Und nachdem er das gesagt hatte, setzte er sich wieder auf den Stuhl. Gruschenka erhob sich, wandte sich zur Ecke, in der das Heiligenbild hing, und bekreuzte sich andächtig.

„Gelobt seist Du, mein Herr und Gott!“ sagte sie mit ganzer Inbrunst und tief erschütterter Stimme. Und ohne sich zu setzen, wandte sie sich darauf zu Neljudoff und fügte noch laut hinzu: „Was er soeben gesagt hat, daran glauben Sie! Ich kenne ihn: Unwahres schwatzen kann er, wenn es sich um einen Scherz oder seinen Eigensinn handelt, doch wenn es sich um eine Gewissenssache handelt, so wird er nie lügen. Dann wird er stets die Wahrheit sagen, und daran glauben Sie!“

„Hab Dank dafür, Agrafena Alexandrowna, du hast mich wieder aufgerichtet,“ sagte Mitjä mit unsicherer Stimme.

Auf die Frage nach dem gestrigen Gelde sagte sie, daß sie nicht wüßte, wieviel es gewesen sei, dafür aber gehört habe, wie er zu anderen gesagt hatte, daß er wieder mit Dreitausend angekommen sei. Und was die Herkunft des Geldes betrifft, so habe er ihr allein unter vier Augen gesagt, daß er es von Katerina Iwanowna „gestohlen“ hätte, und sie habe ihm darauf geantwortet, daß es nicht „gestohlen“ sei, und daß er ihr morgen das Geld zurückgeben müsse. Auf die wiederholte Frage des Staatsanwalts, von welchem Gelde er gesagt hätte, daß es „gestohlen“ sei – von dem gestrigen oder den anderen Dreitausend vor einem Monat – erklärte sie, daß er es von jenem anderen vor einem Monat gesagt, daß wenigstens sie ihn so verstanden habe.

Endlich wurde auch Gruschenka entlassen, wobei ihr Nikolai Parfenowitsch Neljudoff noch dienstbeflissen mitteilte, daß sie, falls sie es wünschte, ungehindert jeden Augenblick in die Stadt zurückkehren könne, und daß er, falls er seinerseits irgendwie gefällig sein könnte, zum Beispiel hinsichtlich der Pferde, oder, zum Beispiel, falls sie einen Begleiter wünschte, ... seinerseits, wie gesagt, mit dem größten Vergnügen ...

„Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit,“ unterbrach ihn Gruschenka, mit einer leichten Verneigung des Kopfes, „ich werde mit dem kleinen alten Herrn, dem Gutsbesitzer, zurückkehren, ich werde ihn in die Stadt bringen, doch vorläufig möchte ich, wenn Sie es gestatten, hier abwarten, was mit Dmitrij Fedorowitsch geschehen wird.“

Sie verließ das Zimmer. Mitjä war ruhig und schien wieder Mut und Kraft geschöpft zu haben, – doch schien das nur eine kurze Zeit so. Es überkam ihn immer wieder eine ganz sonderbare körperliche Schwäche, und je länger die Verhandlung dauerte, desto häufiger und stärker fiel ihn diese Schwäche an. Seine Augen fielen ihm fast zu vor Müdigkeit. Endlich war auch das Zeugenverhör beendet. Dann schritt man zur endgültigen Redaktion des Protokolls. Mitjä erhob sich und ging von seinem Stuhl in die Ecke zum Vorhang, wo er sich auf eine große, mit einem Teppich bedeckte Truhe hinlegte und sofort einschlief. Da hatte er einen sonderbaren Traum, der eigentlich gar nicht zu seiner Stimmung paßte. Es war ihm, als fahre er irgendwo in der Steppe, dort, wo früher vor langer Zeit sein Regiment gestanden hatte: und er fährt in einem offenen Wagen, in dem vor ihm noch der Kutscher sitzt, ein Bauer, und es schneit und regnet. Nur scheint es kalt zu sein, etwa Anfang November, und der Schnee fällt in dichten nassen Flocken und taut sofort auf, sobald er die Erde berührt. Und der Bauer knallt mit der Peitsche, und die beiden Pferde greifen tüchtig aus. Der Bauer hat einen langen Bart, er ist aber noch nicht alt, ungefähr fünfzig Jahre, und er hat einen grauen Bauernkittel an. Und da sieht er in der Ferne ein Dorf, die Hütten sind schwarz, ganz schwarz, und die Hälfte der Hütten ist abgebrannt, und es starren von ihnen nur noch die verkohlten Dachsparren durch den grauen Tag. Und vor der Einfahrt ins Dorf haben sich an der Landstraße die Bauernweiber aufgestellt, viele Weiber, eine ganze Reihe, und alle haben sie so magere und abgezehrte, ganz absonderlich braune Gesichter. Besonders die eine am Rande, eine skelettartige, hohe Gestalt: sie scheint vierzig Jahre alt zu sein, vielleicht ist sie auch nur zwanzig, ihr Gesicht ist lang, mager, und auf dem Arme trägt sie ein weinendes Kindchen, ihre Brüste aber müssen ganz ausgetrocknet sein, keinen Tropfen Milch mehr enthalten. Und das Kindchen weint und weint, und es streckt die Ärmchen aus, nackte magere Ärmchen mit kleinen Fäustchen, die vor Kälte ganz blau sind.

„Warum weinen sie? Worüber weinen sie?“ fragt Mitjä, indem er in seinem Wagen an ihnen vorüberfliegt.

„Das ist das Kindichen,“ antwortet ihm der Bauer, mit dem er fährt, „das Kindichen weint.“

Und Mitjä ist ganz verdutzt darüber, daß er es so auf seine Art sagt: „das Kindichen“, und nicht das Kindchen. Und es gefällt ihm, daß der Bauer Kindichen gesagt hat: es ist, als ob mehr Mitleid darin läge.