„Erlauben Sie! Das ist unmöglich! In diesem Augenblick ist das ganz ausgeschlossen!“ rief mit einer Stimme, die vor Erregung ganz schrill klang, der Untersuchungsrichter, der sofort gleichfalls aufgesprungen war. Mitjä wurde von den Männern mit den Blechschildern auf der Brust ergriffen, doch setzte er sich bereits von selbst wieder auf seinen Stuhl.

„Wie schade! Ich wollte ja nur auf einen Augenblick zu ihr ... um ihr zu sagen, daß es abgewaschen ist, daß es verschwunden ist, dieses Blut, das die ganze Nacht mein Herz gequält hat, daß ich jetzt nicht mehr ein Mörder bin, wie ich glaubte! Meine Herren, sie ist doch jetzt meine Braut!“ sagte er plötzlich begeistert, ganz verzückt und jubelnd, während seine seligen Blicke von dem einen zum anderen gingen. „Oh, ich danke Ihnen, meine Herren! Wenn Sie wüßten, was diese Mitteilung für mich ist! Sie haben mich von den Toten auferweckt! ... Dieser Greis – der hat mich doch auf den Armen getragen, mich als dreijähriges Kind im Waschtroge gebadet, als mich alle vergessen hatten, er war wie ein leiblicher Vater zu mir! ...“

„Also, Sie ...“ wollte wieder der Untersuchungsrichter beginnen.

„Gestatten Sie, meine Herren, nur noch eine Minute!“ unterbrach Mitjä von neuem; er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Nur einen Augenblick, um mich etwas zu sammeln, nur einmal aufzuatmen, meine Herren. So etwas erschüttert einen unglaublich, der Mensch ist doch kein – Trommelfell, meine Herren!“

„Würden Sie nicht etwas Wasser trinken ...“ forderte wieder der Untersuchungsrichter ein wenig zerstreut auf.

Da ließ aber Mitjä auch schon die Hände sinken, und lachend lehnte er sich zurück. Sein Blick war wieder munter, und der ganze Mensch schien sich in dieser einen Minute verändert zu haben. Auch sein ganzer Ton und seine ganze Haltung waren verändert: er saß wieder als Gleichgestellter unter ihnen, wie er vielleicht gestern, als noch nichts geschehen war, mit diesen seinen früheren Bekannten irgendwo in der Gesellschaft zusammengesessen hätte. Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß er zu Anfang seines Aufenthaltes bei uns im Hause des Polizeichefs sehr herzlich empfangen worden war; doch später, besonders im letzten Monat, hatte Mitjä seine Besuche in diesem Hause fast ganz eingestellt; und so hatte denn Michail Makarowitsch bei Begegnungen, z. B. auf der Straße, stets eine wichtige Miene gemacht und seinen Gruß eigentlich nur aus Höflichkeit erwidert, was von Mitjä sehr wohl bemerkt worden war. Mit dem Staatsanwalt war er nur ganz oberflächlich bekannt, doch der Gemahlin desselben – es war eine nervöse und phantastische Dame –, hatte er zuweilen seine Aufwartung gemacht, wenn es auch immer nur höchst ehrerbietige und rein gesellschaftliche kurze Visiten gewesen waren. Eigentlich hatte er selbst nicht recht gewußt, warum er zu ihr ging, doch hatte sie ihn jedesmal sehr freundlich empfangen und für ihn ein Interesse gezeigt, das sich bis zur letzten Zeit nicht verringert hatte. Mit dem jungen Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte er aus Mangel an einer Gelegenheit noch nicht Freundschaft geschlossen, doch war er auch mit ihm zusammengekommen und hatte sogar zweimal mit ihm gesprochen – beide Male über das weibliche Geschlecht.

„Sie, Nikolai Parfenowitsch, sind ja, wie ich sehe, ein famoser Untersuchungsrichter,“ begann Mitjä lachend, „aber ich werde Ihnen jetzt selbst bei der Sache behilflich sein. Oh, meine Herren, jetzt bin ich ja erlöst, – Grigorij lebt! ... Und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich mich so ohne Umstände und gerade heraus an Sie wende. Zudem bin ich noch ein wenig betrunken, das gestehe ich ganz offen ein. Ich glaube, ich hatte die Ehre, Nikolai Parfenowitsch ... die Ehre und das Vergnügen, bei meinem Verwandten Miussoff Ihre Bekanntschaft zu machen ... Das heißt, meine Herren, ich erhebe ja keinen Anspruch auf völlige Gleichstellung mit Ihnen ... Ich begreife doch, als was ich in diesem Augenblick vor Ihnen sitze. Auf mir ruht ... wenn Grigorij gegen mich ausgesagt hat ... so ruht, – nun, versteht sich, es lastet auf mir ein schrecklicher Verdacht! Entsetzlich, entsetzlich! – ich verstehe das doch vollkommen! Aber zur Sache, meine Herren, ich bin bereit, und wir werden das alles im Augenblick erledigen, denn, nicht wahr, wenn ich weiß und Ihnen sage, daß ich unschuldig bin, so kann doch alles sofort erledigt werden! Nicht wahr, meine Herren?“

Mitjä sprach rasch und viel, er sprach unruhig, doch von ganzem Herzen aufrichtig – als hielte er seine Zuhörer für seine besten Freunde.

„Also: wir können somit niederschreiben, daß Sie die gegen Sie erhobene Anklage radikal zurückweisen?“ fragte Neljudoff, der Untersuchungsrichter, eindringlich, und diktierte darauf, zum Schreiber gewandt, halblaut, was dieser zu notieren hatte.

„Niederschreiben? Sie wollen das niederschreiben? Nun, so schreiben Sie nieder, soviel Sie wollen ... ich habe nichts dagegen, Sie haben mein volles Einverständnis. Meine Herren ... Nur, sagen Sie ... Halt, nein, warten Sie, schreiben Sie so: Ihn trifft die Schuld an ... nun, an Gewalttätigkeiten, schweren Verletzungen, die er dem armen Alten zugefügt hat, darin bekennt er sich schuldig. Nun und dann noch für mich, in meinem Inneren, in der Tiefe des Herzens bin ich schuldig, – aber das ist nicht mehr nötig, aufzuschreiben“ (er wandte sich an den Schreiber), „das sind bereits meine privaten Angelegenheiten, das geht Sie, meine Herren, nichts mehr an, diese tiefsten Herzensgeheimnisse, das heißt ... ‚Was aber die Ermordung des alten Vaters betrifft‘ – schreiben Sie – ‚so ist er – unschuldig!‘ Das ist Wahnsinn, das ist vollkommener Wahnsinn! ... Ich werde es Ihnen beweisen, und Sie werden sich sofort überzeugen. Sie werden noch lachen, meine Herren, Sie werden noch über Ihren Verdacht lachen! ...“