„Auf morgen!“ rief wieder Iwan und verließ das Haus.

Das Schneetreiben hatte noch immer nicht nachgelassen. Das erste Stück vom Hause ging er mit festen, sicheren Schritten, doch plötzlich war ihm, als finge er zu wanken an. „Das muß etwas Physisches sein,“ meinte er bei sich lächelnd. Es war ihm, als wenn jetzt geradezu eine große Freude seine Seele ergriffen hätte. Er fühlte eine grenzenlose Festigkeit in sich: die Zweifel und Ahnungen, die ihn in den letzten langen Wochen so gefoltert hatten, waren überwunden. „Der Entschluß ist gefaßt, und ich werde ihn nicht mehr ändern,“ dachte Iwan und fühlte sich glücklich bei diesem Gedanken. In dem Augenblick stolperte er über irgend etwas und wäre beinahe gefallen. Er blieb stehen und gewahrte schließlich in der matten Dunkelheit vor seinen Füßen das von ihm niedergeworfene betrunkene Bäuerlein. Es lag auf derselben Stelle, wo es nach dem ihm versetzten Stoß hingefallen war. Regungslos und bewußtlos lag es da. Der Schnee hatte ihm schon fast das ganze Gesicht verweht. Iwan beugte sich plötzlich zu dem Liegenden nieder, erfaßte ihn und wollte ihn sich auf den Rücken laden. Da erblickte er weiter rechts Licht in einem Häuschen. Er ging hin, klopfte an den Fensterladen und bat den Kleinbürger, den Besitzer des Häuschens, der ihm die Tür aufmachte, ihm zu helfen, das Bäuerlein bis zur nächsten Wachtstube zu bringen, wofür er ihm drei Rubel versprach. Der Kleinbürger kleidete sich an und trat heraus. Ich werde nicht weiter ausführlich erzählen, wie es Iwan Fedorowitsch gelang, sein Ziel zu erreichen, den Bauer in der Wachtstube noch mit der Bedingung unterzubringen, daß sofort ein Arzt zur Untersuchung herbeigerufen werde, wozu er wieder, ohne zu zählen, Geld für die Ausgaben und „die Mühe“ gab. Ich will nur sagen, daß die Sache eine ganze Stunde in Anspruch nahm. Iwan Fedorowitsch war aber sehr zufrieden. Seine Gedanken schweiften unermüdlich umher und arbeiteten in ihm. „Wenn mein Entschluß für morgen nicht so fest gefaßt wäre,“ dachte er bei sich, und der Gedanke machte ihn fast glücklich, „würde ich mich nicht eine ganze Stunde lang mit diesem betrunkenen Bauern abgegeben haben; ich wäre vorübergegangen und hätte darauf gespuckt, daß er erfrieren könnte ... Wie gut ich mich aber beobachten kann,“ dachte er gleich darauf mit noch größerer Zufriedenheit. „Und die glaubten ja schon, daß ich wahnsinnig werden würde!“ Als er bei seiner Wohnung anlangte, blieb er plötzlich vor der unerwarteten Frage, ob er nicht sofort, unverzüglich zum Staatsanwalt gehen solle, um ihn sogleich von allem zu benachrichtigen, auf der Straße stehen. Er entschied jedoch, sich zum Hause wendend: „Morgen – alles zugleich!“ Doch sonderbar: seine ganze freudige Stimmung und die gewisse erhebende Selbstzufriedenheit hatten ihn wie mit einem Schlage verlassen. Als er dann in sein Zimmer trat, war ihm, als wenn etwas Eisiges plötzlich sein Herz berührt hätte, wie eine Erinnerung, oder richtiger, wie ein Erinnertwerden an etwas Qualvolles und Ekelhaftes, das sich gerade in diesem Zimmer befand, und zwar gerade jetzt, soeben, aber auch schon früher dagewesen wäre. Er ließ sich erschöpft auf den Diwan nieder. Die alte Dienstmagd brachte ihm den Ssamowar, er goß sich ein Glas Tee ein, rührte es aber nicht an. Die Alte schickte er fort. Er stützte den Arm auf die Seitenlehne des Diwans – ihn schwindelte. Er fühlte sich krank und völlig kraftlos. Er wollte bereits in der Diwanecke einschlummern, doch trieb ihn eine innere Unruhe wieder auf; er erhob sich und ging im Zimmer auf und ab, um den Schlaf zu verscheuchen. Mitunter schien es ihm, daß er phantasiere. Doch nicht seine Krankheit beschäftigte ihn. Er setzte sich wieder hin; und da begann er zuweilen um sich zu blicken, nicht ununterbrochen, sondern nur hin und wieder, doch je länger desto schärfer, als ob er etwas zu erspähen suchte. Das tat er immer wieder. Schließlich heftete sich sein spähender Blick aufmerksam auf einen bestimmten Punkt. Ein kurzes Lächeln erschien auf seinen Lippen, und das Blut stieg ihm vor Zorn ins Gesicht bis hinauf über die Stirn. Lange saß er so auf seinem Platz, fest mit beiden Händen den Kopf stützend, doch seine Augen spähten immer noch nach jenem einen Punkt, dorthin nach dem Diwan, der an der gegenüberliegenden Wand stand. Augenscheinlich mußte dort etwas sein, das ihn reizte, irgendein Gegenstand vielleicht, der ihn beunruhigte und quälte und doch anzog ...

