„Das ist nicht wahr, du weißt es ... wie hättest du sonst ... es kann nicht sein, daß du es nicht weißt ...“
Da war es, als ob er plötzlich an sich hielt. Er stand und schien nachzudenken. Ein eigentümliches, vielleicht etwas spöttisches Lächeln bog seine Lippen.
„Bruder,“ sagte endlich Aljoscha und seine Stimme bebte, „ich habe es dir nur darum gesagt, weil du meinen Worten glauben wirst, das weiß ich. Ich habe es dir fürs ganze Leben gesagt, dieses ‚nicht du‘! Hörst du, fürs ganze Leben. Und mir hat Gott auf die Seele gelegt, dir diese Worte zu sagen, selbst wenn du mich auch von nun an dein ganzes Leben lang hassen solltest ...“
Doch Iwan Fedorowitsch schien sich bereits wieder ganz in der Gewalt zu haben.
„Alexei Fedorowitsch,“ sagte er mit einem kalten Lächeln, und zum erstenmal sagte er zu seinem Bruder „Sie“, „mir ist nichts so zuwider wie Propheten und Epileptiker, besonders aber wie Abgesandte Gottes, und das wissen Sie ja auch selbst sehr gut. Von diesem Augenblicke an breche ich mit Ihnen, und zwar, denke ich, für immer. Ich bitte Sie, mich hier an diesem Kreuzweg unverzüglich zu verlassen. Übrigens ist das auch der Weg, der zu Ihrer Wohnung führt. Besonders hüten Sie sich, heute noch einmal zu mir zu kommen. Ich denke, wir haben uns verstanden?“
Er wandte sich von ihm ab und ging festen Schrittes weiter, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Bruder,“ rief ihm Aljoscha nach, „wenn sich heute etwas mit dir ereignet, so denke an mich und meine Worte! ...“
Iwan Fedorowitsch antwortete nicht. Aljoscha blieb noch an der Straßenecke bei der Laterne stehen und sah seinem Bruder nach, bis dessen Gestalt sich in der Dunkelheit verloren hatte. Darauf kehrte auch er um und bog in die Querstraße ein, um in seine Wohnung zu gehen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha wohnten jeder für sich, in verschiedenen Häusern: keiner von ihnen hatte in dem vereinsamten Hause Fedor Pawlowitsch wohnen wollen. Aljoscha hatte sich ein möbliertes Zimmer in einer ärmeren Familie gemietet; Iwan Fedorowitsch dagegen, der ziemlich weit von ihm wohnte, hatte eine geräumige und komfortable Wohnung gemietet, im Flügel eines schönen Hauses, das einer wohlhabenden Beamtenwitwe gehörte. Doch in diesem ganzen Flügel bediente ihn nur eine fast taube, alte, von Gicht verzogene Dienstmagd, die schon um sechs Uhr abends zu Bett ging und um sechs Uhr morgens aufstand. Iwan Fedorowitsch wurde in diesen zwei Monaten fast wie ein Sonderling bescheiden in seinen Ansprüchen. Er blieb am liebsten ganz allein in seinen Zimmern. Ja, in dem einen Zimmer, in das er sich gewöhnlich zurückzog, räumte er sogar eigenhändig auf, und die übrigen Räume seiner Wohnung betrat er nur äußerst selten. Als er jetzt bei der Haustür angelangt war und schon den Griff der Klingel erfaßt hatte, ließ er die Hand plötzlich wieder sinken. Er fühlte, daß er immer noch am ganzen Körper bebte. Plötzlich stampfte er wütend mit dem Fuß auf, wandte sich um und ging eilig wieder fort. Er begab sich an das entgegengesetzte Ende der Stadt, das etwa zwei Werst von seiner Wohnung entfernt war, zu einem kleinen, vor Alter schief gewordenen Häuschen, dessen Balken von außen nicht einmal mit Brettern bekleidet waren. Dort wohnte Marja Kondratjewna – die frühere Nachbarin Fedor Pawlowitschs, die von Marfa Ignatjewna immer Suppe geholt, und der Ssmerdjäkoff auf der Gitarre vorgespielt hatte. Ihr früheres Haus hatte die Mutter inzwischen verkauft, und jetzt lebten die beiden Frauen in dieser kleinen Hütte am Rande der Stadt. Bei ihnen wohnte seit einiger Zeit auch Ssmerdjäkoff, der seit dem Tode Fedor Pawlowitschs sehr krank war. Zu ihm ging Iwan Fedorowitsch. Ihm war plötzlich ein Gedanke gekommen, den er nicht mehr loswerden konnte.
VI.
Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff
Es war jetzt das drittemal, daß Iwan Fedorowitsch nach seiner Rückkehr aus Moskau zu Ssmerdjäkoff ging, um mit ihm zu sprechen. Das erstemal hatte er ihn am Tage seiner Ankunft gesprochen, und dann hatte er ihn, ungefähr zwei Wochen darauf, noch einmal besucht. Doch nach dieser zweiten Zusammenkunft hatte er seine Besuche bei Ssmerdjäkoff eingestellt, und so war denn jetzt bereits mehr als ein Monat vergangen, daß er ihn nicht mehr gesehen hatte. Iwan Fedorowitsch war damals erst am fünften Tage nach dem Tode des Vaters aus Moskau hier eingetroffen, so daß dieser inzwischen schon beerdigt worden war: die Beerdigung hatte schon am Tage vor seiner Ankunft stattgefunden. Der Grund dieser Verspätung Iwan Fedorowitschs lag darin, daß Aljoscha, der nicht wußte, wohin er telegraphieren sollte, zu Katerina Iwanowna geeilt war, um von ihr seine Adresse zu erfahren. Katerina Iwanowna aber hatte sie gleichfalls nicht gewußt, dafür aber sofort an ihre Stiefschwester nach Moskau die Nachricht telegraphiert, in der Hoffnung, daß Iwan Fedorowitsch bald nach seiner Ankunft zu ihrer Tante gehen werde. Iwan war jedoch erst am vierten Tage zu ihnen gegangen und war dann natürlich nach Empfang des Telegramms sofort zurückgefahren. Hier traf er zuerst mit Aljoscha zusammen, doch war er, nachdem er mit ihm über das Geschehnis gesprochen hatte, sehr verwundert gewesen, daß jener den Bruder nicht einmal verdächtigen wollte, sondern ohne weiteres auf Ssmerdjäkoff als auf den Mörder des Vaters hinwies – was den Überzeugungen aller übrigen gerade widersprach. Und als er darauf den Polizeichef und den Staatsanwalt gesprochen und die näheren Umstände der Verhaftung und alle anklagenden Aussagen erfahren hatte, da hatte er sich noch mehr über Aljoschas Behauptung gewundert und sich schließlich diese hartnäckige, „blinde“ Parteinahme mit dem aufs höchste gesteigerten brüderlichen Mitleid und seiner großen Liebe erklärt. Iwan wußte, wie sehr Aljoscha Mitjä liebte. Bei der Gelegenheit will ich noch ein paar Worte über die Empfindungen sagen, die Iwan für seinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch hegte: er liebte ihn entschieden nicht, und wenn er auch zuweilen viel, viel Mitleid mit ihm haben konnte, so war doch dieses Mitleid mit großer Verachtung untermischt, einer Verachtung, die sich zuweilen bis zum Ekel steigern konnte. Mitjä war ihm physisch unangenehm, und die Liebe Katerina Iwanownas zu Mitjä rief in Iwan nur Unwillen hervor.