Perchotin hörte zu, und seine Antworten wurden immer trockener und knapper. Vom Blut, das Mitjä an den Händen und auf dem Gesicht gehabt hatte, sagte er nichts, obgleich er auf dem Wege zum Gasthaus eigentlich beabsichtigt hatte, auch davon zu erzählen. Man begann die dritte Partie, und das Gespräch über Mitjä verstummte allmählich. Nachdem aber Perchotin die dritte Partie beendet hatte, wollte er nicht weiter spielen; er legte das Queue hin und ging fort, ohne zu Abend zu essen. Als er auf den Platz hinaustrat, blieb er, in Zweifel befangen und verwundert über sich selbst, stehen. Er hatte beschlossen, sofort zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen, um dort zu erfahren, ob nicht etwas Besonderes geschehen war.
„Ach was,“ dachte er, „ich soll dort wegen irgendeiner Dummheit, denn mehr wird ja doch nicht dahinter stecken, fremde Menschen aus dem Schlafe wecken und womöglich noch einen Skandal hervorrufen. Teufel! was geht das mich an!“
In hundsgemeiner Stimmung begab er sich geradeswegs nach Hause, doch plötzlich fiel ihm Fenjä ein. „Ich Esel, warum erkundigte ich mich nicht bei ihr, dann würde ich jetzt alles wissen.“ Und das eigensinnige Verlangen, mit ihr zu sprechen, wurde so stark in ihm, daß er auf halbem Wege kurz entschlossen kehrtmachte und sich zum Hause der Morosowa, wo Gruschenka wohnte, begab. Beim Hoftor angelangt, klopfte er, und der Laut, der in der nächtlichen Stille erschallte, weckte ihn wieder auf: er ernüchterte und ärgerte ihn zugleich. Zudem rührte sich nichts: alles schien im Hause zu schlafen. „Und auch hier wird es schließlich nur auf einen Skandal hinauskommen!“ dachte er fast mit einem Schmerz in der Brust. Doch anstatt fortzugehen, begann er von neuem zu klopfen, und zwar klopfte er vor Wut aus aller Kraft. Der Lärm schallte durch die ganze Straße. „Ich werde sie doch noch wachrütteln, zum Trotz!“ brummte er, und mit jedem Schlag wuchs sein Ärger, und mit jedem Schlage klopfte er lauter, immer lauter.
VI.
„Ich fahre!“
Inzwischen raste die Troika auf der Landstraße dahin. Bis nach Mokroje waren es etwas mehr als zwanzig Werst, doch Andrei jagte dermaßen, daß er in einer Stunde anzukommen hoffen konnte. Die scharfe Fahrt schien Mitjä zu beleben. Die Nacht war still und fast kalt; am klaren Himmel flimmerten lautlos die großen, hellen Sterne. Es war dieselbe Nacht und vielleicht auch dieselbe Stunde, in der Aljoscha zur Erde niederfiel und „in Verzückung schwor, die Erde bis in alle Ewigkeit zu lieben“. Doch in Mitjäs Seele war Unruhe, dunkle Unruhe. Und wenn auch viele Gefühle in seiner Seele miteinander rangen, so strebte doch sein ganzes Wesen nur zu ihr, zu ihr, seiner Königin, zu der ihn die rasenden Tiere brachten, – um sie noch einmal, zum letztenmal, zu sehen! Ich will hier nur noch eines sagen, wenn man es mir auch vielleicht nicht glauben wird: Dieses eifersüchtige Herz empfand für den neuen Nebenbuhler, für diesen plötzlich aus der Erde aufgetauchten sogenannten „früheren Offizier“, nicht den geringsten Haß. Jeder andere Nebenbuhler, wäre ein solcher neben ihm aufgetaucht, hätte ihn vor Eifersucht rasend gemacht, und vielleicht hätte er dann wieder seine Hände mit Blut besudelt, – doch für diesen, für diesen „ihren Ersten“ empfand er nicht einmal ein feindseliges Gefühl. Allerdings hatte er ihn noch nicht gesehen, aber: „Hier ist es ihr Recht und auch seines; hier ist es ihre erste Liebe, die sie in den ganzen fünf Jahren nicht vergessen hat, hier kann niemand mehr etwas streitig machen. Fünf Jahre lang hat sie ihn geliebt, und ich – warum habe ich mich zwischen sie zu drängen versucht? Was hatte ich dabei zu tun? Tritt zur Seite, Mitjä, und gib den Weg frei! Und was will ich jetzt noch? Jetzt ist ja auch ohne den Offizier alles aus! Selbst wenn er gar nicht wieder aufgetaucht wäre – es ist ein für allemal alles zu Ende ...“
Ungefähr in diesen Worten würde er seine Empfindungen ausgedrückt haben, wenn er nur imstande gewesen wäre, zu denken. Denken aber war ihm unmöglich. Sein ganzer Entschluß war eigentlich ohne jeden Gedanken entstanden, in einer Sekunde war er aufgetaucht, sofort gefühlt und wortlos, gedankenlos mit allen Folgen von ihm als selbstverständlich aufgenommen worden. Das war in der Küche bei Fenjä schon bei deren ersten gestammelten Worten geschehen. Und doch war trotz des gefaßten Entschlusses Unruhe in seiner Seele; selbst die Entschlossenheit brachte keine Ruhe. Gar zu vieles stand hinter ihm und quälte ihn. Und eben dies kam ihm zuweilen so sonderbar vor. Er hatte doch schon eigenhändig seinen Urteilsspruch geschrieben: „Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben,“ und der Zettel war doch hier in seiner Westentasche, und die Pistole war doch schon geladen, und er hatte ja schon beschlossen, wie er morgen den ersten lichten Strahl des „goldlockigen Phöbus“ begrüßen werde – und doch konnte er das Gewesene, das hinter ihm stand und ihn quälte, nicht abschütteln, das fühlte er bis zum körperlichen Schmerz, und der Gedanke daran hatte sich wie Verzweiflung an seine Seele festgesogen. Es kam ein Augenblick, in dem er die Pistole herausreißen und aus dem Wagen springen wollte, um alles sofort zu beenden, ohne auf den goldlockigen Phöbus zu warten. Aber auch dieser Augenblick verging wie ein Funken. Und die Troika jagte, „die Entfernung verschlingend“, und in dem Maße, wie er sich ihr näherte, verscheuchte der Gedanke an sie mehr und mehr alle anderen, ihn zerrenden Schreckgespenster. Oh, er wollte sie nur einmal noch sehen, nur noch einmal, und wenn auch nur von ferne, flüchtig! „Sie ist jetzt mit ihm zusammen, nun, so werde ich denn sehen, wie sie jetzt mit ihm zusammen ist, mit ihrem früheren Liebsten, das ist ja alles, was ich will.“ Und noch niemals hatte sich in ihm so viel Liebe zu diesem Weibe, das so verhängnisvoll für ihn geworden war, in seinem Herzen erhoben, so viel neue, noch nie empfundene Gefühle, Gefühle, die für ihn selbst ganz unerwartet kamen, Gefühle, die wie Gebete fromm und bis zur Weichheit zärtlich waren. „Ich werde den Weg freigeben und vergehen! Und ich vergehe auf Erden!“ sagte er sich in einem Anfall hysterischer Ekstase.
Fast eine Stunde lang jagten sie schon. Mitjä schwieg, und Andrei, der sonst recht gesprächig war, hatte auch noch kein Wort gesprochen, ganz, als hätte er sich gefürchtet zu sprechen, und trieb nur seine „Renner“ an, seine braune, hagere, wilde Troika. Da schrie ihm plötzlich Mitjä entsetzt zu:
„Andrei! ... Aber wenn sie schon schlafen?“
Dieser Gedanke war ihm ganz plötzlich gekommen, denn vorher hatte er an diese Möglichkeit überhaupt nicht gedacht.
„Ja, es ist wohl anzunehmen, daß sie sich schon hingelegt haben.“