„Ich werde Ihnen dort in der Stube gleich ein famoses Kunststück zeigen, Karamasoff, das wird gleichfalls eine Theatervorstellung werden,“ sagte er mit etwas nervösem Lachen. „Zu dem Zweck bin ich ja eigentlich nur gekommen.“
„Gehen wir zuerst nach links zu den Hausleuten. Dort legen alle ihre Mäntel ab. Im Zimmer ist es eng und heiß.“
„Oh, das ist nicht nötig, ich bin doch nur auf einen Augenblick gekommen, ich werde so im Überzieher eintreten. Pereswonn muß hier im Flur bleiben und wie tot liegen. Ici, Pereswonn, couche-toi und stirb! – Sehen Sie, er stellt sich tot. Ich werde jetzt vorläufig allein eintreten und zuerst die Umgebung inspizieren, und dann im richtigen Moment pfeife ich: ‚ici, Pereswonn!‘ und Sie werden sehen, er wird sofort wie tollgeworden hereinsausen. Nur darf Ssmuroff nicht vergessen, rechtzeitig die Tür aufzumachen. Doch ich werde schon sehen, daß alles richtig klappt, lassen Sie mich nur machen ...“
V.
An Iljuschas Bettchen
In dem uns bekannten Zimmer, das der Hauptmann Ssnegireff mit seiner Familie bewohnte, war die Luft in diesem Augenblick ebenso drückend, wie das Zimmer selbst durch die zahlreichen kleinen Gäste eng wurde. Es saßen wieder einmal mehrere Knaben bei Iljuscha. Wenn sie auch alle, wie Ssmuroff, bereit waren, zu leugnen, daß Aljoscha Karamasoff sie zu Iljuscha geführt und alles zu ihrer Anfreundung getan hatte, so war dies doch einmal so. Seine ganze Kunst bestand in diesem Falle nur darin, daß er sie ihm alle einzeln und ohne jegliche „Kälberzärtlichkeiten“ zuführte, als geschehe es ganz unabsichtlich, womöglich halb aus Versehen. Das war für Iljuscha eine große Freude gewesen. Als er die fast zärtliche Freundschaft dieser seiner früheren Feinde sah, war er tief gerührt. Nur Koljä Krassotkin fehlte noch, und das lag wie eine drückende Last auf seinem Herzen. Wenn es in seinen bitteren Erinnerungen etwas ganz besonders Bitteres gab, so war das gerade dieser Vorfall mit Koljä, seinem früheren einzigen Freunde und Verteidiger, auf den er sich damals mit dem Messer gestürzt hatte. Das sagte sich auch der kleine, gescheite Ssmuroff, der als erster zu Iljuscha gekommen war. Koljä Krassotkin hatte aber auf Ssmuroffs entfernte Andeutung, daß Aljoscha „in einer gewissen Angelegenheit“ vielleicht zu ihm kommen werde, sofort kurz jeden weiteren Annäherungsversuch abgeschnitten, indem er Ssmuroff barsch auftrug, „Karamasoff“ zu sagen, daß er selbst wisse, was er zu tun habe, daß er niemanden um Rat bitte und im übrigen, wenn er zu dem Kranken ginge, das dann tun würde, wenn es ihm angemessen scheine – er habe dabei seine „persönliche Berechnung“. Das war vor etwa zwei Wochen gewesen. Daraufhin hatte Aljoscha es unterlassen, seine anfängliche Absicht auszuführen und zu Krassotkin zu gehen. Dafür aber war der kleine Ssmuroff zweimal von ihm zu Koljä geschickt worden. Aber Koljä hatte beide Male in der gereiztesten und schroffsten Weise abgesagt: „Sage Karamasoff, daß ich dann, wenn er zu mir kommt, überhaupt nicht zu Iljuscha gehen werde, und im übrigen bitte ich, mich nicht ewig mit dieser Sache zu belästigen.“ Selbst Ssmuroff hatte noch am Sonnabend nicht gewußt, daß es Koljäs Absicht war, an diesem Sonntag Iljuscha zu besuchen. Erst am Abend hatte Koljä ihm beim Abschied gesagt, er solle ihn am nächsten Morgen auf dem Hof erwarten, er würde mit ihm zusammen zu Ssnegireffs gehen, hatte aber streng verboten, irgend jemand von seinem Kommen zu benachrichtigen. Ssmuroff gehorchte. Der Gedanke jedoch, daß er auch den verlorenen Hund mitbringen werde, war Ssmuroff auf Grund einiger von Koljä flüchtig hingeworfener Worte gekommen. Er hatte nämlich gesagt: „Esel sind sie, wenn sie den Hund nicht finden können, vorausgesetzt, daß er noch lebt.“ Als aber Ssmuroff nach einiger Zeit schüchtern eine Anspielung darauf gemacht hatte, da war Krassotkin „höllisch wütend“ geworden. „Ich bin doch nicht so dumm, daß ich in der ganzen Stadt einen fremden Hund suche, wenn ich meinen Pereswonn habe! Und wie kann man nur so was Dummes denken, daß ein Hund, der eine Stecknadel hinuntergeschluckt hat, am Leben bleibe! Das sind ja nur Sentimentalitäten und weiter nichts!“
