Kalganoff, den man hatte rufen lassen, trat mit einem mürrischen und eigensinnigen Ausdruck ein und sprach mit dem Staatsanwalt und dem Untersuchungsrichter in einer Weise, als sähe er sie zum erstenmal im Leben, während er doch mit ihnen täglich bei Bekannten zusammengetroffen war. Er begann damit, daß er „nichts davon wisse und auch nichts wissen wolle“. Doch das von dem sechsten Tausend hatte auch er gehört, und er bestätigte, daß er in dem Augenblick neben Mitjä gestanden. Auf die Frage, wieviel Geld Mitjä in der Hand gehabt hätte, sagte er mürrisch: „Ich weiß nicht wieviel.“ Daß die Polen beim Kartenspiel betrogen hatten, bestätigte er gleichfalls. Auch erklärte er auf die wiederholten Fragen, daß nach der Einsperrung der beiden Polen Mitjä in der Gunst Agrafena Alexandrownas gestiegen sei, und daß sie gesagt habe, sie liebe ihn. Über Agrafena Alexandrowna äußerte er sich nur zurückhaltend und sehr achtungsvoll, als wäre sie eine Dame der besten Gesellschaft; er erlaubte sich kein einziges Mal, sie einfach „Gruschenka“ zu nennen. Trotz des unverhohlenen Widerwillens, mit dem Kalganoff antwortete, befragte ihn der Staatsanwalt unbarmherzig lange, und so erfuhr er denn erst durch ihn die Details dessen, was sozusagen den „Roman“ Mitjäs in dieser Nacht ausmachte. Mitjä unterbrach Kalganoff kein einziges Mal. Endlich wurde der arme Jüngling entlassen, und er entfernte sich sofort mit unverhohlener Wut.

Darauf wurden die Polen befragt. Sie waren in ihrem Zimmer zu Bett gegangen, doch hatte ihre Ruhe nicht lange gedauert, und geschlafen hatten sie eigentlich überhaupt nicht. Als die Autoritäten angekommen waren, hatten sie sich schnell wieder angekleidet und sorgfältig Toilette gemacht, da sie sich sagten, daß man sie gleichfalls bestimmt vernehmen werde. Sie traten würdevoll ein, doch sah man ihnen nur zu deutlich an, daß ihr Herz nicht auf der Höhe war. Der „Kommandierende“, d. h. der kleine Pan, war, wie sich herausstellte, ein verabschiedeter Beamter der zwölften Rangklasse, der in Sibirien als Viehdoktor gedient hatte und Mussjälowitsch hieß. Pan Wrublewskij jedoch stellte sich vor als „freipraktizierender Dentist“, was wir sonst gewöhnlich „Zahnarzt“ nennen. Beide wandten sich mit ihren Antworten immer an Michail Makarowitsch, obgleich der sie nichts fragte und weiterhin am Fenster stand, den sie aber wegen seiner Uniform als Polizeichef für die Hauptperson hielten und nach jedem Wort „Pane Obrist“ nannten. Erst nach mehreren Fragen und den wiederholten Hinweisen Michail Makarowitschs errieten sie endlich, daß sie sich mit ihren Antworten nur an Neljudoff, den Untersuchungsrichter zu wenden hatten. Bei der Gelegenheit zeigte sich, daß sie sogar sehr richtig Russisch sprechen konnten, abgesehen von der Aussprache einzelner Worte. Pan Mussjälowitsch begann auch von seinen Beziehungen zu Gruschenka, den früheren wie den gegenwärtigen, stolz und glühend zu erzählen, so daß Mitjä sofort außer sich geriet und schrie, so einem „Schuft“ erlaube er nicht, in seiner Gegenwart so zu sprechen! Worauf Pan Mussjälowitsch die Herrn Richter sofort auf das Wort „Schuft“ aufmerksam machte und sie bat, diese Beleidigung ins Protokoll aufzunehmen. Mitjä brauste auf vor Wut.

„Ja, ein Schuft, ein Schuft ist er! Schreiben Sie es nur auf und schreiben Sie noch hinzu, daß ich trotzdem sage, daß er ein Schuft ist!“ schrie er zornig.

