Er wurde bald entlassen. Schließlich kam die Reihe auch an Gruschenka. Die Juristen fürchteten offenbar den Eindruck, den ihr Erscheinen auf Dmitrij Fedorowitsch machen konnte, und Neljudoff murmelte sogar ein paar Worte zu Mitjä, um ihn vorzubereiten und ein wenig zu ermahnen, worauf Mitjä nur stumm den Kopf senkte, womit er zu verstehen gab, daß er „keine Szene machen werde“. Michail Makarowitsch führte sie in höchst eigener Person ins Zimmer. Sie trat mit strengem, fast finsterem Gesichtsausdruck ein, äußerlich schien sie ganz ruhig zu sein. Sie setzte sich leise auf den ihr angewiesenen Stuhl gegenüber Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, dem Untersuchungsrichter. Sie war sehr bleich, und wie es schien, fand sie es kalt, denn sie hüllte sich fröstelnd in ihren prachtvollen schwarzen Schal ein. Es waren die ersten Fieberschauer einer Erkältung – der Anfang der Grippe, an der sie nach dieser Nacht lange Zeit schwer krank zu Bett lag. Ihr strenges Aussehen, ihr gerader und ernster Blick und das ruhige Auftreten machten auf alle einen vorzüglichen Eindruck. Nikolai Parfenowitsch Neljudoff war eigentlich sofort „ganz hin“. Er gestand später selbst, wenn er irgendwo von der Begebenheit erzählte, daß er erst da zum erstenmal gesehen habe, „wie schön dieses Weib“ sei, denn vorher hätte er sie wohl flüchtig gesehen, aber doch immer nur für „etwas von der Art einer Kreisstadthetäre gehalten“. „Sie hat Manieren, wie eine Dame der besten Gesellschaft,“ beteuerte er einmal in der Begeisterung und zufällig gerade in einer Damengesellschaft. Man hörte ihn mit dem größten Unwillen an und nannte ihn dafür hinfort einen „verdorbenen Schlingel“, womit er sehr zufrieden war. Als Gruschenka ins Zimmer trat, streifte sie Mitjä nur einmal ganz flüchtig mit dem Blick, und diese Ruhe beruhigte dann auch ihn, der ihr zuerst erregt entgegengesehen hatte. Nach den ersten notwendigen Fragen und Vorbemerkungen stellte Nikolai Parfenowitsch, zwar etwas stotternd und betreten, aber doch mit voller Beibehaltung der größten Höflichkeit und Ernsthaftigkeit, folgende Frage: In welchen Beziehungen sie zu dem Leutnant a. D. Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff gestanden habe, worauf sie still und fest antwortete:

„Er war mein Bekannter, als Bekannten habe ich ihn im letzten Monat empfangen.“

Auf die weiteren, interessiert gestellten Fragen erklärte sie mit voller Aufrichtigkeit, daß er ihr wohl in manchen „Stunden“ gefallen, sie ihn aber nicht geliebt, sondern nur „aus dummer Bosheit“ zum besten gehabt habe, ganz wie sie es auch mit jenem „Alten“ getan hätte. Sie sagte, sie habe gesehen, wie Mitjä auf Fedor Pawlowitsch und auf alle Welt eifersüchtig gewesen sei, doch das hätte sie nur amüsiert. Zu Fedor Pawlowitsch zu gehen, daran habe sie überhaupt nicht gedacht, da sie sich über ihn nur lustig gemacht habe. „In diesem ganzen Monat war es mir nicht um sie zu tun; ich erwartete einen anderen Menschen, der ankommen sollte, um seine Schuld an mir wieder gutzumachen ... Nur glaube ich,“ schloß sie plötzlich, „daß dieses Sie weiter nicht zu interessieren braucht, und ich Ihnen darüber nichts zu sagen habe, denn das dürfte doch nur meine persönliche Angelegenheit sein.“

Nikolai Parfenowitsch gehorchte sofort; er ließ sofort alle „romantischen“ Punkte beiseite und ging unverzüglich zum „Ernsten“ über, das heißt also zu jener Frage der dreitausend Rubel. Gruschenka bestätigte, daß von Mitjä vor einem Monat in Mokroje tatsächlich dreitausend Rubel verschleudert worden seien, und wenn sie selbst auch das Geld nicht gezählt habe, so hätte sie doch von Dmitrij Fedorowitsch gehört, daß es so viel gewesen sei.

„Hat er es Ihnen unter vier Augen gesagt oder in Gegenwart anderer, oder haben Sie nur gehört, wie er es anderen gesagt hat?“ erkundigte sich sofort der Staatsanwalt.

Gruschenka erklärte darauf, daß er es sowohl in Gegenwart anderer, als auch zu anderen gesagt, daß sie es aber auch unter vier Augen von ihm gehört habe.

„Haben Sie es einmal von ihm unter vier Augen gehört oder mehrmals?“ erkundigte sich wieder der Staatsanwalt, und er erfuhr, daß sie es mehrmals gehört hatte.

Hippolyt Kirillytsch war mit dieser Aussage sehr zufrieden. Aus dem weiteren Verhör ergab sich ferner noch, daß Gruschenka gleichfalls gewußt hatte, woher dieses Geld stammte, – daß es Dmitrij Fedorowitsch von Katerina Iwanowna gegeben worden war.

„Aber haben Sie nicht wenigstens einmal gehört, daß hier vor einem Monat nicht dreitausend, sondern weniger verschleudert worden sei, und daß Dmitrij Fedorowitsch von den Dreitausend die ganze Hälfte für sich aufbewahrt habe?“

„Nein, davon habe ich niemals etwas gehört,“ sagte Gruschenka.