„Mich wundert schließlich nur die Rolle, die Alexei Karamasoff dabei spielt: sein Bruder wird morgen oder übermorgen wegen Vatermordes verurteilt werden, er aber hat noch Zeit zu Sentimentalitäten mit kleinen Jungen.“

„Gar nicht, da ist nichts von Sentimentalitäten. Du gehst doch jetzt selbst hin, um dich mit Iljuscha zu versöhnen.“

„Versöhnen! Lächerlicher Ausdruck. Übrigens gestatte ich niemandem, meine Handlungen zu analysieren.“

„Wie sich aber Iljuscha über deinen Besuch freuen wird! Er ahnt nicht, daß du kommst. Warum wolltest du denn solange nicht zu ihm mitkommen?“ fragte Ssmuroff, der von ganzem Herzen dem kranken Iljuscha nachfühlte.

„Lieber Junge, das ist meine und nicht deine Sache. Ich gehe, weil das mein eigener freier Wille ist, euch aber hat alle ohne Ausnahme Alexei Karamasoff hingeschleppt, das ist doch wohl ein Unterschied. Und überhaupt, woraus schließt du, daß ich hingehe, um mich mit ihm auszusöhnen? Was ist das für ein dummer Ausdruck.“

„Aber uns hat ja gar nicht Karamasoff hingebracht, gar nicht er! Wir fingen ganz von selbst an, hinzugehen, zuerst allerdings noch zusammen mit Karamasoff. Und es ist auch nichts vorgekommen, gar keine Dummheiten. Zuerst ging nur einer, dann ein zweiter, dritter und so weiter. Der Vater war furchtbar froh darüber, daß wir kamen. Weißt du, er wird bestimmt den Verstand verlieren, wenn Iljuscha stirbt. Er weiß ja schon, daß Iljuscha sterben wird. Iljuscha hat nach dir gefragt, aber er hat weiter nichts hinzugefügt. Er fragt nur und verstummt dann gleich. Aber sein Vater wird den Verstand verlieren oder sich erhängen. Er hat sich ja auch früher schon wie ein Verrückter aufgeführt. Weißt du, er ist ein edler Mensch, das war damals nur ein Irrtum. An allem trägt nur dieser Vatermörder die Schuld, weil er ihn damals verprügelt hat – daraus ist jetzt alles entstanden.“

„Immerhin ist Karamasoff ein Rätsel für mich. Ich hätte schon lange seine Bekanntschaft machen können, aber ich liebe in gewissen Fällen, stolz zu sein. Zudem habe ich mir schon eine gewisse Ansicht über ihn gebildet, die es jetzt nur noch zu untersuchen und zu vervollständigen gilt.“

Koljä verstummte bedeutsam, und Ssmuroff schwieg gleichfalls. Ssmuroff blickte natürlich nur andächtig zum Älteren empor und wagte nicht einmal, daran zu denken, sich mit ihm gleichzustellen. Er war maßlos interessiert durch die Bemerkung Koljäs, er gehe aus „eigenem freien Willen“ hin, da sich hinter diesem Ausspruch sicherlich die Lösung jenes Rätsels verbarg, warum er nicht schon früher zu Iljuscha mitgekommen war, und warum er sich gerade heute dazu entschlossen hatte. Sie gingen über den Marktplatz, auf dem diesmal viele Fuhren standen und viel angetriebenes Geflügel gackerte und schrie. Die Marktweiber saßen wie gewöhnlich unter ihren Zeltdächern und verkauften ihre Ware, Weißbrot, Pfefferkuchen, Garn usw. Derartige sonntägliche Märkte werden bei uns höchst naiverweise Jahrmärkte genannt, und solcher Jahrmärkte gibt es bei uns gar viele im Jahr. Pereswonn lief in der besten Gemütsverfassung vor ihnen her, schwenkte unermüdlich bald nach rechts, bald nach links ab, um irgendwo irgend etwas zu beschnuppern. Traf er mit anderen Hunden zusammen, so blieb er mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit stehen, um sich mit ihnen nach allen Hunderegeln zu beriechen.

„Ich liebe es, die realen Vorgänge zu beobachten,“ sagte plötzlich Koljä. „Hast du schon beobachtet, wie die Hunde sich beschnuppern, wenn sie zusammentreffen? Das muß bei ihnen so ein Naturgesetz sein.“

„Ja, das ist wahr, wirklich lächerlich.“