„Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen,“ stotterte Neljudoff etwas verwirrt, „wir werden sie in der Stadt fortsetzen, und ich bin natürlich meinerseits gern bereit, Ihnen jeden Erfolg zu wünschen ... zu Ihrer Rechtfertigung ... Und was Sie als Persönlichkeit betrifft, Dmitrij Fedorowitsch, so bin ich immer geneigt gewesen, Sie für einen sozusagen mehr unglücklichen als schuldigen Menschen zu halten ... Wir sind hier alle bereit, wenn ich wagen darf, im Namen aller zu reden, wir alle sind bereit, Sie für einen im Grunde edlen Menschen zu halten, der sich nur leider von einigen Leidenschaften in etwas gar zu starker Weise beherrschen läßt ...“

Die zarte kleine Gestalt Nikolai Parfenowitschs drückte zum Schluß der Rede die ganze Höhe seiner Würde als Untersuchungsrichter aus. Mitjä zuckte plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß dieser „dumme Junge“ ihn gleich unter den Arm fassen werde, um ihn scherzend in eine Ecke zu führen und dort ihr Gespräch über die „Mädels“, das sie vor ein paar Tagen gehabt hatten, wieder aufzunehmen. Doch – fliegen denn nicht selbst einem Verbrecher, der zum Tode geführt wird, nicht zur Sache gehörende und vielleicht gar alberne Gedanken durch den Kopf?

„Meine Herren, ich weiß, Sie sind gut, – kann ich sie noch einmal sehen, mich zum letztenmal von ihr verabschieden?“ fragte Mitjä.

„Oh, natürlich ... nur ... in Anbetracht ... mit einem Wort: Es geht nicht, daß ... unter vier Augen geht es nicht, aber in Gegenwart ...“

„Schön, meinetwegen in Ihrer Gegenwart!“

Gruschenka wurde hinaufgebeten, doch es kam nur zu einer ganz kurzen, wortkargen Abschiedsszene, die Nikolai Parfenowitsch eigentlich wenig befriedigte. Gruschenka verneigte sich tief vor Mitjä.

„Ich habe dir gesagt, daß ich dein bin und ewig dein bleiben werde. Mit dir gehe ich bis in die Ewigkeit, wohin man dich auch verschicken sollte. Leb wohl, du, der du dich unschuldig zugrunde gerichtet hast!“

Ihre Lippen bebten, Tränen blitzten an ihren Wimpern und rollten plötzlich herab.

„Gruscha, vergib mir meine Liebe, vergib mir, daß ich durch meine Liebe auch dich ins Unglück stürze.“

Mitjä wollte noch etwas sagen, doch jäh brach er ab und ging hinaus. Er wurde im Augenblick von Männern umringt, die ihn nicht aus den Augen ließen. Unten vor der Treppe, wo er noch gestern mit Andreis Troika dröhnend vorgefahren war, standen zwei Wagen bereit. Mawrikij Mawrikjewitsch, ein stämmiger, kleiner Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht, schien durch etwas sehr gereizt zu sein, wahrscheinlich durch irgendeinen Zwischenfall oder eine unvorhergesehene Unordnung; jedenfalls schrie er wütend, und man sah ihm an, daß er sich ärgerte. So forderte er denn auch Mitjä etwas gar zu barsch auf, in den Wagen einzusteigen. „Früher, als ich ihm im Gasthause ‚zur Hauptstadt‘ Wein und alles mögliche vorsetzte, hatte der Mensch ein ganz anderes Gesicht,“ dachte Mitjä, als er einstieg. Auch Trifon Borissytsch stieg die Treppe hinab. An der Hofpforte drängten sich Leute: Bauern, Weiber, Fuhrknechte, Kutscher, und alle starrten sie Mitjä an.