IX.
Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb

Ich bin kein Arzt, und doch muß ich wenigstens einiges zur Erklärung über die Natur der Krankheit Iwan Fedorowitschs sagen. Er befand sich an diesem Abend kurz vor dem Ausbruch eines Nervenfiebers, das sich schon lange in seinem zerrütteten Nervensystem vorbereitet hatte, und dem er nur infolge seiner hartnäckigen Widerstandskraft bis dahin noch nicht erlegen war. Obwohl ich fast nichts von Medizin verstehe, wage ich doch meine Vermutung auszusprechen, daß er vielleicht in der Tat durch übermäßige Willensanspannung den Ausbruch der Krankheit hinausgeschoben hatte, wahrscheinlich sogar in der Hoffnung, sie durch seinen bloßen Willen ganz zu überwinden. Er wußte, daß er nicht gesund war, doch empfand er einen heftigen Widerwillen bei dem Gedanken, in dieser Zeit krank zu werden, gerade in den bevorstehenden schicksalsschweren Stunden seines Lebens, da es hieß, Zeugnis abzulegen, kühn und entschlossen sein Wort zu sagen und „sich vor sich selbst zu rechtfertigen“. Übrigens war er auch schon einmal bei dem berühmten Moskauer Arzt gewesen, den Katerina Iwanowna gerufen hatte. Derselbe hatte ihn aufmerksam angehört und untersucht und darauf gesagt, daß er vielleicht sogar etwas wie – eine Gehirnzerrüttung habe, und war schließlich durchaus nicht erstaunt gewesen über ein gewisses Geständnis, das Iwan Fedorowitsch ihm, seinen Widerwillen und Ekel niederringend, zu guter Letzt gemacht hatte.

„Halluzinationen sind bei Ihrem Zustande sehr leicht möglich,“ hatte der Doktor gemeint, „obgleich man sie noch kontrollieren müßte ... Im übrigen müssen Sie unbedingt sofort, ohne einen Augenblick zu verlieren, mit einer ernsten Kur beginnen, denn sonst könnte es sehr schlimm werden.“ Iwan Fedorowitsch hatte aber den vernünftigen Rat nicht befolgt, hatte sich nicht hingelegt, und auch sonst nichts für seine Gesundheit getan. „Noch kann ich gehen, folglich reichen noch die Kräfte, falle ich hin – dann mag mich pflegen, wer Lust hat,“ dachte er.

