„Bitte. Schreiben Sie es geradeso: daß ich es nicht sage, nicht sage. Schreiben Sie, daß ich es sogar für ehrlos halte, das zu sagen. Weiß Gott, Sie haben aber viel Zeit zum Schreiben!“

„Gestatten Sie noch, mein Herr, Sie daran zu erinnern, falls Sie es nicht wissen sollten,“ sagte sofort mit besonderem und sehr strengem Nachdruck der Staatsanwalt, „daß Sie das volle Recht haben, auf die Fragen, die wir Ihnen vorlegen, die Antwort zu verweigern, und wir wiederum kein Recht haben, die Antworten Ihnen irgendwie abzunötigen, wenn Sie aus diesem oder jenem Grunde nicht antworten wollen. Das hängt ganz von Ihrer persönlichen Erwägung ab. Doch fällt uns hierbei die Aufgabe zu, Sie in solchem Fall auf den Schaden aufmerksam zu machen, den Sie sich selbst dadurch zufügen, wenn Sie sich weigern, die eine oder andere Aussage zu machen.“

„Meine Herren, ich ... ärgere mich ja nicht ... ich ...“ stotterte Mitjä etwas verwirrt durch den Nachdruck der Bemerkung des Staatsanwalts. „Nun ja, dieser selbe Ssamssonoff, zu dem ich damals ging ...“

Ich werde natürlich nicht die ganze Erzählung dessen, was dem Leser bereits bekannt ist, wiederholen. Dmitrij Fedorowitsch wollte alles ganz ausführlich erzählen und doch in seiner Ungeduld möglichst schnell alles abmachen. Aber je mehr er aussagte, um so mehr wurde auch aufgeschrieben, und so mußte er immer wieder unterbrochen werden. Das mißfiel ihm sehr, und er ärgerte sich, wenn auch vorläufig noch in gutmütiger Weise. Allerdings rief er zuweilen: „Meine Herren, das würde selbst einen Gott aus der Haut bringen“ oder: „Meine Herren, wissen Sie auch, daß Sie mich ganz unnütz aufreizen?“ Doch verlor er dabei noch nicht seine freundschaftliche gutmütige Stimmung. So erzählte er denn, wie Ssamssonoff ihn vor zwei Tagen „zum Narren gehabt“ hatte (das hatte er inzwischen vollkommen erraten). Die Mitteilung vom Verkauf der Uhr für sechs Rubel, um sich Geld zur Fahrt zu verschaffen, erweckte sofort das größte Interesse der Juristen, die davon noch nichts gewußt hatten, und zu Mitjäs maßlosem Ärger fanden sie es für nötig, die Tatsache ausführlich aufzuschreiben, als wiederholte Bestätigung dessen, daß er schon am Abend des vorhergehenden Tages keine Kopeke mehr besessen hatte. Mitjäs Gesicht wurde allmählich immer düsterer. Er erzählte noch von der Fahrt zum Ljägawyj und von der Nacht, die er in der dunsterfüllten Stube verbracht hatte, und kam dann auf seine Rückkehr in die Stadt zu sprechen. Hier begann er, ohne darum gebeten zu sein, ausführlich seine Eifersuchtsqualen wegen Gruschenka zu schildern. Man hörte ihm schweigend und aufmerksam zu und merkte sich besonders das eine: daß er schon seit längerer Zeit einen Beobachtungsposten in der Hinterstraße hatte, von wo aus er Gruschenka auflauerte, und daß Ssmerdjäkoff ihm Nachrichten überbrachte. Letzteres wurde ausführlich niedergeschrieben und gut behalten. Von seiner Eifersucht sprach Mitjä erregt und viel, und wenn er sich auch dessen schämte, daß er seine intimsten Gefühle so preisgab, so „schmachvoll“ an die Öffentlichkeit preisgab, so zwang er sich doch immer wieder zur Überwindung seiner Scham, um die ganze Wahrheit zu sagen. Die teilnahmlose Strenge der Blicke des Untersuchungsrichters und besonders des Staatsanwalts, die während der ganzen Zeit seiner Erzählung auf ihn gerichtet waren, verwirrten ihn schließlich ziemlich stark. „Dieser Milchbart, mit dem ich noch vor ein paar Tagen Dummheiten über die Weiber geschwatzt habe, und dieser schwindsüchtige Staatsanwalt sind es wahrlich nicht wert, daß ich so mein Innerstes aufdecke,“ ging es ihm durch den Sinn. „Oh, die Schande! Doch – ‚Trage dein Leid, mein Herz, ergib dich und schweige‘ –.“ Mit diesem Dichterausspruch überwand er seinen traurigen Gedanken und nahm sich von neuem zusammen, um fortzufahren. Als er zur Erzählung seines Besuches bei Frau Chochlakoff kam, ärgerte er sich noch nachträglich über sie und wollte schon eine kleine lustige Anekdote über diese Dame erzählen, die er vor kurzem gehört hatte, doch der Untersuchungsrichter bat ihn höflich, zu „Wesentlicherem“ überzugehen. Endlich, als er seine Verzweiflung schilderte, wie er aus dem Chochlakoffschen Hause hinausgelaufen war und einen Augenblick sogar daran gedacht hatte, wenn nicht anders, irgend jemanden zu erdrosseln, um sich diese Dreitausend zu verschaffen, wurde er wieder unterbrochen, um auch das, daß er jemanden hatte „erdrosseln“ wollen, niederschreiben zu lassen. Mitjä ließ es wortlos geschehen. Schließlich gelangte er bei dem Augenblick an, wo er plötzlich erfahren hatte, daß er von Gruschenka betrogen worden war, und daß sie Ssamssonoff, bald nach seiner Trennung von ihr vor der Haustür, wieder verlassen hatte, während er im Glauben gewesen war, daß sie bis Mitternacht beim Alten bleiben werde. „Wenn ich in dem Augenblick diese Fenjä nicht erschlug, so geschah das nur deshalb nicht, weil ich keine Zeit dazu hatte,“ entfuhr es ihm plötzlich an dieser Stelle. – Und auch das wurde sorgfältig niedergeschrieben. Mitjä wartete mit düsterem Gesicht und wollte darauf zur Erzählung übergehen, wie er zum Vater in den Garten gelaufen war, – als ihn plötzlich der Untersuchungsrichter unterbrach und aus seinem großen Portefeuille, das neben ihm auf dem Sofa lag, und das er jetzt aufschlug, eine messingne Mörserkeule hervorzog.

„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte er Mitjä.

„Ach, ja!“ sagte er, finster lächelnd, „selbstverständlich! Geben Sie her, zeigen Sie mir ... Äh, Teufel, nicht nötig!“

„Sie haben vergessen, seiner Erwähnung zu tun,“ bemerkte der Untersuchungsrichter.

„Ach, Teufel! Ich hätte es wahrlich nicht verheimlicht, da seien Sie unbesorgt, ohne dieses Ding wäre es ja doch nicht gegangen, was meinen Sie? – Ich hatte es im Augenblick nur ganz vergessen.“

„Würden Sie die Güte haben, sachlich zu erklären, wie und wo Sie sich mit dieser Mörserkeule bewaffnet haben.“

„Zu Befehl, ich werde die Güte haben, meine Herren.“