„Du glaubst, daß es sich dabei um dich handelt? Dann hätte er doch dir nichts von dem Geheimnis gesagt.“

„Ich weiß nicht, um was es sich dabei handelt. Vielleicht will er es mir sagen, wagt es aber nicht. Er will mich nur vorbereiten. Ein Geheimnis, sagt er, sei es; was für ein Geheimnis aber, das hat er mir nicht gesagt.“

„Aber du, was vermutest du denn?“

„Was soll ich vermuten! Mein Ende ist gekommen, das ist es, was ich vermute. Das haben sie alle drei mir bereitet, denn hier steckt doch Katjka dahinter. Von ihr geht alles aus. ‚Katjä ist dieses und Katjä ist jenes,‘ sagt er, das bedeutet also, daß ich nicht dieses und jenes bin. Das sagt er absichtlich, das schickt er voraus – will mich vorbereiten. Verlassen will er mich, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis! Das haben sie sich alle drei ausgedacht – Mitjka, Katjka und Iwan Fedorowitsch. Aljoscha, ich wollte dich schon lange fragen ... vor einer Woche teilte er mir auf einmal mit, daß Iwan Fedorowitsch in Katerina Iwanowna verliebt sein soll, und darum so oft zu ihr hingehe. Hat er mir die Wahrheit gesagt, oder hat er gelogen? Sage es mir auf dein Gewissen, schone mich nicht!“

„Ich werde dir die Wahrheit sagen. Iwan ist nicht in Katerina Iwanowna verliebt, so denke ich wenigstens.“

„Das habe auch ich mir damals gleich gedacht! Er belügt mich einfach wie ein Schamloser, das sehe ich jetzt vollkommen ein! Und darum spielt er auch jetzt den Eifersüchtigen, um dann später alles auf mich abwälzen zu können. Er ist doch ein dummer Junge, er versteht ja nichts zu verheimlichen, er ist doch so aufrichtig ... Aber ich werde ihn, ich werde ihn! ‚Du glaubst,‘ sagt er mir, ‚daß ich ihn erschlagen habe‘ – das sagt er mir, mir, das wirft er mir vor! Nun, Gott mit ihm! Aber diese Katjka wird noch etwas von mir zu hören bekommen vor Gericht! Ich werde ihr dort ein paar Worte sagen ... Oh, dort werde ich alles sagen!“

Und wieder weinte sie verzweifelt.

„Höre, Gruschenka, in einem kann ich dich aufs bestimmteste beruhigen,“ sagte Aljoscha und erhob sich. „Erstens, daß er dich liebt, dich mehr als alles auf der Welt liebt, und zwar dich ganz allein, das kannst du mir glauben. Ich weiß es. Ich weiß es ganz gewiß. Und zweitens erkläre ich dir, daß ich, was das Geheimnis betrifft, ihn nicht ausforschen will. Wenn er es mir heute selbst mitteilt, so werde ich ihm offen sagen, daß ich dir versprochen habe, dich davon zu unterrichten. Und dann werde ich heute noch zu dir kommen, um dir alles zu sagen. Nur ... glaube ich ... daß hier Katerina Iwanowna nicht im Spiele ist, ich glaube vielmehr, daß das Geheimnis etwas ganz anderes betrifft. Davon bin ich fest überzeugt. Und es sieht auch gar nicht danach aus, als ob es sich dabei um Katerina Iwanowna handeln könnte. Wenigstens scheint es mir nicht so. Jetzt aber leb wohl. Auf Wiedersehen.“

Er drückte ihr fest die Hand. Gruschenka weinte immer noch. Aljoscha sah, daß sie seinen Beruhigungen wenig Glauben schenkte, aber auch das war ihr schon eine Erleichterung, daß sie sich einmal hatte aussprechen können. Es tat ihm weh, sie so verlassen zu müssen, doch hatte er keine Zeit, noch länger bei ihr zu bleiben. Es stand ihm vieles bevor, was er noch vor dem Abend auszurichten hatte.

II.
Das kranke Füßchen