Sie reichte Aljoscha ein Zeitungsblatt, das unter ihrem Kissen gelegen hatte, und zeigte ihm die Stelle.
Sie war nicht nur verstört, sie schien plötzlich ganz gebrochen zu sein. Vielleicht hatte sich infolge dieser Zeitungsgeschichte tatsächlich alles in ihrem Kopf zu einem Knäuel zusammengeballt. Die Zeitungsente war allerdings unmißverständlich – und nicht weniger verfänglich. Sie mußte die arme Dame sehr empfindlich kränken, doch zum Glück war Frau Chochlakoff an diesem Tage nicht fähig, nur an eine Sache zu denken, und so konnte sie bereits nach einer Minute die Zeitung mit allen Klatschereien vergessen und sich mit anderem beschäftigen. Aljoscha wußte, daß man in ganz Rußland über den berühmten Karamasoffschen Prozeß sprach, und er hatte in diesen zwei Monaten unter anderen richtigen Nachrichten auch ganz unglaubliche Lügengeschichten gelesen, sowohl über die Karamasoffs im allgemeinen, wie auch speziell über sich. Z. B. hatte es an einer Stelle geheißen, daß er, Aljoscha, aus Angst, nach dem Verbrechen des Bruders Einsiedler geworden sei und sich als Trappist von der Welt abgeschlossen habe; in einem anderen Blatt war diese Nachricht in Abrede gestellt und geschrieben worden, er habe zusammen mit seinem Staretz Sossima die Klosterkasse aufgebrochen und bestohlen und sei dann entflohen. Die jetzt erwähnte Nachricht in den „Gerüchten“ war wie gewöhnlich betitelt: „Aus Skotoprigonjewsk[26] (so heißt nämlich unser Städtchen – leider! Ich habe seinen Namen lange genug verheimlicht). Zum Prozeß Karamasoff.“ Es war nur eine kürzere Nachricht, und über Frau Chochlakoff war direkt nichts gesagt – überhaupt waren keine Namen genannt. Es wurde mitgeteilt, daß der Vatermörder, den man jetzt unter allgemeinem Aufsehen zu richten sich anschicke, Hauptmann a. D. dieses und dieses Linienregiments, in seinem faulen Leben nichts anderes getan habe – abgesehen davon, daß er schon von Natur ein Verbrecher sei und für die Leibeigenschaft eintrete –, als daß er seine Zeit mit Liebeleien verbracht. Besonders aber hätte er „Damen, die sich in der Einsamkeit langweilten“, gefesselt. Nun hätte sich eine von ihnen, „eine von den sich langweilenden Witwen“, die sich jünger machte, obgleich sie bereits Mutter einer erwachsenen Tochter war, dermaßen in ihn verliebt, daß sie ihm noch zwei Stunden vor dem Verbrechen dreitausend Rubel angeboten hätte, allerdings unter der Bedingung, daß er mit ihr nach Sibirien entfliehe, um dort in den Goldgruben Geld zu suchen. Der Bösewicht aber, so hieß es weiter, habe vorgezogen, seinen Vater zu erschlagen und ihn um genau dreitausend Rubel zu berauben, in der Hoffnung, ungestraft zu entkommen und nicht mit den „vierzigjährigen Reizen“ seiner gelangweilten Witwe nach Sibirien ziehen zu müssen. Diese in scherzhaftem Ton gehaltene Korrespondenz schloß, wie es sich gehört, mit Äußerungen edlen Unwillens über die Unsittlichkeit des Vatermordes und der Leibeigenschaft. Nachdem Aljoscha alles interessiert gelesen hatte, faltete er das Blatt zusammen und gab es Frau Chochlakoff zurück.
