„Ich bitte Sie nochmals ernstlich, lieber Michail Makarytsch, dieses Mal Ihre Gefühle zu beherrschen,“ flüsterte dem Alten schnell der stutzerhafte Stellvertreter des Staatsanwalts zu, „anderenfalls wäre ich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen.“

Aber der kleine Untersuchungsrichter unterbrach ihn; er wandte sich zu Mitjä und sagte mit fester Stimme, laut und wichtig:

„Herr Leutnant Karamasoff, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie angeklagt sind, Ihren Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff in dieser Nacht ermordet zu haben ...“

Er fügte noch etwas hinzu, auch der Stellvertreter des Staatsanwalts wandte noch etwas ein, doch Mitjä, der wohl ihre Worte hörte, begriff sie nicht mehr. Sein wilder Blick ging verständnislos von einem der Anwesenden zum anderen.

Neuntes Buch.
Die Voruntersuchung

I.
Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin

Pjotr Iljitsch Perchotin, den wir vor dem Hause der Kaufmannswitwe Morosoff verlassen hatten, klopfte unentwegt und mit jedem Schlage stärker an das fest verschlossene Hoftor, bis er schließlich den Hofknecht aus dem Bett geklopft hatte. Als Fenjä, die sich vor Erregung und „Gedanken“ noch nicht entschlossen hatte, zu Bett zu gehen, ein so unbändiges Klopfen am Hoftor hörte, verlor sie vor Schreck fast die Besinnung. Sie war sofort überzeugt, daß der Ruhestörer kein anderer sein konnte als Dmitrij Fedorowitsch (obgleich sie selbst gesehen hatte, wie er mit Andrei fortgefahren war), denn sie sagte sich, daß so „gebieterisch“ nur er allein klopfen könne. So stürzte sie denn unverzüglich zum Hofknecht, der sich bereits zum Hoftor begab, und bat ihn himmelhoch, nicht zu öffnen und niemanden hereinzulassen. Der Alte wurde nachdenklich, erkundigte sich aber doch nach dem Namen des Klopfenden, und als er hörte, wer es war, und daß man Fedossja Markowna (Fenjä) in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte, entschloß er sich, das Fußpförtchen aufzuschließen. Als Perchotin mit dem Hofknecht, den Fenjä mit seiner Erlaubnis gebeten hatte, „von wegen des Bedenklichen“ mitzukommen, in die Küche eingetreten war, begann er unverzüglich sie auszufragen, und so erfuhr er denn alsbald das Wichtigste, nämlich: daß Dmitrij Fedorowitsch, als er fortgestürzt war, um Gruschenka zu suchen, die Mörserkeule ergriffen und in die Tasche gesteckt hatte, dann aber ohne dieselbe, doch mit blutigen Händen zurückgekehrt war. „Und das Blut triefte noch von ihm, triefte noch, triefte nur so von ihm!“ beteuerte Fenjä, die sich in der Aufregung dieses grauenhafte Bild wahrscheinlich ganz unwillkürlich schuf. Daß Mitjäs Hände mit Blut besudelt waren, hatte auch Perchotin gesehen, hatte ja selbst geholfen, sie reinzuwaschen, aber nicht darum handelte es sich jetzt, ob sie schnell oder langsam trocken geworden waren, sondern darum, wohin er, Dmitrij Fedorowitsch, mit der Mörserkeule gelaufen war, d. h., woraus man mit Bestimmtheit schließen konnte, daß es gerade zu seinem Vater gewesen sein mußte? Danach erkundigte sich Perchotin ausführlich, und obwohl er, genau genommen, nichts Bestimmtes erfuhr, so trug er doch die Überzeugung davon, daß Dmitrij Fedorowitsch einzig und allein zum Vater gelaufen sein konnte, und daß dort folglich „etwas“ geschehen sein mußte. „Als er aber zurückkam,“ unterbrach Fenjä erregt seinen Gedankengang, „und ich ihm alles gestanden hatte, da versuchte ich, ihn etwas auszufragen. ‚Täubchen Dmitrij Fedorowitsch,‘ sagte ich, ‚warum sind denn Ihre beiden Hände so blutig?‘ – Da antwortete er mir, daß es Menschenblut sei, und daß er einen Menschen erschlagen habe ...“ Sie sagte, er habe ihr ohne weiteres alles gestanden und habe ersichtlich bereut, doch plötzlich sei er wieder wie ein Irrsinniger hinausgelaufen. „Da setzte ich mich und fing an nachzudenken,“ fuhr Fenjä fort, „und ich fragte mich, wohin er wohl so gelaufen sein mag? Da sagte ich mir, er wird nach Mokroje fahren und dort Agrafena Alexandrowna totschlagen. So lief ich denn hinaus, um ihn vielleicht noch in seiner Wohnung anzutreffen und himmelhoch zu bitten, daß er sie nicht totschlägt, und da traf ich ihn unterwegs bei Plotnikoffs und sah, daß er gerade nach Mokroje abfahren wollte, seine Hände aber schon reingewaschen waren.“ (Die reinen Hände hatte Fenjä sofort bemerkt.) Die alte Köchin Matrjona bestätigte, so weit sie konnte, die Aussagen ihrer Enkelin. Perchotin stellte noch einige Fragen und verließ dann in noch größerer Erregung das Haus der Morosowa, als er das Gasthaus verlassen hatte.

