Ganz zuerst mußte er zu Chochlakoffs gehen. Er beeilte sich, schneller hinzukommen, um sich nicht bei Mitjä zu verspäten. Frau Chochlakoff war schon seit drei Wochen krank; der eine Fuß war ihr, weiß Gott wodurch, ein wenig geschwollen. Sie lag zwar nicht zu Bett, verbrachte aber doch die Zeit in ihrem Boudoir halbliegend auf der Chaiselongue, stets in ein reizendes, doch nichtsdestoweniger wohlanständiges Deshabillé gehüllt. Aljoscha hatte bemerkt, daß sie trotz ihrer Krankheit gerade jetzt angefangen hatte, ganz besonders Toilette zu machen: es waren ihm die vielen duftigen Spitzen, Plissees und Volants an ihren Toiletten aufgefallen, und er glaubte mit harmlosem Lächeln, die Ursache dieser Veränderung erraten zu haben, doch verscheuchte er sofort alle ähnlichen Gedanken als müßig, – verscheuchte sie, nicht ohne Unwillen über sich selbst. In den letzten zwei Monaten hatte sie nämlich, unter den übrigen Bekannten ihres Hauses, auch der junge Perchotin besucht. Aljoscha war seit vier Tagen nicht mehr bei Chochlakoffs gewesen, und als er jetzt eintrat, wollte er geradeswegs zu Lise gehen, denn er war nur ihretwegen gekommen. Sie hatte die Zofe schon am vorhergehenden Tage zu ihm geschickt, mit der dringenden Bitte, so bald als möglich zu ihr zu kommen, da sie ihn in einer „sehr wichtigen Angelegenheit“ sprechen müsse, – was aus gewissen Gründen Aljoscha nicht wenig interessierte. Doch während nun die Zofe zu Lisa ging, um ihn anzumelden, erschien mittlerweile der Diener mit der Bitte Frau Chochlakoffs – die inzwischen erfahren hatte, daß er gekommen war –, „nur auf einen Augenblick“ bei ihr vorzusprechen. Aljoscha überlegte, was er tun sollte, und sagte sich, daß es besser sei, zuerst die Bitte der Mama zu erfüllen, da sie sonst immer wieder zu Lise schicken werde. Frau Chochlakoff ruhte in einem ganz besonders schönen Gewande auf der Couchette in ihrem Boudoir und schien erregt zu sein.

„Jahrhunderte, ganze Jahrhunderte habe ich Sie nicht mehr gesehen! Eine ganze Woche ist es her, schämen Sie sich! ach! nein, richtig, – Sie waren ja vor vier Tagen, am Mittwoch, noch hier. Sie wollen jetzt wieder zu Lise! Ich bin überzeugt, daß Sie auf den Fußspitzen zu ihr schleichen wollten, damit ich es nicht hörte. Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie sie mich jetzt beunruhigt! Doch davon später. Zwar ist das die Hauptsache, doch trotzdem lassen Sie uns später darüber sprechen. Lieber Alexei Fedorowitsch, ich vertraue Ihnen meine Lise ganz und gar an. Nach dem Tode des Staretz Sossima – gib seiner Seele, Herr, Frieden und Ruh! (sie bekreuzte sich) – nach seinem Tode kommen Sie mir immer wie ein Einsiedler vor, so allerliebst Ihnen auch dieser neue Anzug steht. Wo haben Sie nur hier einen so vorzüglichen Schneider gefunden? Doch nein, nein, das ist nicht die Hauptsache, davon später. Verzeihen Sie, daß ich Sie zuweilen Aljoscha nenne, ich bin doch eine alte Frau,“ sagte sie mit kokettem Lächeln, „und daher ist mir vieles erlaubt, aber auch davon sprechen wir später. Ach, die Hauptsache, wenn ich nur nicht immer die Hauptsache vergäße! Bitte erinnern Sie mich daran, sobald ich mich wieder verliere, sagen Sie einfach: ‚Und die Hauptsache?‘ Ach, wie soll ich wissen, was jetzt die Hauptsache ist! Seit dem Augenblick, da Lise ihr Gelöbnis zurücknahm – ihr kindisches Gelöbnis, Alexei Fedorowitsch, Sie zu heiraten –, haben Sie natürlich eingesehen, daß alles nur die kindische Phantasie eines kranken Mädchens war, das zu lange im Fahrstuhl gesessen hat, – Gott sei Dank, daß sie jetzt wieder gehen kann! Dieser neue Doktor, den Katjä aus Moskau verschrieben hat – für Ihren unglücklichen Bruder, der morgen ... Ach, sagen Sie doch, was wird morgen sein? Ich sterbe schon beim bloßen Gedanken daran! Hauptsächlich aber vor Interesse ... Ach nein, ich wollte doch sagen, dieser Doktor war gestern bei uns, um Lise zu untersuchen ... Aber das war es ja gar nicht, was ich erzählen wollte. Sehen Sie, ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gekommen. Ich beeile mich immer so entsetzlich. Warum ich es aber tue, das weiß ich wirklich nicht. Ich höre schon völlig auf, zu wissen ... Für mich hat sich jetzt alles zu einem einzigen Knäuel zusammengewickelt. Ich fürchte schon, daß Sie die Geduld verlieren und plötzlich hinauslaufen werden, und dann habe ich Sie zum letztenmal gesehen. Ach, mein Gott! Da sitzen wir und reden, und ich habe ganz vergessen ... Kaffee, Julija, Glafira, Kaffee!“

