Das jetzt krank sein soll, entzückend ...‘
oder so ähnlich, ich kann alles eher, als Verse behalten. Ich habe das Gedicht hier irgendwo, ich werde es Ihnen später zeigen. Und wissen Sie, es war darin nicht nur vom Füßchen die Rede, sondern es handelte sich um eine belehrende Idee, nur habe ich vergessen, um welch eine eigentlich. Nun, ich lobte natürlich das Gedicht, und er war offenbar sehr geschmeichelt. Da aber erscheint plötzlich Pjotr Iljitsch, und Michail Iwanowitsch wird finster wie die Nacht. Ich bemerkte sofort, daß er ihm sehr ungelegen kam, da er wahrscheinlich nach dem Gedicht noch anderes hatte sagen wollen. Und da nahm ich denn das Gedicht und zeigte es Pjotr Iljitsch, ohne zu sagen, wer es verfaßt hatte. Ich bin aber überzeugt, überzeugt sage ich Ihnen, daß er sofort erriet, wer der Dichter war, obgleich er auch jetzt noch immer sagt, er hätte es nicht erraten, – aber das tut er ja absichtlich. Nun, Pjotr Iljitsch lachte sofort hell auf und dann begann er zu kritisieren: ganz erbärmliche Verschen wären das, sagte er, die kann höchstens ein Seminarist verbrochen haben, und, wissen Sie, er sagte es mit so einer Sicherheit – und so überlegen urteilte er! Da aber geriet Ihr Freund, anstatt gleichfalls zu lachen, geradezu außer sich. Gott, ich glaubte schon, sie würden handgemein werden. ‚Ich habe dieses Gedicht verfaßt,‘ sagte er plötzlich. ‚Ich habe es nur zum Scherz geschrieben,‘ sagt er, ‚denn im allgemeinen halte ich es für eine Unwürdigkeit, Gedichte zu schreiben ... Nur ist mein Gedicht gut. Ihrem Puschkin will man für seine Gedichte über die Frauenfüßchen ein Denkmal errichten, mein Gedicht drückt aber noch eine besondere Idee aus. Im übrigen,‘ sagt er, ‚sind Sie ja schließlich doch nur ein Anhänger der konservativen Partei, der gegen die Aufhebung der Leibeigenschaft ist. Sie,‘ sagte er, ‚wissen überhaupt nichts von Humanität, von den zeitgenössischen Gefühlen fühlen Sie überhaupt nichts, die menschliche Entwicklung hat Sie überhaupt noch nicht berührt, Sie sind nur ein höherer Beamter, der Schmiergelder nimmt!‘ Da aber unterbrach ich ihn, das war zuviel! Pjotr Iljitsch aber blieb ganz ruhig und kühl: er blickte ihn nur spöttisch an, hörte ihm gleichmütig zu und machte dann seine Entschuldigung. ‚Ich wußte nicht, daß Sie der Verfasser sind,‘ sagte er. ‚Wenn ich es gewußt hätte, so hätte ich das Gedicht gelobt und nicht getadelt ... Die Dichter,‘ sagte er, ‚sind heutzutage alle sehr empfindlich ...‘ Kurz, eine Menge ähnlicher spöttischer Bemerkungen unter dem Anschein der höflichsten Entschuldigungen. Er hat mir später selbst erklärt, daß es Spötteleien waren, zuerst glaubte ich, er meinte es wirklich ernst damit. Ich lag hier, wie ich auch jetzt hier liege, und dachte so bei mir: was soll ich tun, soll ich nun Michail Iwanowitsch die Tür weisen dafür, daß er in meinem Hause so meine Gäste zu beleidigen wagt? Und, glauben Sie mir, ich lag, ich bedeckte die Augen mit der Hand und dachte bei mir: Soll ich es tun oder soll ich es nicht tun? Und ich konnte mich nicht entscheiden, und ich quälte mich, und das Herz klopfte: Soll ich oder soll ich nicht? Die eine Stimme sagte ja, die andere nein. Kaum aber hatte die Stimme nein gesagt – da tat ich es. Und gleich darauf fiel ich in Ohnmacht. Nun, da gab es dann natürlich eine große Aufregung. Darauf erhob ich mich und sagte Michail Iwanowitsch, es täte mir leid, ihm sagen zu müssen, daß ich ihn nicht mehr in meinem Hause empfangen könne. Und das war alles. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich weiß ja selbst, daß es nicht gut von mir war, daß es eine erlogene Handlung von mir war, ich ärgerte mich ja gar nicht über ihn, aber es hatte mir plötzlich geschienen – daß es so plötzlich kam, war ja das ganze Verhängnis – es hatte mir geschienen, daß es sich sehr schön machen würde, wenn ich es sagte ... Nur glauben Sie mir, diese Szene war wirklich aufrichtig von mir, ich weinte sogar, und später habe ich noch tagelang darüber geweint ... Nur weiß ich nicht mehr, wie ich eines schönen Tages nach dem Essen plötzlich den ganzen Vorfall vergaß. Und da stellte er denn seine Besuche ein, seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, und so habe ich mich schon gefragt: Sollte er denn wirklich überhaupt nicht mehr kommen? Das war noch gestern. Und da erhalte ich plötzlich abends die ‚Gerüchte‘. Ich las sie und schlug die Hände zusammen! Wer soll denn das geschrieben haben, wenn nicht er? Er ist von mir nach Haus gegangen, hat sich hingesetzt und geschrieben, abgeschickt, und nun haben wir es hier gedruckt! Das war ja doch vor zwei Wochen! Ach, Aljoscha, es ist schrecklich, was ich rede! Und immer gar nicht davon, wovon ich eigentlich reden will! Es spricht sich ganz von selbst.“
„Ich habe heute leider sehr wenig Zeit, ich muß mich beeilen, um noch rechtzeitig zu meinem Bruder ins Gefängnis zu kommen,“ stotterte Aljoscha und machte gleichzeitig den Versuch, sich von der lebhaften Dame zu verabschieden, doch wurde er sofort von ihr unterbrochen.
„Da ist es ja! Gott sei Dank, Sie haben mich daran erinnert! Hören Sie, was ist das, ein Affekt?“
„Was für ein Affekt?“ fragte Aljoscha verwundert.
„Ein gerichtlicher Affekt. Das ist so ein Affekt, ich verstehe es selbst nicht zu erklären, aber jedenfalls wird einem dann alles verziehen. Was Sie auch verbrochen hätten – Ihnen wird sofort alles verziehen.“
„Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen.“
„Hören Sie, hören Sie: Diese Katjä ... Ach, sie ist ein so liebes, liebes Geschöpf, nur kann ich auf keine Weise herausbekommen, in wen sie nun eigentlich verliebt ist! Vor kurzem saß sie noch bei mir, ich konnte aber nichts erraten. Um so weniger, als sie jetzt selbst anfängt mit mir so oberflächlich zu reden, sie interessiert sich jetzt scheinbar nur noch für meine Gesundheit und sonst für nichts, und so hat sie jetzt auch diesen Ton angenommen. Ich habe mir schon gesagt: Nun, Gott mit ihr, mag sie doch ... Ach ja, richtig, also der Affekt: Dieser Doktor ist jetzt angekommen ... Wissen Sie, daß er schon angekommen ist? Ach, nun, wie sollten Sie es denn nicht wissen, der die Verrückten durchschaut, Sie haben ihn doch selbst hergerufen, das heißt, nein, nicht Sie, sondern Katjä. Immer Katjä! Nun, das ist einfach so: Es sitzt ein ganz gesunder Mensch, der nicht ein bißchen verrückt ist, und plötzlich hat er einen Affekt. Er weiß sehr wohl, was er tut, er ist vollkommen bei Sinnen, doch trotzdem ist er im Affekt. Nun, so ist denn auch Ihr Bruder bestimmt im Affekt gewesen. Das hat man jetzt, vor kurzem, als die neuen Gerichte eingeführt wurden, sofort entdeckt. Das ist wiederum eine Wohltat der neuen Gerichte. Dieser Doktor war auch bei mir, um von mir zu erfahren, wie Ihr Bruder damals, kurz vor dem Morde, an jenem Abend, sich bei mir aufgeführt habe? Wie soll er denn nicht im Affekt gewesen sein? Er kommt herein und schreit: Geben Sie mir Geld, dreitausend Rubel, sofort, – und dann läuft er hinaus und erschlägt den Vater. Ich will nicht, sagt er womöglich noch, ich will nicht erschlagen, doch da ist es schon gegen seinen Willen geschehen. Deswegen wird man ihn jetzt auch freisprechen, weil er im Affekt, sozusagen gegen seinen Willen, erschlagen hat.“
„Aber er hat ja gar nicht den Vater erschlagen,“ unterbrach sie Aljoscha etwas scharf. Unruhe und Ungeduld erfaßten ihn immer mehr.
„Ich weiß, ich weiß, Grigorij hat Ihren Vater erschlagen ...“