Man sollte meinen, daß es für ihn das Nächstliegende gewesen wäre, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen und sich dort zu erkundigen, ob nicht etwas Besonderes geschehen war, und dann erst, wenn sich sein Verdacht bestätigt hatte, zum Polizeichef zu gehen, wie er es sich fest vorgenommen. Aber das war so eine Sache. – Die Nacht war dunkel, das Hoftor des Karamasoffschen Hauses groß und schwer, das Klopfen nicht hörbar, und er hätte lange klopfen müssen – mit Fedor Pawlowitsch aber war er nur ganz oberflächlich bekannt. Und da würde er denn das ganze Haus aufwecken: man machte ihm auf, und es zeigte sich, daß nichts geschehen war, – und der spottlustige Fedor Pawlowitsch erzählt morgen in der ganzen Stadt die Geschichte, wie Pjotr Iljitsch Perchotin, der ihm völlig unbekannt ist, um Mitternacht zu ihm gelaufen kommt und wie ein Verrückter am Hoftor klopft, um zu erfahren, ob ihn nicht jemand totgeschlagen habe. Das aber wäre ein Skandal, und so etwas fürchtete Perchotin am meisten. Nichtsdestoweniger war die Unruhe, die ihn mit sich fortriß, so stark, daß er sich – allerdings fluchend, mit dem Fuß aufstampfend und mit einem Schimpfwort an die eigene Adresse – unverzüglich auf den Weg machte, doch diesmal nicht zu Fedor Pawlowitsch, sondern zu Frau Chochlakoff. Er beschloß, sie ohne alle Umschweife zu fragen, ob sie heute zu der und der Stunde Dmitrij Karamasoff dreitausend Rubel gegeben habe, und wenn sie dies verneinte, sofort zum Polizeichef zu gehen; falls sie es aber bejahte, alles bis auf den nächsten Tag aufzuschieben und zu sich nach Haus zurückzukehren. Nun sollte man mit Recht meinen, daß der Entschluß des jungen Mannes, in der Nacht, fast um elf Uhr, in das Haus einer ihm ganz unbekannten Dame zu gehen und sie womöglich aus dem Schlaf zu wecken, um an sie eine in ihrer Art gewiß etwas verfängliche Frage zu stellen, vielleicht noch vielmehr Aussichten bot, einen Skandal hervorzurufen, als wenn er zu Fedor Pawlowitsch gegangen wäre. Aber das geschieht bekanntlich – besonders in solchen oder ähnlichen Fallen – nicht selten mit den Entschlüssen der korrektesten und phlegmatischsten Leute. Übrigens war Perchotin in dieser Nacht nichts weniger als phlegmatisch. Sein ganzes Leben lang erinnerte er sich später, wie seine unbezwingbare Unruhe schließlich so groß geworden war, daß sie ihm Qual verursacht und ihn eigentlich gegen seinen Willen immer weiter getrieben hatte. Es versteht sich daher von selbst, daß er sich auf dem ganzen Wege zu ihr über seine Handlung ärgerte, aber: „Ich setze es durch, was es auch koste, ich setze es doch durch,“ wiederholte er mindestens zehnmal zähneknirschend vor sich hin. Und richtig – er führte auch durch, was er sich vorgenommen hatte.

