„Was, Grigorij? Wieso?“ rief Aljoscha aufs äußerste erregt.

„Selbstverständlich, wer denn sonst? Nachdem ihn Ihr Bruder mit dem Keulenschlage zu Boden gestreckt hatte, lag er bewußtlos am Zaun, dann aber stand er auf, sah, daß die Tür offen war, ging hin und erschlug Ihren Vater.“

„Aber warum, warum?“

„Ganz einfach, weil er einen Affekt hatte. Nach dem Schlage erwachte er, bekam einen Affekt, ging hin und erschlug. Und was das betrifft, daß er diese Tat leugnet, so ist es doch sehr leicht möglich, daß er sich ihrer gar nicht mehr erinnert. Nur sehen Sie: Es wäre viel besser, wenn Dmitrij Fedorowitsch es getan hätte. Und er hat es ja auch getan, ganz abgesehen davon, daß ich sage, Grigorij hätte es getan. Aber es ist ja bestimmt Dmitrij Fedorowitsch gewesen, und das ist auch viel, viel besser! Ach, nicht deswegen besser, weil der Sohn dann den Vater erschlagen hat, das meine ich nicht, Kinder müssen, im Gegenteil, ihre Eltern immer achten, – nur wäre es trotzdem besser, wenn er es getan hätte. Dann haben Sie doch gar keinen Grund mehr, zu weinen, da er doch, ohne zu wissen, was er tat, den Vater erschlagen hat, oder richtiger, er wußte alles, was er tat, wußte aber nur nicht, was mit ihm selbst geschah. Nein, möge man ihn lieber auf Grund des Affektes freisprechen. Das wäre so human, und zudem würde man endlich einmal die Wohltat des neuen Gerichtes einsehen. Denken Sie nur, ich wußte bis jetzt noch nichts davon, als ich aber gestern davon erfuhr, traf es mich dermaßen, daß ich sofort zu Ihnen schicken wollte, um Sie herzubitten. Und dann, wenn er freigesprochen ist, werde ich ihn unverzüglich zu mir zum Diner einladen – ihn und alle meine Bekannten. Dann können wir auf das Wohl der neuen Gerichte trinken. Ich glaube nicht, daß er gefährlich sein wird, und zudem kann ich ja so viel Gäste einladen, daß man ihn im äußersten Fall bändigen könnte. Und dann könnte er in einer kleinen Stadt Friedensrichter werden oder so etwas Ähnliches, denn wer selbst vor Gericht gewesen ist, der kann am besten andere richten. Sagen Sie doch, bitte, wer ist denn jetzt in unserer Zeit nicht im Affekt? Wir sind es doch alle, ohne Ausnahme: Sie, ich, alle, alle, und wieviel andere Beispiele! Da sitzt zum Beispiel ein Mensch, singt eine Romanze, plötzlich gefällt ihm irgend etwas nicht, er nimmt eine Pistole und erschießt den ersten besten, und darauf wird er freigesprochen, und alle verzeihen ihm. Ich habe das vor kurzem gelesen. Und denken Sie, alle Doktoren geben ihm recht. Die Doktoren sprechen jetzt einen jeden frei, einen jeden. Aber ich bitte Sie, selbst Lise ist bei mir im Affekt, noch gestern habe ich ihretwegen geweint, vorgestern gleichfalls. Erst heute erriet ich, daß es bei ihr einfach ein Affekt ist. Ach, Lise machte mir soviel Sorgen! Ich glaube, sie ist ganz von Sinnen. Warum hat sie Sie hergerufen? Sie hat es doch getan, oder sind Sie von selbst zu ihr gekommen?“

„Ja, sie hat mich gerufen, und ich werde jetzt zu ihr gehen,“ sagte Aljoscha, der sich entschlossen erhob.

„Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, das ist ja vielleicht gerade die Hauptsache!“ rief sofort Frau Chochlakoff mit Tränen in den Augen. „Gott ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Lise von ganzem Herzen anvertraue, und es hat ja auch schließlich weiter nichts zu sagen, daß sie Sie heimlich hinter meinem Rücken zu sich ruft. Aber Iwan Fedorowitsch, Ihrem Bruder, – verzeihen Sie, daß ich es so offen sage –, nein, dem kann ich meine Tochter nicht so leichten Herzens anvertrauen, wenn ich ihn auch nach wie vor für den ritterlichsten jungen Mann halte. Und denken Sie sich nur, jetzt ist er plötzlich bei Lise gewesen, und ich habe nichts davon gewußt!“

„Wie? Was? Wann?“ fragte Aljoscha äußerst erstaunt. Er setzte sich nicht wieder hin, sondern hörte stehend zu.

