„Er hörte mich an und sagte nichts. Das heißt, er sagte nur, er habe sich bereits eine bestimmte Meinung gebildet. Er versprach aber, meine Aussagen zu berücksichtigen.“
„Wie das berücksichtigen? Ach, das sind ja doch nur Phrasen! Phrasen von bezahlten Spitzbuben! Sie werden ihn mir nur noch ins Verderben stürzen! Aber der Doktor, wozu hat sie denn den Doktor verschrieben?“
„Als Experten. Sie wollen beweisen, daß Dmitrij verrückt sei und im Wahnsinn, also besinnungslos erschlagen habe.“ Aljoscha lächelte still vor sich hin. „Nur ist Dmitrij damit nicht einverstanden, er wird es um keinen Preis zugeben.“
„Ach, aber das ist doch wahr, wenn er ihn wirklich erschlagen hat!“ rief Gruschenka lebhaft. „Er war ja damals gar nicht bei vollem Verstande, er war ja wirklich wahnsinnig, und ich, ich Scheusal, ich allein war an allem schuld! Nur ist es gar nicht wahr, daß er erschlagen hat, er hat ihn doch gar nicht erschlagen! Und alle beschuldigen sie ihn, alle sagen, er sei es gewesen. Sogar Fenjä hat so ausgesagt, daß schließlich herauskommt, er habe es getan. Und die Aussagen der Kommis von Plotnikoffs, und jener Beamte. Und dann haben noch alle im Gasthause gehört, wie er gedroht hat! Alle, alle sind gegen ihn, und so schwatzen sie jetzt und schnattern wie die Gänse.“
„Ja, die ungünstigen Aussagen haben sich unglaublich vermehrt,“ bemerkte Aljoscha finster.
„Und Grigorij noch dazu, Grigorij Wassiljitsch! Der behauptet ja nach wie vor, daß die Tür offen gewesen sei, behauptet es steif und fest und ohne sich beirren zu lassen! Ich bin selbst einmal zu ihm gegangen, um mit ihm zu sprechen. Er schimpft einen womöglich noch obendrein aus!“
„Ja, Grigorijs Aussage ist vielleicht die verhängnisvollste für Dmitrij,“ meinte Aljoscha.
„Und was das betrifft, daß Mitjä verrückt sei, so ist er ja jetzt wirklich etwas von der Art,“ sagte plötzlich Gruschenka mit einer ganz besonders besorgten und geheimnisvollen Miene. „Weißt du, Aljoschenka, ich wollte eigentlich schon lange mit dir darüber reden: ich gehe jeden Tag zu ihm und muß mich immer mehr über ihn wundern. Sag du mir, was du über ihn denkst: was meinst du, worüber redet er jetzt immer? Zuweilen fängt er an zu sprechen und spricht, spricht – ich weiß nicht wovon, ich denke schon, nun, das wird was sehr Kluges sein, das ist zu hoch für mich, denke ich, bin wahrscheinlich zu dumm dazu. Nur spricht er jetzt immer von einem ‚Kindichen‘, das heißt, von irgendeinem kleinen Kinde, das er immer ‚Kindichen‘ nennt ... ‚Warum,‘ fragte er, ‚warum ist das Kindichen arm? Für das Kindichen muß ich jetzt nach Sibirien gehn, ich habe nicht erschlagen, aber ich muß nach Sibirien gehen!‘ Was das bedeuten soll, was das für ein ‚Kindichen‘ ist, – davon habe ich keine Ahnung! Mir rollten nur die Tränen über die Wangen, als er sprach, denn er sagte das so eigenartig, er wollte wohl selbst weinen. Als er aber sah, daß ich weinte, da küßte er mich plötzlich und bekreuzte mich mit der rechten Hand. Was hat das zu bedeuten, Aljoscha, sag du mir, was ist das für ein ‚Kindichen‘?“
„Rakitin hat sich jetzt angewöhnt, ihn zu besuchen,“ meinte Aljoscha lächelnd, „übrigens ... das kann nicht von Rakitin herrühren. Ich war gestern nicht bei Dmitrij, heute aber werde ich hingehen.“
„Nein, das ist nicht Rakitka, das ist sein Bruder Iwan Fedorowitsch, der ihn verwirrt, seitdem er zu ihm geht, das ist es, was ...“ Gruschenka stockte plötzlich.