„Angeklagter, wählen Sie Ihre Worte besser,“ sagte, zu ihm gewandt, streng der Vorsitzende.

„Ich bin kein Pudel,“ brummte Grigorij.

„Nun, dann bin ich der Pudel, ich!“ rief Mitjä sofort. „Wenn das beleidigend ist, so nehme ich es auf mich und bitte ihn um Verzeihung: ich war ein Tier und bin grausam zu ihm gewesen! Auch zu dem Äsop bin ich grausam gewesen!“

„Zu welchem Äsop?“ fragte wieder streng der Vorsitzende.

„Nun, dann Narr ... zu dem Vater, zu Fedor Pawlowitsch ...“

Der Vorsitzende schärfte Mitjä nochmals und bedeutend strenger ein, daß er in der Wahl seiner Ausdrücke vorsichtiger sein müsse.

„Sie schaden sich dadurch selbst in der Meinung Ihrer Richter.“

Ebenso geschickt verfuhr der Verteidiger beim Verhör des Zeugen Rakitin. Ich bemerke, daß Rakitin einer der wichtigsten Zeugen war, auf die der Staatsanwalt besonders rechnete. Es erwies sich, daß er alles wußte, bewunderungswürdig viel wußte, überall war er gewesen, alles hatte er gesehen, mit allen gesprochen. Die Lebensgeschichte Fedor Pawlowitschs und aller Karamasoffs kannte er genau. Und dann: von dem Paket mit den dreitausend Rubeln hatte er schon von Mitjä selbst gehört. Darauf wußte er ausführlich von den Ausschreitungen Mitjäs im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu berichten, alle ihn kompromittierenden Worte und Gesten gab er wieder, wie z. B. die Geschichte mit dem „Bastwisch“, dem Hauptmann Ssnegireff. Doch über den wichtigsten Punkt, ob Fedor Pawlowitsch bei der Abrechnung über das Gut Mitjä noch etwas schuldig geblieben war – konnte auch er nichts aussagen, er beschränkte sich nur auf allgemeine Bemerkungen verächtlichen Charakters: „Wie kann man wissen, wer von diesen unsinnigen Karamasoffs, die sich nicht einmal selbst verstehen und begreifen können, dem anderen was schuldig geblieben ist?“ Die ganze Tragödie des vorliegenden Verbrechens stellte er dar als Produkt veralteter Sitten des Leibeigenschaftsregimes und des in Unordnung untergehenden Rußland, das schwer unter dem Mangel geeigneter Einrichtungen zu leiden habe. Kurz, er konnte einmal seine Meinungen aussprechen, und das war für ihn die Hauptsache. Bei diesem Prozeß zeichnete Rakitin sich zum erstenmal gewissermaßen aus. Auch wußte der Staatsanwalt, daß Rakitin einen Artikel für eine Zeitung über das Ereignis verfaßte, und zitierte in seiner Rede, wie wir später sehen werden, sogar einige Gedanken aus diesem Artikel – folglich mußte er ihn schon früher gelesen haben. Das Bild, das Rakitin von den Karamasoffs entworfen hatte, war sehr düster und unterstützte verhängnisvoll die Anklage. Überhaupt beeinflußte die Auslegung Rakitins das Publikum durch die Unabhängigkeit seiner Gedanken und die Tüchtigkeit seiner Gesinnung. Man hörte sogar zwei-, dreimal kurzen Applaus, besonders, als er von der Leibeigenschaft und dem unter der Unordnung leidenden Rußland sprach. Aber Rakitin machte als junger Mann doch einen kleinen Fehler, der vom Verteidiger denn auch sofort ausgenutzt wurde. Als er auf gewisse Fragen in betreff Gruschenkas antwortete, da erlaubte er sich, wahrscheinlich hingerissen von seinem Erfolge, dessen er sich freilich nur zu bewußt war, sowie von der Höhe der Standpunkte, zu denen er sich aufgeschwungen hatte, – da erlaubte er sich über Agrafena Alexandrowna etwas verächtliche Ausdrücke, wie z. B. „die Geliebte des Kaufmanns Ssamssonoff“. Viel hätte er später darum gegeben, um dieses Wörtchen rückgängig zu machen, denn an ihm wurde er sofort von Fetjukowitsch gepackt. Das konnte natürlich nur geschehen, weil Rakitin nicht für möglich gehalten hatte, daß Fetjukowitsch sich in dieser kurzen Frist mit der Sache so bis in die intimsten Einzelheiten hatte bekannt machen können.

„Gestatten Sie, daß ich mich erkundige,“ begann der Verteidiger mit dem liebenswürdigsten und höflichsten Lächeln, als die Reihe an ihn kam, – „Sie sind wohl derselbe Herr Rakitin, der die Broschüre, die von der Eparchialobrigkeit veröffentlicht worden ist, ‚Das Leben des in Gott entschlafenen Staretz Sossima‘ geschrieben hat, eine Broschüre voll tiefer und religiöser Ideen, mit einer vorzüglichen und ehrerbietigen Widmung an Se. Eminenz, die ich vor kurzem noch mit so großem Vergnügen gelesen habe?“

„Ich hatte sie nicht für den Druck bestimmt ... man hat sie später veröffentlicht,“ brummte Rakitin verdutzt und fast als schäme er sich.