Aljoscha fuhr zusammen.

„Was hast du? Nicht hier ist jetzt dein Platz. Ich segne dich zu deiner großen Aufgabe in der Welt. Lang ist noch deine Wanderschaft, mein Sohn. Und auch heiraten wirst du müssen, Jüngling, du mußt es. Alles wirst du ertragen müssen, bis du wieder da anlangst, von wo du ausgegangen bist. Und du wirst viel zu tun haben. Doch an dir zweifle ich nicht und darum schicke ich dich. Christus ist mit dir. Bewahre du ihn, so wird auch er dich bewahren. Großes Leid wirst du erfahren, und in diesem Leid wirst du glücklich sein. Und hier hast du mein Vermächtnis: Suche im Leid das Glück. Arbeite, arbeite unermüdlich. Behalte hinfort meine Worte, denn wenn ich auch noch mit dir sprechen werde, so sind doch nicht nur meine Tage, sondern selbst meine Stunden gezählt.“

Im Antlitz Aljoschas drückte sich wieder eine mächtige Bewegung aus. Seine Mundwinkel zitterten.

„Was hast du nur wieder?“ fragte sanft lächelnd der Staretz. „Mögen weltliche Tränen ihre Sterbenden begleiten, hier aber freuen wir uns des in die Ewigkeit Eingehenden. Wir freuen uns und beten für ihn. Geh jetzt. Ich muß beten. Gehe und beeile dich. Sei bei deinen Brüdern. Nicht nur bei einem, sondern bei beiden, mein Sohn.“

Der Staretz erhob die Hand zum Segen. Aljoscha wagte nicht, zu widersprechen, obwohl er so gern bei ihm geblieben wäre. Auch wollte er noch fragen, und schon schwebte ihm die Frage auf der Zunge, was diese Verbeugung bis zur Erde vor seinem Bruder Dmitrij bedeuten sollte? – Aber er wagte es nicht. Er wußte, daß der Staretz es ihm auch ungefragt gesagt haben würde, wenn es möglich gewesen wäre. Also hatte er es selbst nicht gewollt. Diese Verbeugung aber hatte auf Aljoscha einen furchtbaren Eindruck gemacht; er glaubte blind, daß in ihr ein geheimnisvoller Sinn lag – eine geheimnisvolle und vielleicht entsetzliche Bedeutung. Als er aus der Einfriedung der Einsiedelei trat, um noch zur rechten Zeit ins Kloster zum Mittagsmahl des Priors zu gelangen, natürlich, nur um bei Tisch zu bedienen, zog sich ihm plötzlich schmerzhaft das Herz zusammen, und er blieb stehen: In seinen Ohren erklangen von neuem die Worte des Staretz, die seinen nahen Tod verkündet hatten. Was aber der Staretz vorhersagte und noch dazu mit solch einer Bestimmtheit, das mußte auch in Erfüllung gehen – dieser Glaube war für Aljoscha heilig. Wie aber sollte er dann ohne ihn bleiben, wie ihn nicht mehr sehen, wie ihn nicht mehr hören? Und wohin sollte er dann gehen? Nicht weinen und das Kloster verlassen, o Gott! Lange schon hatte Aljoscha nicht mehr so großes Leid empfunden. Er schritt schneller durch den Wald, der die Einsiedelei vom Kloster trennte, und da ihn seine Gedanken fast erdrückten, blickte er hinauf in die Wipfel der hundertjährigen Kiefern zu beiden Seiten des schmalen Waldwegs. Es war nicht weit bis zum Kloster: fünfhundert Schritt, nicht mehr. Zu dieser Tageszeit hätte er eigentlich niemanden treffen können, doch plötzlich erblickte er bei einer Wegbiegung Rakitin, den Seminaristen, der jemanden zu erwarten schien.

„Wartest du etwa auf mich?“ fragte Aljoscha, als er ihn erreicht hatte.

„Hast’s erraten,“ antwortete Rakitin. „Du begibst dich zum Prior. Ich weiß; bei ihm gibt es heute wieder ein Essen. Seitdem er damals den Bischof und den General Pachatoff aufgenommen, weißt du noch, hat es bei ihm solch ein Mahl nicht mehr gegeben. Ich werde nicht dabei sein, du aber geh mal hin, um die Saucen zu reichen. Sage mir aber vorher eines, Alexei: Was hat diese Vision des Staretz zu bedeuten? Das ist es, was ich dich fragen will.“

„Welch eine Vision?“

„Nun, diese Verbeugung vor deinem Brüderlein Dmitrij Fedorowitsch. Und wie er noch mit der Stirn auf den Boden knallte!“

„Du sprichst vom Staretz Sossima?“