VIII.
Die Aussagen der Zeugen.
„Das Kindichen“

Es begann nun das Verhör der Zeugen. Ich werde jedoch meine Erzählung nicht mehr mit derselben Ausführlichkeit fortsetzen, wie ich bisher getan habe. So werde ich denn auch übergehen, wie Neljudoff, der Untersuchungsrichter, einem jeden vortretenden Zeugen zuerst einschärfte, daß er nach Wahrheit und Gewissen auszusagen habe und späterhin seine Aussage unter dem Eide werde bekräftigen müssen. Wie man schließlich von jedem Zeugen verlangte, daß er das Protokoll seiner Aussagen unterschrieb usw., usw. Ich will hier nur noch bemerken, daß der Hauptpunkt, auf den die ganze Aufmerksamkeit der Zeugen gelenkt wurde, immer diese Frage nach der Höhe der Geldsumme war: waren es zuerst dreitausend oder anderthalbtausend Rubel gewesen, die Dmitrij Fedorowitsch hier in Mokroje vor einem Monat ausgegeben hatte, und ob es abermals drei oder nur anderthalb Tausend gewesen waren, mit denen er jetzt gekommen war. Es zeigte sich leider, daß alle Aussagen gegen Mitjä waren, alle ohne Ausnahme, ja einige von den Zeugen brachten noch neue Tatsachen vor, die Mitjäs Aussage fast verblüffend widerlegten. Als erster wurde Trifon Borissytsch verhört. Er trat ohne die geringste Scheu an den Tisch, mit einer Miene, die strengen und ernsten Unwillen gegen den Angeklagten ausdrückte, was ihm zweifellos den Anschein eines wahrheitsliebenden, sich selbst achtenden Mannes verlieh. Er sprach wenig, zurückhaltend, wartete die Fragen ab, antwortete genau und wohlbedacht. In der bestimmtesten Weise und ohne zu zweifeln sagte er aus, daß Mitjä vor einem Monat unmöglich weniger als dreitausend Rubel verausgabt haben könne, „was hier gleichfalls alle Bauern bezeugen können“, da sie es außerdem noch mit eigenen Ohren von „Mitrij Fedorowitsch“ mehrmals gehört hätten. „Wieviel Geld hat er nicht den Zigeunern hingeworfen,“ sagte Trifon Borissytsch unwillig. „Die haben ja allein an die tausend gefressen, da sei einer unbesorgt!“

„Ich habe ihnen vielleicht nicht einmal fünfhundert gegeben,“ bemerkte Mitjä finster, „nur habe ich es damals nicht gezählt, da ich betrunken war, schade darum ...“

Mitjä saß, seitdem man die Zeugen verhörte, an der einen Seite des Tisches, mit dem Rücken zum Vorhang. Er hörte finster zu und sah traurig und müde aus, als wollte er sagen: „Ach, sagt aus, was ihr wollt, mir ist jetzt alles gleich!“

„Mehr als tausend haben diese Kanaillen geschluckt, Mitrij Fedorowitsch,“ behauptete Trifon Borissytsch überzeugt. „Ihr warft doch blindlings, und das Lumpenpack hatte man bloß aufzupflücken. Das ist doch kein Menschenvolk, das sind doch nur Spitzbuben und Pferdediebe; jetzt sind sie von hier fortgejagt, sonst würden sie vielleicht selber aussagen, wieviel sie von Euch bekommen haben. Und ich habe doch selber dazumal das Geld in Euren Händen gesehen, – gezählt hab ich es ja nicht, das stimmt, Ihr habt es mir ja nicht zu zählen gegeben, – aber so nach dem Augenmaß kann ich wohl sagen, daß es ein dicker Batzen war, viel mehr als tausendfünfhundert ... was, tausendfünfhundert! Auch wir haben Geld gesehen und wissen, was Geld ist, können daher auch beurteilen ...“

In bezug auf die gestrige Summe sagte Trifon Borissytsch sofort aus, daß Dmitrij Fedorowitsch „ihm selber“, gleich nachdem er aus dem Wagen gestiegen war, gesagt habe, daß er Dreitausend mitgebracht.

„Wirklich, Trifon Borissytsch?“ sagte Mitjä, „habe ich wirklich so rund herausgesagt, daß ich Dreitausend mitgebracht hätte?“

„Jawohl habt Ihr das gesagt, Mitrij Fedorowitsch. In Andreis Gegenwart habt Ihr es sogar gesagt. Andrei ist auch jetzt noch hier, ist noch nicht fortgefahren, laßt ihn doch reinrufen. Und dort in der großen Stube rieft Ihr, als Ihr dem Chor soviel gabt, daß Ihr jetzt auch noch das sechste Tausend hierlassen wolltet, – mit den übrigen, das heißt zusammengerechnet, muß das wohl so zu verstehen sein. Stepan und Ssemjon haben’s mit eigenen Ohren gehört und auch Herr Pjotr Fomitsch Kalganoff, der dazumal akkurat neben Euch stand, wird es vielleicht behalten haben ...“

Die Aussage von dem sechsten Tausend machte einen ganz besonderen Eindruck auf die Juristen. Die neue Redaktion gefiel: drei und drei macht zusammen sechs, das bedeutet also, daß es damals dreitausend waren und auch jetzt dreitausend, da wären denn die ganzen sechstausend, – das ist doch klar.

Man befragte unverzüglich alle, die Trifon Borissytsch als Ohrenzeugen angegeben hatte, den Stepan und den Ssemjon und Andrei, und dann auch Pjotr Fomitsch Kalganoff. Die beiden Bauern und der Kutscher Andrei bestätigten die Aussage Trifon Borissytschs, ohne zu schwanken. Außerdem wurde noch nach den Äußerungen Andreis sorgfältig alles niedergeschrieben, was der von seinem Gespräch mit Mitjä zu erzählen wußte: „Wohin also werde ich, Dmitrij Fedorowitsch, kommen; in den Himmel oder in die Hölle, und wird man mir dort in jener Welt verzeihen oder nicht?“ Der „Psychologe“ Hippolyt Kirillowitsch hörte das mit einem feinen Lächeln an und empfahl zum Schluß auch diese Aussage – darüber, wohin Dmitrij Fedorowitsch kommen werde – zu dem Tatsachenmaterial hinzuzufügen.