„Nun, wenn es so sein muß ... werde ich ...“ brummte Mitjä, setzte sich aufs Bett und schickte sich an, seine Socken auszuziehen. Es war für ihn unerträglich: alle waren angekleidet, nur er allein war ausgekleidet und, sonderbar – entkleidet kam er sich vor ihnen fast schuldig vor, und vor allen Dingen fühlte er sich selbst mit einemmal viel niedriger als sie und gab in seinem Bewußtsein zu, daß sie nun das volle Recht hatten, ihn zu verachten. „Wenn alle entkleidet sind, so schämt man sich weiter nicht, ist man aber ganz allein entkleidet und wird man dann noch von allen besehen, so ist es – eine Schmach!“ ging es ihm immer wieder durch den Sinn. „Das ist ja ganz wie im Traum,“ dachte er, „nur im Traum habe ich zuweilen solche Schmach empfunden.“ Doch die Socken auszuziehen, war ihm eine ganz besondere Qual, denn sie waren nicht ganz rein, und auch die Unterbeinkleider waren es nicht, und jetzt konnten das alle sehen. Doch vor allen Dingen liebte er seine Füße nicht; er hatte die beiden großen Zehen aus irgendeinem Grunde sein ganzes Leben lang für mißgestaltet gehalten, besonders den einen häßlichen, platten und irgendwie dumm nach unten gebogenen Nagel der großen Zehe am rechten Fuß. Jetzt würden das alle sehen! Vor unerträglicher Scham wurde er noch gröber, und zwar absichtlich. Er riß sich selbst das Hemd vom Leibe.

„Wollen Sie nicht noch wo nachsuchen, wenn Sie sich nicht schämen?“

„Nein, vorläufig ist dies nicht nötig.“

„Wie, und ich soll hier so nackend bleiben?“ schrie er sie wild an.

„Ja, das ist vorläufig nicht zu ändern ... Setzen Sie sich solange, bitte, hierher. Sie können sich in die Bettdecke einhüllen, wenn Sie wollen, ich ... ich werde das jetzt fortbringen.“

Alle Sachen wurden den Zeugen gezeigt, man schrieb darauf das Ergebnis der Besichtigung auf, und schließlich ging der Untersuchungsrichter fort, und die Kleidungsstücke wurden ihm nachgetragen. Ihm folgte bald nachher auch der Staatsanwalt. So blieben mit Mitjä nur die Bauern zurück, die schweigsam ringsum standen und ihn nicht aus dem Auge ließen. Mitjä hüllte sich in die Decke, ihn fror. Seine nackten Füße baumelten über den Bettrand, und es wollte ihm in keiner Weise gelingen, die Decke so umzunehmen, daß sie auch die Füße bedeckte. Der Untersuchungsrichter blieb auffallend lange fort, „folternd lange“. „Der Kerl behandelt mich ja wie ein Hundejunges,“ dachte Mitjä knirschend. „Dieser Lump von Staatsanwalt ist gleichfalls hinausgegangen; bestimmt aus Verachtung: es wird ihm ekelhaft geworden sein, einen Nackten anzusehen.“ Mitjä war immer noch im Glauben, daß seine Kleider inzwischen besichtigt wurden und man sie ihm bald zurückbringen werde. Wie groß war daher sein Unwille, als Neljudoff plötzlich mit ganz anderen Kleidern, die ein Bauer ihm nachtrug, zurückkam.

„Da haben Sie jetzt auch die Kleider,“ sagte er gutgelaunt und augenscheinlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis seines Ganges. „Herr Kalganoff opfert in diesem interessanten Fall sowohl einen Anzug wie auch ein reines Hemd für Sie. Zum Glück hatte er das alles im Koffer bei sich. Ihre Unterkleider und die Socken können Sie behalten.“

Mitjä geriet außer sich, als er das hörte.

„Ich will keine fremden Kleider!“ schrie er wütend, „geben Sie mir meine eigenen!“

„Das ist unmöglich.“