Inzwischen verging die Zeit. Iljuscha hatte sein Bettchen in der Ecke unter den Heiligenbildern seit ganzen zwei Wochen nicht mehr verlassen. In die Schule war er seit jenem Tage, an dem er Aljoscha in den Finger gebissen hatte, nicht mehr gegangen. Am selben Tage war er auch erkrankt, doch konnte er im ersten Monat noch allein aufstehen und etwas im Zimmer oder auch im Flur umhergehen. Schließlich aber wurde er so schwach, daß er sich ohne Hilfe seines Vaters kaum noch bewegen konnte. Der Vater zitterte für ihn, hörte sogar ganz auf zu trinken und wurde geradezu tiefsinnig vor Angst bei dem Gedanken, sein Junge könnte sterben. Wenn er ihn bei einem kurzen Gang durch die Stube unter den Armen gestützt und dann wieder ins Bettchen gelegt hatte, lief er nachher jedesmal hinaus auf den Flur, in die dunkelste Ecke, preßte dort die Stirn an die Wand und weinte ganz eigentümlich: kaum hörbar, da es ja Iljuscha nicht zu Ohren kommen durfte – doch konnte man glauben, aus diesem eintönigen Weinen seine ganze ohnmächtige Verzweiflung herauszuhören.
Wenn er dann ins Zimmer zurückkehrte, fing er gewöhnlich an, seinen lieben Jungen mit irgend etwas zu zerstreuen. Er erzählte ihm Märchen oder lustige Geschichten, oder er kopierte lächerliche Typen, die er gesehen hatte, oder er imitierte selbst Tiere, indem er ihre Laute nachzuahmen versuchte. Iljuscha jedoch litt darunter, wenn sein Vater sich in dieser Weise verstellte und Narrenpossen trieb. Er bemühte sich krampfhaft, nicht zu zeigen, daß es ihm unangenehm war, aber er sagte sich mit brennendem Weh im Herzen, daß sein Vater in der Gesellschaft erniedrigt war, und immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem „furchtbaren Tage“ zurück. Auch Ninotschka, Iljuschas gelähmte, bescheidene, stille Schwester, liebte es nicht, wenn der Vater sich in dieser Weise erniedrigte (Warwara Nikolajewna war schon längst wieder nach Petersburg gefahren, um dort den Vorlesungen zu folgen), dafür aber fand das geistesschwache Mamachen wahre Freude daran und lachte von ganzem Herzen, wenn ihr Mann sich wie ein Bajazzo gebärdete. Nur damit konnte man sie zerstreuen und trösten, sonst weinte sie fortwährend und beklagte sich launisch, daß alle sie vergäßen, daß niemand sie achte, daß alle sie beleidigten usw. usw. In den letzten Tagen aber hatte auch sie sich verändert. Sie sah häufiger in die Ecke zu Iljuscha hinüber und schien nachdenklicher zu sein. Sie wurde viel schweigsamer und ruhiger, und wenn sie weinte, so weinte sie still vor sich hin, damit es die anderen nicht hörten. Der Hauptmann bemerkte verwundert diese Veränderung; sie betrübte und erschreckte ihn zu gleicher Zeit. Die Besuche der Knaben paßten ihr zuerst gar nicht und ärgerten sie nur, allmählich aber gefielen ihr die fröhlichen Geschichten und das laute Geplapper der Kinder immer mehr, und bald freute sie sich dermaßen über jeden Besuch, daß sie womöglich geweint hätte, wenn die Knaben nicht mehr gekommen wären. Wenn sie etwas erzählten oder Spielchen spielten, so lachte sie vor Freude und schlug in die Hände. Zuweilen rief sie sogar einige von ihnen zu sich und küßte sie. Besonders liebte sie den kleinen Ssmuroff. Was nun den Hauptmann betrifft, so hatte der Besuch der Kinder, die in sein Haus kamen, um Iljuscha zu zerstreuen und zu erheitern, seine Seele gleich mit freudigem Entzücken erfüllt und sogar mit einer Hoffnung, Iljuscha werde nun aufhören, sich zu grämen, und vielleicht sogar schneller davon gesund werden. Oh, er zweifelte keinen Augenblick daran – trotz seiner ganzen Angst um Iljuscha –, daß sein Junge plötzlich wieder gesund werden würde. Er empfing die kleinen Gäste fast andächtig, tat für sie alles, was er konnte, bediente sie sogar und war bereit, sie auf seinem Rücken reiten zu