Neljudoff ließ es wohl ins Protokoll eintragen, bewies aber bei diesem unangenehmen Zwischenfall die lobenswerteste Sachlichkeit und ein gutes Verständnis für die Leitung des Verhörs: nach einer strengen, kurzen Ermahnung Mitjäs brach er selbst sofort alle weiteren Fragen, die mehr die romanhafte Seite der Sache betrafen, ab und ging zum „Wesentlichen“ über. „Wesentlich“ war besonders eine Aussage der Pane, die bei den Juristen ein ungewöhnliches Interesse erweckte: die Mitteilung nämlich, daß Mitjä dem Pan Mussjälowitsch in jenem kleinen Zimmer dreitausend Rubel Abstandsgeld angeboten hatte mit dem Vorschlag: „siebenhundert sofort bar und die anderen zweitausenddreihundert morgen früh in der Stadt“, wobei er sein Ehrenwort gegeben hatte, daß das Geld morgen zur Stelle sein werde, da er es im Augenblick nicht bei sich hätte, das Geld aber in der Stadt liege. Mitjä bemerkte zuerst in der Hitze, daß er es nicht so gesagt habe: er werde ihnen das Geld morgen bestimmt in der Stadt geben. Doch auch Pan Wrublewskij bestätigte die Aussage des kleinen Pans. Da gestand Mitjä denn nach kurzem Nachdenken mürrisch ein, daß es wahrscheinlich so gewesen sein werde, wie die Polen sagten, daß er in jenem Augenblick erregt gewesen sei und vielleicht auch so gesagt habe. Der Staatsanwalt klammerte sich gleichsam an diese Aussage: jetzt war es für ihn klar (und so legte man es in der Folge auch aus), daß die Hälfte oder ein Teil der Dreitausend, die Mitjä so plötzlich in die Hände bekommen hatte, von ihm irgendwo in der Stadt versteckt sein mußte, vielleicht auch hier in Mokroje, wodurch jener allerdings bedenkliche Punkt seine Erklärung fand, daß man bei ihm nur achthundert Rubel vorgefunden hatte, – ein Umstand, der bis jetzt, wenn auch nur ein einziger und ziemlich belangloser, aber immerhin doch ein gewisser Beweis zu Mitjäs Gunsten gewesen war. Und nun stürzte auch dieser einzige Beweis zu seinen Gunsten ein. Auf die Frage des Staatsanwalts: wo er denn diese zweitausenddreihundert Rubel hergenommen hätte, um sie dem Pan zu geben, wenn er doch selbst behauptete, daß er im ganzen nur noch tausendfünfhundert besessen habe, und auf was hin er das sogar mit seinem Ehrenwort habe bekräftigen können, antwortete Mitjä ruhig und fest, daß er dem „Polacken“ morgen nicht Geld, sondern die formelle Übertragung seiner Rechte auf das Gut Tschermaschnjä habe anbieten wollen, wie er sie auch dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff angeboten hätte. Der Staatsanwalt freilich lächelte über diese „Naivität der Ausflucht“.

„Und Sie glauben, er wäre darauf eingegangen, diese ‚Rechte‘ an Stelle der baren zweitausenddreihundert Rubel anzunehmen?“

„Selbstverständlich wäre er darauf eingegangen,“ sagte Mitjä auffahrend. „Ich bitte Sie, hierbei sind doch nicht nur zwei, sondern vier, sechs, sogar zehntausend herauszuschlagen! Er hätte sofort seine kleinen Winkeladvokaten beauftragt, Polacken und Juden, und hätte nicht nur dreitausend, sondern ganz Tschermaschnjä herausgeschlagen!“

Die Aussagen Pan Mussjälowitschs wurden natürlich gleichfalls ausführlichst niedergeschrieben. Damit sahen sich die Polen entlassen. Daß sie beim Kartenspiel betrogen hatten, wurde fast gar nicht erwähnt. Neljudoff war ihnen gar zu dankbar und wollte sie daher nicht weiter mit Fragen belästigen, um so weniger, als das alles nur ein dummer Streit in der Trunkenheit gewesen sein konnte. Als ob es wenig Dummheiten in dieser Nacht gegeben hätte! ... So behielten denn die Polen die zweihundertfünfzig Rubel in der Tasche.

Darauf wurde nach dem alten Maximoff geschickt. Er erschien sehr zaghaft, näherte sich mit kleinen Schritten und sah dabei gehörig zerzaust und recht niedergeschlagen aus. Die ganze Zeit hatte er unten bei Gruschenka mäuschenstill gesessen und eine Miene gemacht, „als ob sofort Tränlein aus seinen Äuglein tröpfeln würden,“ wie später Michail Makarowitsch sagte, „und dann hätte er sie natürlich hübsch artig mit seinem blaukarierten Schnupftuch abgewischt“. Jedenfalls hatte Gruschenka ihn noch getröstet. Das alte Kerlchen bekannte sofort dem Untersuchungsrichter, daß er schuldig sei, da er von Dmitrij Fedorowitsch „zehn Rubel genommen habe, um-um-um ... ich bin doch ein ganz armer Mensch!“ und daß er bereit sei, sie ihm zurückzugeben ... Auf die direkte Frage Neljudoffs, „ob er nicht wisse, wieviel Geld Dmitrij Fedorowitsch in der Hand gehabt hatte, als er von ihm die zehn Rubel erhielt,“ antwortete Maximoff mit voller Überzeugung: „Zwanzigtausend.“

„Haben Sie früher einmal zwanzigtausend Rubel, in einer Hand gehalten, gesehen?“ fragte der Untersuchungsrichter lächelnd.

„Wie-wie denn nicht! Ich habe es genau gesehen, nur-nur waren es nicht zwanzigtausend, sondern sie-sie-sieben, als nämlich meine Frau mein Gütchen verpfändete. Sie ließ mich aber das Geld nur von weitem sehen. Es war ein-ein dickes Päckchen, alles Regenbogen. Und auch Dmitrij Fedorowitsch hatte nur Hundertrubelscheine ...“