Aljoscha beeilte sich, für Kaffee zu danken. Er sagte, daß er soeben getrunken habe.

„Bei wem?“

„Bei Agrafena Alexandrowna.“

„Bei ... bei dieser Person? Ach, sie allein hat ja alle zugrunde gerichtet, doch übrigens, ich weiß nicht, jetzt sagt man, sie sei heilig geworden, nur finde ich, daß sie es dann etwas spät geworden ist. Besser wäre gewesen, sie wäre es früher geworden, als es not tat, denn jetzt, was für einen Nutzen kann das jetzt noch bringen? Schweigen Sie, schweigen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich will Ihnen nur so viel sagen, daß ich wahrscheinlich nichts sagen werde. Dieser schreckliche Prozeß ... Ich werde unbedingt hinfahren, ich bereite mich schon vor, man wird mich im Lehnstuhl hineintragen. Ich kann die ganze Zeit sitzen, – Sie wissen doch, daß ich als Zeugin vorgeladen bin? Wie soll ich nur reden? Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Man muß doch einen Eid ablegen, nicht wahr?“

„Ja, aber ich glaube nicht, daß Sie so werden erscheinen können.“

„Ich kann doch sitzen! Ach, Sie bringen mich wieder aus dem Konzept. Dieser Prozeß, dieser entsetzliche Prozeß, und dann gehen alle nach Sibirien, andere heiraten wiederum, und alles vergeht so schnell, so schnell, und alles verändert sich, und schließlich ist nichts, alle sind Greise und blicken ins Grab. Nun, meinetwegen, mögen sie doch, ich bin müde. Diese Katjä – cette charmante personne, sie hat alle meine Hoffnungen vernichtet! Jetzt wird sie einem Ihrer Brüder nach Sibirien folgen, und Ihr anderer Bruder wird dann wieder ihr folgen und in der nächsten Stadt wohnen, und alle werden sie sich gegenseitig quälen. Das bringt mich um meinen letzten Verstand. Und vor allen Dingen dieses Gerede! In allen Petersburger und Moskauer Zeitungen ist darüber millionenmal gesprochen worden. Ach ja, denken Sie sich, auch von mir ist dabei die Rede, es heißt, ich sei die, ‚liebe Freundin‘ Ihres Bruders gewesen! – ich will kein häßliches Wort aussprechen, nur denken Sie sich so etwas, können Sie sich das vorstellen!“

„Das ist unmöglich! Wo hat man das geschrieben?“

„Ich werde es Ihnen sofort schwarz auf weiß zeigen. Gestern erhielt ich es – gestern las ich es selbst zum erstenmal. Sehen Sie hier, in der Petersburger Zeitung ‚Gerüchte‘. Dieses Blatt wird erst seit einem Jahr herausgegeben – da abonnierte ich auf dasselbe, denn ich liebe sehr Gerüchte, und das habe ich jetzt davon: Da, sehen Sie, was das für ‚Gerüchte‘ sind! Hier, sehen Sie hier, lesen Sie das.“