrückt, sondern sogar heiter zu sein.“ –

„Aber was ist denn mit Ihnen passiert, was haben Sie nur?“ fragte Perchotin nochmals, indem er den Gast immer noch scheu betrachtete. „Haben Sie sich verwundet, sind Sie gefallen? Sehen Sie doch hier, wie Sie aussehen!“