Es schlug gerade elf, als er sich dem Hause Frau Chochlakoffs näherte. In den Hof wurde er ziemlich bald eingelassen, doch auf die Frage, ob die gnädige Frau schon schlafe oder noch auf sei, konnte der Hofknecht nichts Bestimmtes sagen, außer daß sie sich um diese Zeit gewöhnlich schon zurückzuziehen pflege. „Aber der Herr kann es doch versuchen; will man empfangen, so empfängt man, will man nicht, dann nicht. Nur muß der Herr sich oben anmelden.“ Perchotin stieg die Paradetreppe hinauf, doch hatte er hier einen schweren Stand. Der Diener weigerte sich, ihn anzumelden, rief aber schließlich wenigstens die Zofe heraus. Perchotin bat höflich, aber in sehr bestimmtem Tone, ihn bei der gnädigen Frau anzumelden, und unbedingt noch hinzuzufügen, daß er in einer äußerst wichtigen Angelegenheit die gnädige Frau unverzüglich sprechen müsse, sich anderenfalls nie erdreistet hätte usw. Die Kammerzofe ging. Er blieb im Vorzimmer zurück und wartete. Frau Chochlakoff schlief allerdings noch nicht, hatte sich aber schon in ihr Schlafgemach zurückgezogen. Sie war seit dem Besuch Mitjäs sehr angegriffen und fühlte schon im voraus, daß sie in dieser Nacht der Migräne, die in solchen Fällen stets einzutreten pflegte, nicht entgehen werde. Sie hörte verwundert den Bericht ihrer Zofe an, befahl aber doch gereizt, den Herrn abzuweisen, wenn auch der unerwartete Besuch eines „hiesigen Beamten“, wie die Zofe sagte, „zu dieser Stunde!“ nicht wenig ihre Neugier reizte. Doch Perchotin war diesmal hartnäckig wie ein Maulesel (mit dieser Bezeichnung bedachte er sich selbst während des Wartens). Als er die Absage vernommen hatte, bat er sehr bestimmt und nachdrücklich, ihn nochmals anzumelden, und zwar gerade mit den Worten: daß es eine „äußerst wichtige Angelegenheit sei, und die gnädige Frau es vielleicht später bedauern werde, wenn sie ihn jetzt nicht empfinge.“ „Es war mir damals geradezu, als wenn ich einen Berg unaufhaltsam hinabglitt,“ sagte er später bei der Wiedergabe jener Erlebnisse und der Schilderung seiner Empfindungen in jenen Stunden. Die Zofe betrachtete ihn nicht wenig erstaunt, ging aber doch, um ihn noch einmal anzumelden. Frau Chochlakoff war sehr betroffen durch das sonderbare Auftreten des nächtlichen Besuchers. Sie dachte nach und erkundigte sich, wie denn „dieser Mensch“ aussähe, und erfuhr, daß er „sehr anständig gekleidet, jung und sehr höflich“ sei. Ich muß hier noch bemerken, daß Perchotin als junger Mann tatsächlich gut aussah und das auch selbst von sich wußte. Frau Chochlakoff entschloß sich endlich, den Herrn zu empfangen. Sie war bereits in ihrem Hausrock und in Pantöffelchen, und so nahm sie noch einen Schal um. Perchotin wurde in den Empfangssalon gebeten, in dem sie vor kurzem auch Mitjä empfangen hatte. Er trat ein. Gleich darauf erschien auch die Hausfrau. Sie blickte ihn streng und mit etwas erstaunt fragendem Blick an. Ohne ihn aufzufordern, Platz zu nehmen, fragte sie:

„Sie wünschen?“