lassen, was er dann auch ausführte; dieses Spiel gefiel aber Iljuscha nicht, und so wurde es sofort aufgegeben. Er kaufte für sie Konfekt, Pfefferkuchen, Nüsse, arrangierte ganze Teekränzchen für die Kleinen und strich ihnen selig Butterbrote. Geld hatte er während dieser ganzen Zeit übergenug. Jene zweihundert Rubel von Katerina Iwanowna hatte er genau so angenommen, wie es von Aljoscha vorausgesagt worden war. Später war Katerina Iwanowna, nachdem sie von Iljuschas Krankheit und ihren Verhältnissen Näheres gehört hatte, selbst zu ihnen gekommen, war mit der ganzen Familie bekannt geworden und hatte sogar das schwachsinnige Mamachen bezaubert. Seit der Zeit versiegten ihre Unterstützungen nicht mehr, und der Hauptmann, der in der Angst um Iljuscha seine früheren „Ehrbegriffe“ ganz vergaß, nahm das Geld gehorsam an. Doktor Herzenstube kam auf Katerina Iwanownas Ersuchen jeden zweiten Tag zu ihnen, um den Kleinen zu untersuchen, doch kam bei seinen Besuchen wenig Gescheites heraus, obgleich er ihn mit Arzeneien geradezu vollstopfte. Dafür wurde von ihnen an diesem Sonntagvormittag ein anderer Arzt erwartet, und zwar ein berühmter Professor aus Moskau. Katerina Iwanowna hatte ihn für viel Geld aus Moskau verschrieben, – doch nicht speziell für Iljuschetschka, sondern zu einem anderen Zweck, von dem weiterhin die Rede sein wird. Als er dann angekommen war, hatte sie ihn gebeten, auch Iljuscha zu besuchen, wovon der Hauptmann schon vorzeitig benachrichtigt worden war. Daß Koljä Krassotkin kommen werde, wußte er dagegen nicht und vermutete es nicht einmal, obwohl er ihn schon lange sehnsüchtig herbeiwünschte, denn er sah nur zu gut, wie sehr es Iljuscha quälte, daß gerade Koljä noch immer nicht kam. Als nun Koljä die Tür aufmachte und eintrat, standen der Hauptmann und alle Knaben dichtgedrängt an Iljuschas Bettchen und betrachteten interessiert den kleinen Bullenbeißer, den der Vater kurz vorher gebracht hatte, und der erst Sonnabend Abend auf die Welt gekommen, doch nichtsdestoweniger schon vor einer Woche gekauft worden war. Das sollte ein Ersatz sein für Shutschka, den von Iljuscha umgebrachten Hund. Iljuscha hatte schon vor drei Tagen gehört, daß er einen kleinen Hund bekommen werde, und zwar keinen gewöhnlichen, sondern einen echten Bullenbeißer (was natürlich sehr wichtig war). Nun lag er da und tat aus Zartgefühl, als freue er sich über das Geschenk, doch alle, der Vater wie die Knaben, sahen wohl, daß dieses neue Hündchen die Erinnerung an Shutschka vielleicht noch stärker in seinem Herzen hervorrief. Das kleine Hundejunge lag neben ihm auf dem Bettchen und krabbelte mit seinen dicken Beinchen; Iljuscha lächelte müde und streichelte ihn mit seiner kleinen, bleichen, abgezehrten Hand. Das kleine Tierchen gefiel ihm sogar sehr, aber ... es war doch immer noch nicht Shutschka! Ja wenn man Shutschka und das Kleine zusammen gehabt hätte, dann wäre das Glück vollständig gewesen!
„Krassotkin!“ rief da einer von den Knaben, der Koljä zuerst bemerkt hatte. Alle erschraken anfänglich, die Knaben traten auseinander und blieben zu beiden Seiten des Bettchens stehen, so daß Iljuscha plötzlich Koljä erblickte. Der Hauptmann stürzte ihm sofort dienstbeflissen entgegen.
„Bitte ... gefälligst ... unser werter Gast!“ brachte er etwas stotternd hervor. „Iljuschetschka, Herr Krassotkin ist zu dir zum Besuch gekommen.“
Doch Krassotkin, der ihm nur eilig die Hand reichte, bewies sofort seine gute Erziehung: er wandte sich von der Tür gleich zu der Frau des Hauses, zu der gelähmten Gattin des Hauptmanns, die in ihrem großen Lehnstuhl saß und im Augenblick äußerst ungehalten darüber war, daß die Knaben so dicht Iljuschas Bett umstanden und sie somit den Hund nicht sehen konnte. Er verbeugte sich ungemein höflich vor ihr, machte einen tadellosen Kratzfuß, wandte sich darauf zu Ninotschka und grüßte auch sie, als Dame, in derselben Weise. Diese Höflichkeit machte auf die kranke Frau einen sehr angenehmen Eindruck.