„Dich liebe ich, dich allein! Ich werde dich auch in Sibirien lieben, ewig ...“

„Warum in Sibirien? Aber warum schließlich auch nicht, meinetwegen auch nach Sibirien, wenn du willst, mir soll’s recht sein ... einerlei ... wir werden arbeiten ... in Sibirien ist Schnee ... Ich liebe es, im Schlitten über Schneefelder zu fahren ... das Pferd muß eine Glocke am Krummholz haben ... Hörst du, eine Glocke klingt ... Wo klingt nur die Glocke? Es fährt jemand ... da hat sie auch schon aufgehört.“

Erschöpft schloß sie die Augen und schien einzuschlafen. Es hatte in der Tat irgendwo in der Ferne eine Glocke geklungen, und dann – hatte sie plötzlich aufgehört zu klingen. Mitjä senkte seinen Kopf auf ihre Brust. Er merkte nicht, wie die Glocke zu klingen aufgehört hatte, hatte es auch nicht gemerkt, wie plötzlich der Chorgesang verstummt war und an Stelle des Geräusches und trunkenen Lärmes im ganzen Hause Totenstille eintrat. Gruschenka schlug die Augen auf.

„Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja ... Glockenklang ... Ich schlief und mir träumte: es war, als wenn ich über Schneefelder fuhr ... die Glocke klang, und ich schlummerte mit offenen Augen. Es war, als führe ich mit meinem Geliebten, mit dir. Und weit, weit fuhren wir. Ich umarmte und küßte dich, schmiegte mich an dich, ich glaube, mich fror, und der Schnee schimmerte ... Weißt du, wenn in der Nacht der Schnee schimmert und der Mond scheint, und es war, als ob ich nicht auf der Erde wäre ... Da erwachte ich, und du warst bei mir, Geliebter, wie wundervoll ...“

„Bei dir,“ murmelte Mitjä und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände.

Und plötzlich schien ihm etwas so sonderbar: es schien ihm, als ob sie gerade vor sich hinblicke, doch nicht auf ihn, nicht in sein Gesicht, sondern über seinen Kopf hinweg, aufmerksam, unbeweglich und ganz eigentümlich starr. Und plötzlich drückte sich in ihrem Gesichte Verwunderung aus, fast Schreck.

„Mitjä,“ flüsterte sie plötzlich, „wer blickt von dort auf uns her?“

Mitjä wandte sich um und sah, daß tatsächlich jemand durch den Vorhang sie gleichsam zu beobachten schien. Ja, es schien nicht nur einer zu sein. Er sprang auf und trat auf den Beobachter zu.

„Hierher, darf ich bitten, hierher zu uns,“ sagte nicht laut, doch bestimmt und fest eine unbekannte Stimme zu ihm.

Mitjä trat hinter dem Vorhang hervor und blieb unbeweglich stehen. Das ganze Zimmer war voll von Menschen, doch nicht von denen, die noch vor kurzem dagewesen waren, sondern von ganz anderen, neuangekommenen. Ein plötzlicher Frostschauer lief ihm über den Rücken, und er fuhr zusammen. Alle diese Menschen erkannte er auf den ersten Blick. Dieser große, wohlbeleibte Herr im grauen Uniformpaletot mit der Kokarde an der runden Karakulmütze, das war der Kreisrichter, der Chef der Landpolizei, Michail Makarytsch Makaroff. Und dieser „schwindsüchtige“, saubergekleidete Stutzer, „immer in so blankgeputzten Stiefeln“ – das war der Stellvertreter des Staatsanwalts. „Er besitzt eine Uhr im Wert von vierhundert Rubeln, er hat sie mir gezeigt,“ dachte Mitjä. Und dieser jugendliche Kleine mit der Brille ... Mitjä hatte nur seinen Namen vergessen, aber er kannte auch ihn, er hatte ihn gesehen: das war der Untersuchungsrichter des Gerichtshofes, der erst vor kurzer Zeit bei uns eingetroffen war. Und dieser dort – war der Polizeimeister, Mawrikij Mawrikitsch, den kannte er ja ganz genau, – ein alter Bekannter. Aber diese dort mit den Blechschildern, was wollen denn die? Und dann noch zwei Unbekannte, Bauernkerle wahrscheinlich ... Und dort an der Tür Kalganoff und Trifon Borissytsch ...