„Warum denn das?“

„Er ist so trivial, so beamtenmäßig ...“

„Und Sie sind dreizehn Jahre alt?“ fragte Aljoscha.

„Das heißt, vierzehn, in zwei Wochen vierzehn, also sehr bald. Ich muß Ihnen im voraus meine größte Schwäche eingestehen, Karamasoff, dies mag das erste Bekenntnis nach der Bekanntschaft mit Ihnen sein. Ich will es nur Ihnen sagen, damit Sie sofort mein ganzes Wesen durchschauen können. Also: Ich hasse es, wenn man mich nach meinem Alter fragt, es ist sogar noch mehr als nur Haß, was ich dabei empfinde ... Und dann ... man verleumdet mich ... Da heißt es zum Beispiel, ich hätte mit den Schülern der Vorbereitungsklasse Räuber gespielt. Daß ich mit ihnen gespielt habe, ist allerdings Tatsache, daß ich es aber zu meinem Vergnügen getan hätte, ist eine entschiedene Verleumdung. Ich habe Grund anzunehmen, daß dieses Gerücht auch bis zu Ihnen gedrungen ist, aber ich versichere Ihnen: ich habe nicht zu meinem Vergnügen gespielt, sondern um den Kleinen ein Vergnügen zu bereiten, denn ohne mich verstanden sie sich nichts auszudenken. Und nun verbreiten die Klatschbasen solchen Unsinn über mich! Unsere holde Stadt sollte eigentlich ‚Klatschstadt‘ heißen, das sage ich Ihnen!“

„Und wenn Sie auch zu Ihrem eigenen Vergnügen gespielt hätten, was wäre denn dabei?“

„Aber, ich bitte Sie, zum eigenen Vergnügen! ... Sie werden z. B. doch nicht anfangen mit kleinen Kindern Pferdchen zu spielen?“

„Sehen Sie doch die Sache von einem anderen Standpunkte aus an,“ sagte Aljoscha lächelnd: „Ins Theater zum Beispiel fahren Erwachsene, im Theater aber werden doch auch nur die Erlebnisse von Helden dargestellt, zuweilen gleichfalls mit Räubern und Krieg. Ist das nun nicht ganz dasselbe, frage ich Sie, nur in einer etwas anderen Art? Wenn aber Jungen in der Erholungspause Krieg spielen oder Räuber, wie Sie sagten, – das ist doch nichts anderes als entstehende Kunst, oder das in der jungen Seele entstehende Bedürfnis nach Kunst. Und gar manchesmal werden diese Spiele viel besser komponiert als die Vorstellungen im Theater. Der Unterschied besteht bloß darin, daß man ins Theater fährt, um dort Schauspieler zu sehen, hier aber die Jungen selbst Schauspieler sind. Aber das ist ja doch nur natürlich.“

„Ist das wirklich Ihre Ansicht? Ist das Ihre Überzeugung?“ Koljä sah ihn groß und aufmerksam an. „Wissen Sie, Karamasoff, Sie haben einen außerordentlich interessanten Gedanken ausgesprochen. Wenn ich nach Haus komme, werde ich meinen Hirnkasten wegen dieser Frage etwas in Bewegung setzen. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, ich habe es eigentlich nicht anders erwartet, als daß man von Ihnen noch manches lernen könnte. Ja, ich bin gekommen, um von Ihnen zu lernen, Karamasoff,“ sagte Koljä zum Schluß mit männlich fester, doch nichtsdestoweniger begeisterter Stimme.

„Und ich werde von Ihnen lernen,“ sagte Aljoscha lächelnd, indem er ihm die Hand drückte.

Koljä war sehr zufrieden mit Aljoscha. Am angenehmsten berührte ihn, daß jener sich ihm gegenüber ganz wie zu einem gleichstehenden Kameraden verhielt, „wie zu dem erwachsensten Menschen“.