Aljoscha sah sie ganz verdutzt an.

„Wie, Iwan geht zu ihm? Ist er denn jemals bei ihm gewesen? Mitjä hat mir doch selbst gesagt, daß Iwan noch kein einziges Mal bei ihm gewesen sei.“

„Ach ... nun, das war wieder echt von mir! Ich habe mich versprochen!“ Gruschenka war etwas betreten, und sie errötete. „Wart, Aljoscha, schweig, mag es denn auch so sein, habe ich mich einmal verraten, so will ich lieber die ganze Wahrheit sagen: Iwan Fedorowitsch ist bis jetzt nur zweimal bei Mitjä gewesen, das erstemal gleich nach seiner Rückkunft aus Moskau – er kam doch damals sofort wieder zurück, ich war noch nicht einmal gesund geworden. Und das zweitemal ist er vor einer Woche bei ihm gewesen. Mitjä aber hat er befohlen, dir nichts davon zu sagen, und überhaupt niemandem: es sollte ein Geheimnis bleiben.“

Aljoscha saß in Gedanken versunken und schien über etwas zu grübeln. Die Nachricht hatte ihn offenbar nicht wenig stutzig gemacht.

„Iwan hat mit mir kein einziges Mal über Mitjä gesprochen,“ sagte er langsam, „und überhaupt hat er in diesen zwei Monaten wenig mit mir gesprochen, und wenn ich zu ihm gegangen bin, ist er über mein Kommen stets ungehalten gewesen, so daß ich ihn jetzt seit drei Wochen nicht mehr gesprochen habe,“ sagte er gleichsam vor sich hin. „Ja ... Wenn er vor einer Woche bei Mitjä gewesen ist, so – allerdings ... in dieser Woche ist auch mir eine gewisse Veränderung an Mitjä aufgefallen ...“

„Nicht wahr? Nicht wahr?“ griff Gruschenka sofort eifrig auf. „Sie haben ein Geheimnis, sicher ein Geheimnis! Mitjä hat mir selbst gesagt, daß sie ein Geheimnis haben, und weißt du, ein solches Geheimnis, daß Mitjä sich darüber nicht mehr beruhigen kann! Früher war er doch noch so heiter, er ist es ja auch jetzt, nur, weißt du, wenn er so den Kopf schüttelt und auf und ab schreitet und sich so mit der rechten Hand in die Haare fährt und die Haare an der rechten Schläfe zupft, dann weiß ich doch, daß er etwas auf der Seele hat, das ihn beunruhigt ... ich kenne ihn doch! ... Sonst war er immer heiter – auch heute war er es!“

„Du sagtest doch, er sei gereizt gewesen?“

„Ja, gewiß, das war er, aber er war dann auch wieder heiter. Er ist eigentlich immer gereizt, plötzlich aber wird er auf eine Minute ganz heiter, und dann ist er plötzlich wieder gereizt. Und weißt du, Aljoscha, ich muß mich immer nur über ihn wundern: denk doch nur, was ihm bevorsteht, er aber kann zuweilen über die geringsten Dummheiten lachen, ganz als ob er ein kleines Kind wäre.“

„Und ist es wirklich wahr, daß er dir verboten hat, mir etwas von Iwans Besuch zu sagen? Hat er sich wirklich so ausgedrückt: ‚sage ihm nichts davon‘?“

„Ja, genau so: sage ihm nichts davon. Dich fürchtet er ja am meisten, Mitjä meine ich. Denn hier handelt es sich um ein Geheimnis, das hat er mir selbst gesagt ... Aljoscha, Täubchen, geh hin und versuch du herauszubekommen, was es ist? – was sie da für ein Geheimnis haben – und komm dann her und sag es mir!“ wandte sich Gruschenka plötzlich flehend an Aljoscha. „Erlöse mich von der Ungewißheit, sage mir alles, damit ich wenigstens weiß, was mich erwartet! Du weißt nicht, wie das ist, sein verfluchtes Schicksal zu ahnen, und doch nichts zu wissen! Geh, Aljoscha, nur deswegen habe ich dich herbitten lassen!“