So saß er denn jetzt in seinem Zimmer, wußte beinahe selbst, daß er im Fieber phantasierte, und blickte, wie ich schon vorhin sagte, angestrengt zur anderen Wand, als fixiere er dort einen Gegenstand auf dem Diwan. Dort saß plötzlich jemand! Wie und wann er hereingekommen war, das mag Gott wissen, denn als Iwan Fedorowitsch nach der Rückkehr von Ssmerdjäkoff das Zimmer betreten hatte, war niemand in demselben gewesen. Es war das irgendein Herr, oder richtiger, ein russischer Gentleman von der bekannten Sorte, jedenfalls kein sehr junger Mann mehr, einer „qui frisait la cinquantaine“, wie die Franzosen sagen, mit dunklem, ziemlich langem, dichtem, nur stellenweise leicht ergrautem Haar und keilförmig geschnittenem, gleichfalls etwas grau untermischtem Bart. Gekleidet war er in einen kurzen, augenscheinlich vom besten Schneider gearbeiteten, aber jetzt schon ziemlich abgetragenen braunen Rock, in ein Kleidungsstück, das ungefähr vor drei Jahren gearbeitet sein mochte und somit bereits ganz aus der Mode gekommen war, so daß diese Art Röcke von tonangebenden Herren seit etwa zwei Jahren nicht mehr getragen wurden. Die Wäsche, die lange Krawatte in der Art einer Schärpe, kurz, alles war so, wie es eben elegant gekleidete Gentlemen trugen, doch war die Wäsche, wenn man sie etwas näher betrachtete, schon ein wenig schmutzig und die breite Krawatte recht abgenutzt. Die karierten Hosen saßen tadellos, waren aber wiederum zu hell und irgendwie zu eng, jedenfalls trug man schon lange viel weitere, und ebenso war auch der weiße, weiche Filzhut, den der Gast denn doch etwas gar zu unsaisonmäßig mitgeschleppt hatte, nicht mehr zeitgemäß. Mit einem Wort, das Äußere hatte den Anschein von Wohlanständigkeit bei äußerst knappem Taschengelde. Man konnte glauben, daß der Gentleman jener Klasse von arbeitsscheuen Gutsherren angehörte, die zur Zeit der Leibeigenschaft ein faules Leben geführt hatten. Offenbar hatte er etwas mehr von der Welt gesehen und sich in guter Gesellschaft bewegt, hatte früher einmal Verbindungen gehabt und hielt sie vielleicht auch jetzt noch aufrecht, war aber allmählich durch seine Verarmung nach den flotten Jugendjahren und schließlich nach der Aufhebung der Leibeigenschaft zu einer Art von Schmarotzer „guten Tones“ herabgesunken, der sich als ewiger Gast bei alten Bekannten herumtreibt, die ihn dann seines verträglichen Charakters wegen freundlich bei sich leben lassen. Außerdem war er immerhin ein, nun ja, ein anständiger Mensch, den man sogar in der besten Gesellschaft an seinen Tisch setzen konnte, wenn auch, versteht sich, auf einen bescheidenen Platz. Solche Schmarotzer oder Gentlemen mit erträglichem Charakter, die zu erzählen verstehen und zu einer Partie Karten sich gut verwenden lassen (dagegen eine ausgesprochene Abneigung für jede Art von Aufträgen, mit denen man sie belästigen will, empfinden), sind gewöhnlich alleinstehende Menschen, Junggesellen oder Witwer, die mitunter sogar Kinder haben, doch werden diese Kinder dann immer irgendwo fern von ihnen erzogen, gewöhnlich bei irgendwelchen Tanten, deren aber der Gentleman in höherer Gesellschaft fast nie Erwähnung tut, gleichsam als schäme er sich dieser Verwandtschaft. Seiner Kinder entwöhnt er sich mit der Zeit fast ganz, wenn er auch noch hin und wieder, etwa zu seinem Namenstage und zu Weihnachten, Gratulationsbriefe von ihnen erhält und zuweilen sie sogar beantwortet. Die Physiognomie dieses unerwarteten Gastes war nicht gerade gutmütig, aber wiederum harmonisch und jedenfalls – je nach den Umständen – zu jedem liebenswürdigen Ausdruck bereit. Eine Uhr hatte er nicht bei sich, dafür aber trug er eine Schildpattlorgnette an einem schwarzen Bande. Den Mittelfinger der rechten Hand schmückte ein massiver goldener Ring mit einem billigen Opal. Iwan Fedorowitsch schwieg aus Wut und nahm sich vor, überhaupt nicht zu sprechen. Der Gast wartete und saß genau so, wie ein Krippenreiter sitzen würde, der soeben aus dem oberen Stock, in dem man ihm ein Zimmer zugewiesen hat, zum Tee hinabgestiegen ist, um dem Hausherrn bei Tisch Gesellschaft zu leisten, vorläufig aber noch rücksichtsvoll schweigt – da der Hausherr beschäftigt ist oder über irgend etwas mit gerunzelter Stirn nachdenkt, – jedoch zu gleicher Zeit zu jedem liebenswürdigen Gespräche bereit ist, sobald nur der Hausherr damit beginnen will. Plötzlich aber drückte sich in seinem Gesicht eine gewisse Besorgnis aus.

