„Ja, ich lese sie immer noch. Mama liest sie und steckt sie unters Kissen, und ich stibitze sie dann und schleppe sie zu mir.“
„Schämen Sie sich denn nicht, sich so zu verderben?“
„Ich will mich verderben. Hier gibt es einen kleinen Knaben, der zwischen den Schienen gelegen hat, während der Zug über ihn hinwegfuhr. Der Glückliche! Wissen Sie, Ihren Bruder wird man deswegen verurteilen, weil er den Vater erschlagen hat, bei sich aber finden das alle sehr gut, und es gefällt ihnen sehr.“
„Es gefällt ihnen, daß er den Vater erschlagen hat?“
„Ja, das gefällt ihnen, allen, allen! Alle sagen, daß das schrecklich sei, im geheimen aber gefällt es ihnen furchtbar. Ich bin die erste, der es gefällt.“
„In Ihren Worten liegt etwas Wahres,“ sagte Aljoscha halblaut vor sich hin.
„Ach, was Sie für Gedanken haben!“ rief Lisa ganz begeistert. „Aber Sie sind doch Mönch! Sie glauben mir nicht, wie ich Sie dafür achte, daß Sie niemals lügen. Ach, ich werde Ihnen einen lächerlichen Traum erzählen, den ich gehabt habe: mir träumt zuweilen von Teufeln; es ist, als wäre es Nacht, ich sitze allein in meinem Zimmer, auf dem Tisch brennt ein Licht. Und plötzlich sind überall Teufel, in allen Ecken und unter dem Tisch, unter den Stühlen, und sie machen sogar die Tür auf, und dort hinter der Tür ist ihrer eine ganze Schar, und sie wollen alle hereinkommen und mich ergreifen. Und schon kommen sie näher, schon fassen sie mich an – da aber bekreuze ich mich schnell, und sie weichen alle zurück, sie fürchten sich, nur gehen sie doch nicht ganz fort, sie bleiben hinter der Tür, in den Ecken, sie warten. Und plötzlich überkommt mich die Lust, laut über Gott zu spotten, und so fange ich denn an Gott zu verspotten, und da kommen sie denn wieder in hellen Haufen auf mich zu, sie freuen sich so darüber, und da fassen sie mich auch schon wieder an – ich aber bekreuze mich schnell, und da huschen sie denn wieder alle flugs zurück. Ach, so lustig ist das, der Atem bleibt einem stehen!“
„Auch ich habe zuweilen denselben Traum,“ sagte plötzlich Aljoscha.
„Ist’s möglich?“ fragte Lisa erstaunt. „Hören Sie, Aljoscha, lachen Sie nicht, das ist sehr ernst: können denn zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum haben?“
„Warum denn nicht?“