Mitjä erriet, daß er vielleicht eine Stunde geschlafen hatte oder noch länger, aber er hörte nicht, was Neljudoff zu ihm sprach. Es machte ihn plötzlich stutzig, daß auf der Truhe ein Kopfkissen lag und er auf ihm geschlafen hatte; vorhin aber, als er todmüde hier eingeschlafen war, da hatte er kein Kissen gesehen.
„Wer hat mir dieses Kissen unter den Kopf geschoben? Wer ist dieser gute Mensch gewesen?“ rief er mit einem begeisterten, dankbaren Gefühl und einer gleichsam vor Tränen bebenden Stimme, als hätte man ihm weiß Gott was für eine große Wohltat erwiesen.
Er hat es nie erfahren, wer dieser gute Mensch gewesen war. Vielleicht hatte es einer von den Ortsbewohnern oder der kleine Schreiber Nikolai Parfenowitschs aus Mitleid getan. Mitjä aber fühlte, wie seine ganze Seele vor Tränen gleichsam erbebte. Er trat zum Tisch und sagte, daß er alles unterzeichnest werde, was sie von ihm verlangten.
„Ich habe einen guten Traum gehabt, meine Herren,“ sagte er, und seine Worte klangen so sonderbar, und er sprach sie mit einem ganz neuen, freudeverklärten Gesicht.
IX.
Wie Mitjä fortgeführt wurde
Als das Protokoll unterzeichnet war, wandte sich Nikolai Parfenowitsch mit feierlicher Miene an den Angeklagten und verlas die „Verfügung“, – daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, an dem und dem Ort der Untersuchungsrichter des und des Kreisgerichtshofs nach dem Verhör des und des (d. h. Mitjäs), der angeklagt war, das und das verübt zu haben (alle Anklagen waren peinlich genau aufgezählt), und in Anbetracht dessen, daß der Angeklagte, der sich der Verbrechen, die ihm zur Last gelegt werden, nicht für schuldig bekenne, anderseits nichts zu seiner Rechtfertigung vorzubringen habe, während die Zeugen (die und die) und die Umstände (die und die) ihn vollständig überführen, er, der Untersuchungsrichter usw. auf Grund der und der Paragraphen des Strafgesetzbuches usw. verfüge: um dem und dem (Mitjä) die Möglichkeit zu nehmen, sich der Untersuchung und dem Gericht zu entziehen, ihn in das und das Gefängnis einzuschließen, wovon dem Angeklagten Mitteilung zu machen, die Kopie dieser Verfügung dem Vertreter des Staatsanwalts einzuhändigen sei usw. usw. Kurz, es wurde Mitjä mitgeteilt, daß er von diesem Augenblicke an ein Gefangener war, und daß man ihn unverzüglich in die Stadt führen werde, um ihn dort im Gefängnis unterzubringen. Mitjä der alles aufmerksam angehört hatte, zuckte nur mit den Schultern.
„Nun was, meine Herren, ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, ich bin bereit ... Ich sehe es ja ein, daß Ihnen weiter nichts zu tun übrig bleibt.“
Nikolai Parfenowitsch erklärte ihm darauf in möglichst sanfter Weise, daß ihn Mawrikij Mawrikjewitsch, der Polizeioffizier unseres Städtchens, der kurz vorher in Mokroje angekommen war, sofort in die Stadt bringen werde ...
„Einen Augenblick,“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä und sich an alle Anwesenden wendend, sagte er mit überströmendem Gefühl: „Meine Herren, alle sind wir grausam, alle sind wir Unmenschen, alle Menschen machen wir weinen, alle Menschen, Mütter und Kinder, doch von allen – mag das jetzt so entschieden sein – von allen bin ich der allerniedrigste Unmensch. Mag das jetzt einmal gesagt sein! An jedem Tage meines Lebens habe ich mich vor die Brust geschlagen und mir vorgenommen, mich zu bessern, und doch habe ich jeden Tag wieder dieselben Scheußlichkeiten begangen. Jetzt begreife ich, daß für solche Menschen, wie mich, ein Schlag nötig ist, ein Schicksalsschlag, damit sie wie mit einer Wurfschlinge gefangen und von einer äußeren Kraft bezwungen werden. Niemals, niemals hätte ich mich aus eigener Kraft erhoben! Nun aber hat der Donner gegrollt und der Blitz hat mich getroffen. Ich nehme die Qual der Anklage und meiner öffentlichen Schmach auf mich, ich will leiden, und ich will mich durch das Leid läutern! Und das wird mir jetzt vielleicht auch gelingen – was meinen Sie, meine Herren, wird es mir gelingen? Doch nun hören Sie es noch einmal, ich sage es Ihnen zum letzten Male: Am Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Ich nehme die Strafe nicht deshalb auf mich, weil ich ihn etwa erschlagen habe, sondern dafür, daß ich ihn hab erschlagen wollen und vielleicht auch tatsächlich erschlagen hätte ... Doch immerhin, ich will mit Ihnen kämpfen, um mein Leben kämpfen, und das kündige ich Ihnen jetzt im voraus an. Ich werde mit Ihnen bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, und dann wird Gott entscheiden! Leben Sie wohl, meine Herren, und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich Sie während des Verhörs angeschrien habe, oh, es war mir ja noch alles so unklar ... Nach einer Minute bin ich Arrestant, doch jetzt streckt Ihnen Dmitrij Karamasoff zum letztenmal noch als freier Mensch seine Hand entgegen, zum letzten Abschiedshändedruck. Ich will mich von Ihnen verabschieden, von den Menschen will ich Abschied nehmen ...“
Seine Stimme wurde unsicher, und er streckte in der Tat seine Hand aus, doch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der von allen am nächsten bei ihm stand, zog plötzlich, als ob er zusammengezuckt wäre, seine Hände zurück und kreuzte sie auf dem Rücken. Mitjä hatte es sofort bemerkt, und fuhr zusammen. Seine hingehaltene Hand ließ er im Augenblick herabsinken.