„Hör mal,“ sagte er hastig zu Iwan Fedorowitsch, „entschuldige, wenn ich störe, aber ich will dich ja nur daran erinnern: Du gingst doch zu Ssmerdjäkoff, um ihn über Katerina Iwanowna auszufragen, und nun bist du doch fortgegangen, ohne das Gewünschte erfahren zu haben, du hast es wohl vergessen ...“

„Ach, ja, richtig!“ entschlüpfte es Iwan, und die Sorge verfinsterte sein Gesicht. „Ja, ich vergaß es ... Übrigens ist das jetzt gleichgültig, ich habe doch alles auf morgen hinausgeschoben,“ murmelte er vor sich hin. „Du aber laß dir gesagt sein,“ wandte er sich plötzlich gereizt auffahrend an den Gast, „– ich hätte mich dessen soeben ganz von selbst erinnern müssen, denn gerade das bedrückte mir das Herz! Warum mischst du dich so vorwitzig ein? So könnte ich dir ja glauben, daß du mich darauf gebracht hast, und nicht, daß ich selbst darauf verfallen bin!“

„So glaub’s doch nicht, wenn du’s nicht willst,“ schlug der Gentleman, leise auflachend, freundlich vor. „Was ist denn das für ein Glaube, den man erzwingt? Zudem helfen doch in Glaubensdingen Beweise überhaupt nicht, besonders keine materiellen. Thomas glaubte nicht darum, weil er den auferstandenen Christus sah, sondern weil er schon früher zu glauben gewünscht hatte. Da haben wir jetzt zum Beispiel die Spiritisten ... ich habe sie sehr gern ... denk nur, sie sind überzeugt, daß sie dem Glauben nützen, weil die Teufel ihnen aus jener Welt ihre Hörner zeigen. ‚Das ist doch schon ein materieller Beweis dafür, daß es jene Welt gibt,‘ heißt es. Jene Welt und materielle Beweise – oje, oje! Und schließlich, selbst wenn der Teufel bewiesen ist, so ist doch noch längst nicht gesagt, daß damit auch Gott bewiesen ist! Ich will in die idealistische Gesellschaft eintreten, werde dort bei ihnen Opposition machen, das heißt sozusagen: ‚Bin Realist, aber kein Materialist‘, he–he!“

„Höre,“ sagte Iwan Fedorowitsch und erhob sich plötzlich von seinem Platz. „... Ich bin jetzt ganz wie ... es scheint mir, daß ich phantasiere ... selbstverständlich tue ich es ... im Fieber ... du kannst dort reden was du willst, mir ist alles gleich! Du wirst mich heute nicht mehr so in Wut bringen, wie das vorige Mal. Nur schäme ich mich irgendeiner ... Ich will im Zimmer umhergehen ... Zuweilen sehe ich dich nicht, und dann höre ich auch nicht einmal deine Stimme, ganz wie das vorige Mal, aber ich errate immer irgendwie, was du da brummst, denn du bist ich, ich, ich selbst rede und nicht du! Nur weiß ich nicht, ob ich das vorige Mal schlief, oder ob ich dich im Wachen sah? Ach was, ich werde das Handtuch mit kaltem Wasser anfeuchten und mir auf die Stirn legen, vielleicht vergehst du dann ...“