Sein Kopf sank herab, und er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter schwiegen beide. Nach einer Minute erhob er wieder den Kopf und blickte sie wie sinnlos an. Sein Gesicht drückte jetzt unabwendbare, unfaßbare, erdrückende Verzweiflung aus, und es war, als wäre er gleichsam in sich selbst verstummt, während er auf dem Stuhle saß und sich nicht mehr fühlte. Indessen mußte die Sache beendet werden: man mußte unverzüglich zum Verhör der Zeugen übergehen. Es war bereits acht Uhr morgens. Die Lichter hatte man schon längst ausgelöscht. Michail Makarowitsch und Kalganoff, die während der ganzen Zeit des Verhörs ein- und ausgegangen waren, verließen diesmal wieder das Zimmer. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter sahen gleichfalls sehr abgespannt aus. Der Morgen war trübe; es regnete wie aus Eimern, und der ganze Himmel war gleichmäßig grau. Mitjä blickte gedankenlos zu den Fenstern.
„Darf ich einmal zum Fenster hinaussehen?“ fragte er plötzlich den Untersuchungsrichter.
„Oh, gewiß, soviel Sie wollen,“ antwortete jener.
Mitjä erhob sich und trat ans Fenster. Der Regen peitschte gegen die kleinen grünlichen Fensterscheiben. Gerade vor dem Hause lag die schmutzige Fahrstraße, in deren Radspuren sich schmutziges, braungraues Regenwasser angesammelt hatte, und dort weiterhin im Regennebel sah man die dunklen, armen, unansehnlichen Bauernhütten, die, wie es schien, durch den Regen noch dunkler und noch trauriger und ärmer geworden waren. Mitjä erinnerte sich des „goldlockigen Phöbus“, und wie er sich bei seinem ersten Morgenstrahl hatte erschießen wollen. „Nun was, an einem solchen Morgen wäre es ja schließlich noch besser gewesen,“ dachte er mit einem bitteren Lächeln. Und plötzlich, mit einem wuchtigen Fausthieb von oben nach unten durch die Luft, wandte er sich vom Fenster zu den „Folterknechten“ zurück:
„Meine Herren!“ rief er, „ich sehe ja, daß ich verloren bin. Aber sie? Sagen Sie mir, meine Herren, ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was mit ihr geschehen wird? Es ist doch nicht möglich, daß auch sie meinetwegen ins Unglück gestürzt wird? Sie ist doch unschuldig, sie war doch gestern nicht bei voller Besinnung, als sie schrie, daß sie an allem die Schuld trage. An nichts, an nichts trägt sie eine Schuld! Es hat mich diese ganze Nacht gequält, als ich hier vor Ihnen saß ... Geht es nicht an, können Sie mir nicht sagen, was Sie jetzt mit ihr tun werden?“
„In der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte sofort mit sichtlicher Eilfertigkeit der Staatsanwalt, „wir haben bis jetzt keinerlei Ursache, die Dame, von der Sie reden, auch nur im geringsten sonderlich zu beunruhigen. Im weiteren Verlaufe der Sache wird sich, hoffe ich, gleichfalls erweisen ... Im Gegenteil, wir werden in der Beziehung alles tun, was in unserer Macht steht. Sie können vollkommen ruhig sein.“
„Ich danke Ihnen, meine Herren, ich wußte es, wußte, daß Sie ehrenhafte und gerechte Menschen sind, abgesehen von allem ... Sie haben mir eine Last vom Herzen genommen ... Nun, was werden wir denn jetzt machen? Ich bin bereit.“
„Ja, man wird sich beeilen müssen. Wir müssen sofort zum Verhör der Zeugen übergehen. Das muß natürlich in Ihrer Gegenwart geschehen, und darum ...“
„Sollte man nicht vorher etwas genießen, eine Tasse Tee zum Beispiel?“ unterbrach ihn Neljudoff, „wir dürften sie uns doch wohl verdient haben?“
Man beschloß, falls unten der Tee bereit wäre – was man sicher annehmen konnte, da Michail Makarowitsch hinausgegangen war – vorläufig nur ein Glas zu trinken und im Verhör fortzufahren, „unbedingt fortzufahren“, das „Frühstück“ jedoch noch hinauszuschieben, bis zu einer freieren Stunde. Der Tee war fertig und wurde ihnen im Augenblick gebracht. Mitjä dankte zuerst für den Tee, den ihm der Untersuchungsrichter freundlich anbot, dann aber bat er selbst darum und trank das Glas gierig aus. Er sah seltsam übermüdet aus. Was konnte ihm, hätte man meinen sollen, diesem Recken mit seiner bekannten Körperkraft, ein Trinkgelage und eine durchschwärmte Nacht, selbst eine wie diese, unter den stärksten seelischen Erschütterungen, ausmachen? Er selbst aber fühlte, daß er sich kaum auf dem Stuhle halten konnte, und daß von Zeit zu Zeit sich alle Gegenstände vor seinen Augen drehten. „Es fehlt nur noch ein wenig, und ich fange an zu phantasieren,“ dachte er bei sich.