„Bestimmt!“

„Ich danke Ihnen! Ich habe ja nur Ihre Tränen nötig. Die anderen alle, mögen die mich meinetwegen mit den Füßen zerstampfen, alle, alle, ohne auch nur einen einzigen Menschen auszunehmen, jawohl, alle ohne Ausnahme! Denn ich liebe niemanden. Hören Sie, nie–man–den! Im Gegenteil, ich hasse alle! Gehen Sie, Aljoscha, Sie müssen sich beeilen, zum Bruder zu kommen!“ Sie hatte sich plötzlich von ihm losgerissen.

„Aber wie werden Sie denn so zurückbleiben?“ fragte Aljoscha ganz erschrocken.

„Gehen Sie zu Ihrem Bruder, das Gefängnis wird geschlossen, gehen Sie, hier ist Ihr Hut! Küssen Sie Mitjä, gehen Sie, aber so gehen Sie doch endlich!“

Und sie schob Aljoscha beinahe mit Gewalt zur Tür hinaus. Der sah noch unentschlossen und besorgt aus, als er plötzlich fühlte, wie sie ihm ein kleines, hartes Briefchen in die Hand drückte. Unwillkürlich erhob er ein wenig die Hand und warf einen Blick auf das versiegelte Kuvert – er las: „Herrn Iwan Fedorowitsch Karamasoff.“ Aljoscha zuckte zusammen und warf einen Blick auf Lisa. Ihr Gesicht sah fast drohend aus.

„Übergeben Sie es, übergeben Sie es unbedingt!“ befahl sie außer sich, am ganzen Körper zitternd. „Tun Sie es sofort, unverzüglich! Oder ich nehme Gift! Nur deswegen habe ich Sie zu mir gerufen!“

Und heftig schlug sie die Tür zu ... nur eine kleine Spalte blieb. Aljoscha steckte den Brief in die Tasche und ging geradeswegs zur Treppe, ohne vorher noch bei Frau Chochlakoff einzutreten und sich von ihr zu verabschieden. Er hatte sie ganz vergessen. Kaum aber hatte sich Aljoscha entfernt, als Lise sofort die Tür aufriß, ihren Finger an den Türrahmen legte, die Tür wieder zuschlug und sie mit aller Gewalt gegen ihren eingeklemmten Finger preßte. Ungefähr nach zehn Sekunden vergrößerte sich die Spalte, sie zog die Hand zurück und ging langsam und leise zu ihrem Lehnstuhl, setzte sich steif aufgerichtet hin und betrachtete aufmerksam ihr blaurotes, blutunterlaufenes Fingerspitzchen und das dunkle Blut, das sie unter dem Nagel hervorgepreßt hatte. Ihre Lippen zitterten, und sie sagte leise, doch schnell vor sich hin:

„Gemein, gemein, gemein, gemein bin ich!“

IV.
Die Hymne und das Geheimnis

Es war schon sehr spät, als Aljoscha am Gefängnistor schellte. Es begann schon stark zu dunkeln – sind doch die Novembertage nicht lang. Aljoscha wußte aber, daß man ihn ungehindert zu Mitjä durchlassen werde. Vorsichtsmaßregeln werden in unserem Städtchen nicht anders als überall in der Welt beobachtet. Anfangs natürlich, als die Voruntersuchung noch nicht abgeschlossen war, da gab es noch verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden, wenn man zu Mitjä gelangen wollte, doch mit der Zeit wurden diese Formalitäten, wenigstens für die Verwandten, bedeutend abgeschwächt, und schließlich wurden mit einigen von den Besuchern regelrechte Ausnahmen gemacht. Ja, zuweilen fanden die Zusammenkünfte in dem dazu bestimmten Zimmer so gut wie unter vier Augen statt. Übrigens wurden diese Ausnahmen doch nur mit wenigen gemacht: nur mit Gruschenka, Aljoscha und Rakitin. Gruschenka hatte das dem besonderen Wohlwollen unseres alten Polizeichefs Michail Makarowitsch zu danken. Dem Alten lagen immer noch die bösen Worte, mit denen er sie in Mokroje angeschrien hatte, auf der Seele. Später, als er den ganzen Sachverhalt erfahren hatte, änderte er seine Meinung über sie. Und sonderbar: obgleich er von Mitjäs Schuld fest überzeugt war, beurteilte er ihn, seitdem der „Verbrecher“ hinter Schloß und Riegel saß, doch viel nachsichtiger, empfand schließlich sogar fast Mitleid mit ihm. „Es war vielleicht ein herzensguter Mensch,“ meinte er, „hat sich aber durch Trunk und Ausschweifung selbst zugrunde gerichtet, ja, ja, wie’n oller Schwede bei Poltawa, jetzt ist nichts mehr zu machen!“ Was aber Aljoscha betrifft, so hatte ihn Michail Makarowitsch, der ihn schon lange kannte, aufrichtig ins Herz geschlossen, und Rakitin, der Mitjä in der Folge immer häufiger besuchte, war wiederum ein guter Bekannter von seinen Enkelinnen, die er oft besuchte; außerdem gab er im Hause des Gefängnisinspektors Privatstunden. Aljoscha war gleichfalls gut mit dem alten Inspektor bekannt, da jener gern mit ihm über „Allwissenheit im allgemeinen“ sprach. Iwan Fedorowitsch aber, oh, der! – vor dem hatte der Inspektor nicht nur unermeßlichen Respekt, vor dem fürchtete er sich geradezu, besonders was seine „philosophischen Urteile“ betraf, obwohl er selbst ein großer Philosoph war – versteht sich: „so weit der Verstand dazu ausreicht“. Für Aljoscha aber empfand er eine unbezwingliche Sympathie. Im letzten Jahre hatte sich der Alte an die apokryphen Evangelien gemacht und war dann Sonntags immer ins Kloster gegangen, um seinem jungen Freunde seine Eindrücke und Gedanken mitzuteilen. Zuweilen hatte er mit ihm und den Priestermönchen stundenlang disputiert. So hätte denn Aljoscha, wenn ihm vom Wächter der Eintritt verwehrt worden wäre, nur zum Inspektor zu gehen gebraucht, um trotz der späten Stunde noch seinen Bruder sehen zu können. Zudem hatten sich alle im Gefängnis, bis zum letzten Wächter, an ihn gewöhnt, und ein jeder von ihnen sah ihn gern. Die Wache hatte natürlich nichts dagegen, wenn er nur die Erlaubnis vom Vorgesetzten hatte. Mitjä kam, wenn er gerufen wurde, stets aus seiner Zelle in den unteren Stock, in den Raum, der für den Besuch bestimmt war. Als Aljoscha eintreten wollte, stieß er fast mit Rakitin zusammen, der Mitjä gerade verließ. Beide sprachen sie laut. Mitjä, der ihn zur Tür begleitete, lachte herzlich über irgend etwas, Rakitin aber schien etwas vor sich hin zu brummen. Es war Aljoscha besonders in der letzten Zeit aufgefallen, daß Rakitin ihn nicht gerne sah, jedenfalls vermied, mit ihm zu sprechen, und kaum seinen Gruß erwiderte. Als Rakitin jetzt plötzlich Aljoscha erblickte, runzelte er mit ganz besonders geschäftiger Miene die Stirn, blickte wie suchend zur Seite und tat, als ob er ganz mit dem Zuknöpfen seines großen Paletots, den ein warmer Pelzkragen zierte, beschäftigt wäre. Darauf machte er sich daran, seinen Schirm zu suchen.