Am selben Tage nach seiner Rückkehr hatte er auch Mitjä im Gefängnis besucht, und dieses Wiedersehen hatte in ihm die Überzeugung von Mitjäs Schuld nicht etwa geschwächt, sondern ihn noch mehr von ihr überzeugt. Er hatte den Bruder in geradezu krankhafter Erregung angetroffen. Mitjä war ungewöhnlich gesprächig, doch sehr zerstreut und unstet gewesen, hatte sehr schroff gesprochen, immer wieder Ssmerdjäkoff beschuldigt und sich nach jedem Satz verwirrt. Am meisten hatte er von jenen dreitausend Rubeln gesprochen, die der Vater von ihm „gestohlen“ hätte.
„Dieses Geld im Kuvert gehörte mir, mir,“ behauptete Mitjä, „so wäre ich, selbst wenn ich es genommen hätte, im Recht.“
Alle Beweise, die gegen ihn sprachen, bestritt er so gut wie gar nicht, und wenn er eine Tatsache zu seinen Gunsten erklären wollte, so sprach er wiederum auffallend zerstreut und unlogisch. Überhaupt machte er stets den Eindruck, als wolle er sich nicht einmal rechtfertigen, weder vor Iwan, noch vor sonst jemandem: er ärgerte sich nur, verachtete stolz die Anklagen, fluchte und brauste auf. Über die Aussage Grigorijs in betreff der offenen Tür lachte er nur verächtlich und beteuerte, der Teufel habe sie aufgemacht, konnte aber keinen einzigen klaren Beweis diesem Zeugnisse des Dieners entgegenstellen. Ja, während dieses ersten Wiedersehens hatte er sogar Iwan Fedorowitsch beleidigt: er sagte ihm plötzlich in schneidend scharfem Tone, daß es denen nicht zustände, ihn zu verdächtigen, die selbst behaupteten, „alles sei erlaubt“. Kurz, er war sehr unfreundlich zu ihm gewesen. – Gleich nach diesem Wiedersehen war Iwan Fedorowitsch dann auch zu Ssmerdjäkoff gegangen.
Schon auf der Rückfahrt hatte er die ganze Zeit im Waggon an Ssmerdjäkoff und sein letztes Gespräch mit ihm am Abend vor seiner Abreise gedacht. Vieles hatte ihn beunruhigt, vieles war ihm verdächtig erschienen. Als er aber darauf vom Untersuchungsrichter verhört worden war, hatte er vorläufig nichts von diesem Gespräch gesagt. Er hatte das noch hinausgeschoben, um unter Umständen nach der Unterredung mit Ssmerdjäkoff darauf zu sprechen zu kommen. Ssmerdjäkoff befand sich damals im Stadtkrankenhause. Doktor Herzenstube und auch der Kreisarzt Warwinskij, den Iwan Fedorowitsch im Krankenhause antraf, antworteten ihm auf seine wiederholten Fragen auf das bestimmteste, daß die Echtheit der Ssmerdjäkoffschen Epilepsieanfälle nicht dem geringsten Zweifel unterliege, und sie wunderten sich nur über die sonderbare Frage: „hat er nicht am Tage der Katastrophe den Anfall simuliert?“ Sie gaben ihm zu verstehen, daß dieser Anfall sogar ein ganz außergewöhnlicher gewesen sei, mehrere Tage lang angedauert und sich immer noch wiederholt habe, so daß sogar das Leben des Patienten entschieden in Gefahr gewesen sei, und daß man erst jetzt, nach den ergriffenen Maßregeln, sagen könne, daß der Kranke am Leben bleiben werde, – „obgleich sehr möglich ist,“ fügte Doktor Herzenstube noch bedächtig hinzu, „daß seine Vernunft teilweise zerrüttet bleibt, wenn auch nicht fürs ganze Leben, so doch ziemlich lange.“ Aber auf die ungeduldige Frage Iwan Fedorowitschs: „Dann ist er also augenblicklich verrückt?“ wurde ihm die Antwort zuteil, daß man so etwas im vollen Sinne des Wortes nicht sagen könne, daß sich aber bereits gewisse Anormalitäten konstatieren ließen. Iwan Fedorowitsch beschloß, sich selbst davon zu überzeugen, was das für Anormalitäten wären. Im Krankenhause wurde er ohne weiteres zugelassen. Ssmerdjäkoff befand sich in einem Zimmer für nur zwei Personen und lag da auf einem harten Krankenhausbett. Daselbst befand sich noch ein anderes Bett, das ein städtischer Kleinbürger einnahm, ein gelähmter, alter Mann, der von der Wassersucht ganz geschwollen war und keine zwei Tage mehr leben konnte – die Unterredung konnte er nicht stören. Ssmerdjäkoff lächelte zweideutig, als er Iwan Fedorowitsch erblickte, in der ersten Sekunde schien er sogar etwas erschrocken zu sein. Wenigstens schien es Iwan Fedorowitsch so. Doch das war vielleicht nur eine Sekunde lang der Fall, während der ganzen übrigen Zeit überraschte ihn Ssmerdjäkoff geradezu durch seine Ruhe. Schon beim ersten Blick auf ihn überzeugte sich Iwan Fedorowitsch, daß er tatsächlich krank war: man sah es ihm an, daß er schwach war; er sprach langsam und schien gleichsam nur mit Mühe die Zunge zu bewegen; er war sehr abgemagert und im Gesicht ganz gelb. Während der Unterredung, die etwa zwanzig Minuten dauerte, klagte er über Kopfschmerz und Gliederreißen. Sein trockenes, an Kastraten erinnerndes Gesicht schien ganz klein geworden zu sein; die früher peinlich gebürsteten Schläfenhaare waren struppig und borstig, und statt des kunstvoll aufgedrehten Haarbüschels über dem Scheitel, starrte nur ein einziges mageres Strähnlein empor. Aber sein zugekniffenes linkes Auge, das beständig zu zwinkern schien, als wolle es einen Wink geben, verriet sofort den früheren Ssmerdjäkoff. „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Genuß,“ fiel es Iwan Fedorowitsch beim Anblick dieses linken Auges ein. Er setzte sich am Fußende des Lagers auf eine kleine Holzbank. Ssmerdjäkoff bewegte seinen Körper mit leidender Miene auf dem Bett, begann aber nicht als erster zu sprechen: er schwieg, und auch sonst blickte er drein, als errege der Besuch nicht sehr seine Neugier.
„Kannst du mit mir sprechen?“ fragte Iwan Fedorowitsch, „ich werde dich nicht gar zu sehr ermüden.“
„Das kann ich sehr wohl,“ sagte Ssmerdjäkoff gleichsam kauend und mit müder Stimme. „Geruhtet Ihr schon vor langer Zeit anzukommen?“ fügte er nach einer Weile gnädig hinzu, als wolle er dem verlegen gewordenen Besucher helfen, über das Peinliche hinwegzukommen.
„Nein, erst heute ... um den Brei, den ihr hier eingerührt habt, auszulöffeln.“
Ssmerdjäkoff seufzte.
„Warum seufzt du, du wußtest es doch?“ fuhr ihn Iwan Fedorowitsch zornig an.
Ssmerdjäkoff schwieg hartnäckig.