Als Aljoscha ihn verließ, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Ein solches Mißtrauen bei Mitjä, solcher Argwohn, so wenig Zutrauen selbst zu ihm, Aljoscha, – alles das deckte plötzlich vor seinen Augen einen so bodenlosen Abgrund von aussichtsloser Verzweiflung und unfaßbarem Leid in der Seele seines unglücklichen Bruders auf, wie er ihn nie geahnt, nie für möglich gehalten hatte. Tiefes, unendliches Mitleid ergriff ihn und quälte ihn so, daß er schon nach einem Augenblick davon müde gequält war. Sein Herz glaubte er zerrissen, es tat ihm unsäglich weh. „Liebe Iwan!“ klang es ihm wieder in den Ohren. Ja, ja, er ging ja schon zu Iwan. Schon seit dem Morgen wollte er zu Iwan gehen. Der quälte ihn nicht weniger als Mitjä, jetzt aber, nach allem, was ihm Mitjä gesagt hatte, jetzt quälte er ihn mehr denn je.
V.
„Nicht du, nicht du!“
Auf dem Wege zu Iwan kam er an dem Hause vorüber, in dem Katerina Iwanowna wohnte. Die Fenster waren erleuchtet. Aljoscha blieb stehen, dachte eine Weile nach, und beschloß, einzutreten. Er hatte Katerina Iwanowna seit einer ganzen Woche nicht mehr gesehen. Jetzt sagte er sich, daß er Iwan wahrscheinlich bei ihr antreffen werde, um so mehr, als es doch der Vorabend eines so entscheidenden Tages war. Als er unten geschellt hatte und in den Treppenraum trat, der durch eine chinesische, laternenartige Ampel nur matt erhellt wurde, bemerkte er, daß von oben ein Herr herabstieg. Als er sich ihm näherte, erkannte er in ihm seinen Bruder Iwan. So verließ denn jener bereits Katerina Iwanowna.
„Ach, du bist es nur,“ sagte Iwan Fedorowitsch trocken. „Nun, leb wohl. Du gehst zu ihr?“
„Ja.“
„Das würde ich dir nicht raten. Sie ist ‚erregt‘, und du würdest sie noch mehr erregen.“
„Nein, nein!“ rief plötzlich eine Stimme über ihnen. Katerina Iwanowna hatte im Augenblick die Tür aufgerissen. „Alexei Fedorowitsch, kommen Sie von ihm?“
„Ja, ich war bei ihm.“
„Hat er Sie zu mir geschickt, um mir etwas sagen zu lassen? Treten Sie bitte ein, Aljoscha, und auch Sie, Iwan Fedorowitsch, kommen Sie unbedingt zurück, unbedingt! Hö – ren – Sie!“
In Katjäs Stimme hatte etwas so Befehlendes geklungen, daß Iwan Fedorowitsch nach sekundenlangem Zögern sich doch entschloß, wieder hinaufzugehen, zusammen mit Aljoscha.