„Das bin doch ich!“ rief sie sofort ganz verzweifelt aus. „Ich, ich habe ihm doch kaum eine Stunde vor dem Morde gesagt, er solle in die Goldgruben fahren, – und jetzt schreiben sie plötzlich ‚vierzigjährige Reize‘! Habe ich es denn deswegen getan? Das ist absichtlich so geschrieben! Möge ihm der ewige Richter die vierzigjährigen Reize ebenso verzeihen, wie ich ihm verzeihe, aber abgesehen davon – das ist doch ... Wissen Sie auch, wer das geschrieben hat? Das ist ja Ihr Freund Rakitin!“
„Das wäre möglich,“ sagte Aljoscha, „zwar habe ich nichts davon gehört ...“
„Er ist es bestimmt, ich weiß es genau, er, er ganz allein! Ich habe ihm doch die Tür gewiesen ... Sie kennen doch schon die ganze Geschichte?“
„Ich weiß, daß Sie ihn gebeten haben, hinfort Ihr Haus nicht mehr zu betreten, weswegen aber – das habe ich ... wenigstens von Ihnen, noch nicht gehört ...“
„Aha, dann haben Sie es also von ihm gehört? Nun was, ist er sehr empört über mich?“
„Ja, aber über wen zieht er denn nicht her? Doch warum Sie ihm eigentlich verboten haben, Sie zu besuchen, das habe ich auch von ihm nicht erfahren können. Überhaupt sehe ich ihn jetzt nur sehr selten. Ich stehe mich nicht besonders mit ihm.“
„Nun, dann werde ich Ihnen alles sagen und beichten, es ist ja nichts mehr daran zu ändern ... Ich trage nämlich selbst ein wenig Schuld an der ganzen Sache. Aber nur ein wenig, ganz, ganz wenig, so daß davon vielleicht überhaupt nicht die Rede sein kann. Sehen Sie, mein Liebling“ (auf Frau Chochlakoffs Lippen erschien plötzlich ein liebes, schelmisches und doch recht rätselhaftes Lächeln), „sehen Sie, ich vermute ... Sie verzeihen mir doch, Aljoscha, ich rede jetzt mit Ihnen wie eine Mutter ... ach nein, nein, im Gegenteil, wie mit meinem Vater ... denn Mutter paßt hierbei ganz und gar nicht ... Also sagen wir, ich rede zu Ihnen, als wenn Sie der Staretz Sossima wären, und ich ihm beichtete, ja, das wäre der beste Vergleich: Ich habe Sie doch vorhin schon einen Einsiedler genannt. Nun, also dieser arme Junge, Ihr Freund Rakitin – Gott, ich kann mich wirklich kaum über ihn ärgern! Ich ärgere mich, ja, gewiß, aber im Grunde doch nicht sehr! Kurz, dieser leichtsinnige junge Mann läßt es sich plötzlich – denken Sie sich nur! – läßt es sich plötzlich, glaube ich, einfallen, sich in mich zu verlieben. Erst später, viel später bemerkte ich es, zuerst aber, also ungefähr vor einem Monat, begann er mich häufiger zu besuchen, er kam sogar fast täglich, er hatte mir auch früher schon seine Aufwartung gemacht. Ich vermutete zuerst natürlich noch nichts ... und dann kam es plötzlich wie eine Erleuchtung über mich, und ich fing an einiges zu bemerken – zu meiner größten Verwunderung, wie Sie sich denken können. Wie Sie wissen, empfange ich seit einiger Zeit Herrn Perchotin, Pjotr Iljitsch, Sie haben ihn doch so oft hier angetroffen. Nicht wahr, er ist doch ein ernster, würdiger Mann, trotz seiner jungen Jahre? Er kommt ungefähr in drei Tagen nur einmal – und doch könnte er weit öfter kommen. Und immer ist er elegant gekleidet. Ich liebe überhaupt sehr unsere Jugend, Aljoscha, besonders, wenn es talentvolle, wohlerzogene Menschen sind, wie zum Beispiel Sie. Er aber hat, glauben Sie mir, einen fast staatsmännischen Verstand! Und wie wundervoll er spricht. Ich werde unbedingt meinen ganzen Einfluß verwenden, um ihm die Stellung zu verschaffen, die seinen Fähigkeiten zukommt. Das ist doch ein zukünftiger Diplomat! An jenem entsetzlichen Tage hat er mich so gut wie vom Tode errettet, als er in der Nacht herkam! Nun, Ihr Freund Rakitin aber kommt immer in so greulichen Stiefeln und schiebt sie dann noch obendrein so weit auf dem Teppich vor ... mit einem Wort, er begann schon einige Andeutungen zu machen, und einmal drückte er mir beim Abschied ganz unglaublich fest die Hand. Kaum aber hatte er mir so schmerzhaft die Hand gepreßt, als mein Fuß krank wurde. Rakitin hatte auch früher schon Pjotr Iljitsch bei mir angetroffen, und glauben Sie mir, immer gingen sie wie die Kampfhähne aufeinander los, immer versuchte Rakitin, ihn irgendwie anzugreifen. Ich betrachtete sie dann nur stillschweigend und dachte mir mein Teil. Und da, eines schönen Tages saß ich allein, das heißt ich lag damals hier auf der Couchette, und plötzlich wird mir Michail Iwanowitsch Rakitin gemeldet. Er kommt, und stellen Sie sich so etwas vor – er überreicht mir ein Gedicht, das er auf meinen kranken Fuß gemacht hat, er hat das ‚kranke Füßchen‘ in Versen besungen! Warten Sie, wie war es doch:
‚Ach, wie ist doch dieses Füßchen,