„Ich werde Ihnen sofort alles erzählen, habe ich Sie doch vielleicht nur deswegen herrufen lassen, denn ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich es eigentlich tat. Also hören Sie: Iwan Fedorowitsch ist nach seiner Rückkehr aus Moskau im ganzen nur zweimal bei mir gewesen, daß erstemal, um als Bekannter seine Visite zu machen, und das zweitemal, das war vor nicht langer Zeit, da hatte er erfahren, daß Katjä bei mir war, und so trat er denn auf einen Augenblick ein. Ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß er mich oft besuche, da ich ja weiß, wieviel Scherereien er auch ohnedem schon hat, vous comprenez – toute cette affaire et la mort terrible de votre papa. Und da erfahre ich nun plötzlich, daß er wieder hier gewesen sei, nur nicht etwa bei mir, sondern bei Lise! Das war vor ungefähr sechs Tagen. Er war gekommen, hatte fünf Minuten bei ihr gesessen und war dann wieder gegangen. Ich aber erfuhr das erst nach ganzen drei Tagen durch Glafira, so daß es mich sofort stutzig machte. Ich rief Lise unverzüglich zu mir, sie aber lachte nur: er glaubte, sagte sie, daß Sie schliefen, und sprach bei mir vor, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. So war es natürlich auch gewesen. Nur Lise, Lise, o Gott, was sie mir für Sorgen macht! Stellen Sie sich vor, plötzlich hat sie in einer Nacht – das war vor ungefähr vier Tagen, gleich nachdem, als Sie das letztemal hier waren und fortgingen – plötzlich hat sie in der Nacht einen Anfall! Warum habe ich nie solche Anfälle? Darauf hat sie noch am zweiten und dann noch am dritten Tage Anfälle, und dann – gestern war’s – plötzlich dieser Affekt! Mit einemmal schreit sie: ‚Ich hasse Iwan Fedorowitsch, ich verlange von Ihnen, daß Sie ihn überhaupt nicht mehr empfangen, daß Sie ihm verbieten, uns zu besuchen!‘ Ich war einfach starr. Und so plötzlich! Ich sagte ihr nur: Warum sollte ich denn einen so prächtigen jungen Mann nicht empfangen, der außerdem von so fabelhafter Intelligenz ist und nun noch so viel Unglück zu ertragen hat, denn alle diese Geschichten – die sind doch Unglück, aber kein Glück, nicht wahr? Und denken Sie sich, Sie lacht mir daraufhin ganz unverhohlen ins Gesicht und lacht dazu noch so, wissen Sie, so kränkend! Nun, ich sagte mir, du kannst froh sein, daß du sie wenigstens erheitert hast, jetzt werden die Anfälle vergehen, um so mehr, als ich selbst bereits beabsichtigte, Iwan Fedorowitsch wegen seiner sonderbaren Visiten bei meiner Tochter, ohne meine Erlaubnis, zur Rede zu stellen. Heute morgen erwacht Lise, ärgert sich wegen irgendeiner Kleinigkeit über Julija und schlägt sie mit der Hand ins Gesicht. Denken Sie sich – sie gibt ihr eine Ohrfeige! Das ist doch monströs! Aber hören Sie weiter. Plötzlich, nach einer Stunde, umarmt sie Julija, fällt vor ihr nieder und küßt ihr die Füße! Mir aber läßt sie sagen, daß sie überhaupt nicht mehr zu mir kommen werde, daß sie hinfort nie mehr zu mir kommen wolle. Und als ich mich selbst, so gut ich konnte, zu ihr hinbegab, da stürzte sie mir entgegen und bedeckte mich mit Küssen, und küssend drängte sie mich immer weiter zurück, so daß ich schließlich durch die Tür wieder hinaus mußte, aber sie sagte dabei kein Wort, und so war ich denn nicht klüger als zuvor. Jetzt habe ich, lieber Alexei Fedorowitsch, meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt. Das Glück meines ganzen Lebens ist in Ihren Händen. Ich bitte Sie ganz offen, zu Lise zu gehen. Versuchen Sie, etwas von ihr zu erfahren, so wie nur Sie allein das verstehen, und dann kommen Sie her und sagen Sie es mir, mir, der Mutter, denn Sie begreifen doch, daß ich sonst sterbe, einfach sterben muß, wenn sich das noch fortsetzt. Oder ich werde aus dem Hause laufen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich habe gewiß Geduld, aber ich kann sie doch auch einmal verlieren, und dann ... was wird dann sein? Entsetzlich! Ach, mein Gott, endlich, Pjotr Iljitsch!“ rief plötzlich strahlend Frau Chochlakoff, als sie Perchotin, der sofort nach dem Diener eintrat, erblickte. „Wie Sie sich aber verspätet haben! Nun, setzen Sie sich, bitte, sagen Sie, erlösen Sie mich, nun, wie steht es mit diesem Advokaten? Wohin, wohin gehen Sie, Alexei Fedorowitsch?“

„Ich will zu Lise ...“

„Ach ja! richtig! Aber vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, um was ich Sie gebeten habe! Hier handelt es sich doch um mein ganzes Leben!“